Rechtfertigungsnarrative in der Frühen Neuzeit: Debatten um politische Normen in europäischen Ständeversammlungen des 16./17. Jahrhunderts

Projektleiterin: Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte | Profil

In dem Forschungsprojekt, das unter der Leitung von Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte stand, wurden Archivarbeiten durchgeführt, die einen Vergleich der Debatten um politische Normen in ausgewählten europäischen Regionen (u.a. Hessen-Kassel, Polen und eine französische Region) im 16. und 17. Jahrhundert zulassen. Bei diesen Untersuchungen war eine zentrale Frage, ob es ein vergleichbares politisches Vokabular in den Debatten der Ständeversammlungen gegeben hat, die sich u.a. an den Konflikten um das naturrechtlich begründete Recht der Not- und Gegenwehr entzündeten.
Die Untersuchungen zielten darauf, die Verzahnung der Debatten um politische Gruppenrechte mit denjenigen der zeitgenössischen Theoriedebatten um Individualrechte zu analysieren. Mit letzteren befassten sich sowohl spanisch-katholische Spätscholastiker (vor allem die Schule von Salamanca) als auch lutherische und reformierte juristisch-theologische Debatten. Es war deshalb zu klären, ob es jenseits der sich im 16. Jahrhundert ausbildenden konfessionellen Gegensätze eine gemeinsame politische Sprache der Zeitgenossen gegeben hat.

In der Untersuchung des Wandels des politischen Vokabulars konnte der Wandel politischer Normen greifbar werden. Methodisch rückte die Analyse der Grammatik politischer/politisch-theologischer Sprachen in der Frühneuzeit in den Mittelpunkt; mit deren Hilfe können sowohl die Pluralität normativer Ordnungen als auch deren Konvergenzen untersucht wurden. Als Rechtfertigungsnarrative gelten Begründungsmuster, mit deren Hilfe politische Positionen oder die Gültigkeit von Wertmustern legitimiert werden sollen. Die Untersuchung von Debatten zur Legitimation politischer Herrschaft anhand von Regentenspiegeln und Landtagsprotokollen erwies sich als ein geeigneter Forschungszugang.
Der Gegensatz zwischen Partikularität und Universalität, der sich im Gegensatz zwischen universalem Herrschaftsanspruch der Monarchien und den regionalen ständischen Identitäten artikulierte, war Ausgangspunkt für die Formulierung veränderter Rechtfertigungsnarrative, die an traditionale Teilhaberechte anknüpften.

Das Teilprojekt wurde vom 1.1.2009 bis zum 31.12.2011 bearbeitet; die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Therese Schwager bearbeitete den Teil zum Alten Reich (Ständeversammlungen in der Landgrafschaft Hessen-Kassel), Dr. Maciej Ptaczynski, Stipendiat aus Warschau, den Teil zu den polnischen Ständeversammlungen (16./17. Jh.).
Beide Mitarbeiter haben dabei eine weitgehend unbekannte Überlieferung aufgearbeitet. Dr. Therese Schwager hat die intensive Debatte um den Konfessionswechsel des Landgrafen Moritz (1607) analysiert; dazu gab es erste Vorarbeiten durch die Projektleiterin. Frau Schwager hat diese Materialien durch weitere Recherchen in anderen Archiven abrunden können. Wesentlich für die Fragestellung im Projekt (Normwandel auf Ständetagen Europas in der Frühen Neuzeit) war die Untersuchung der Konfessionsgegensätze im Territorium (Luthertum gegen Reformiertentum), anhand derer die konfessionsverschiedenen Zugänge zu den dominanten Normen dieser Jahrzehnte analysiert werden sollten: Gewissen als individuelle Kategorie, das Recht auf Gegen- und Notwehr. Der Konfessionswechsel stieß beim ständischen Adel und bei den neuen lutherischen Pfarrern auf erheblichen Widerstand; die mit einigen Adligen und Pfarrern durchgeführten Verhöre wurden protokolliert. Frau Schwager hat alle identifizieren können und dieses Material als Grundlage für ihre Untersuchungen zum Normwandel verwendet. Das Ergebnis ist für die Forschung weiterführend; die Protokolle sind als Anhang für die Publikation aufbereitet und kommentiert worden.
Dr. Maciej Ptaczynski hat die lateinisch/polnische Überlieferung aus den Sitzungen des Sejm (polnischer Reichstag) unter der Fragestellung des Projektes aufgearbeitet und damit für die noch junge polnische Ständeforschung Neuland betreten. Der interessante Befund ist, dass es trotz der auch in Polen wichtigen Konfessionsfrage des 16./17. Jahrhunderts kaum Debatten um die Normfragen gab, die mit theologiepolitischen Argumenten geführt worden wären. Vielmehr stand in Polen die Argumentation mit Hilfe der regionalen Tradition (patria-Begriff) und unter Verweis auf das römische Recht im Vordergrund. Im Zentrum stand stets die Frage nach dem Verhältnis von ständischem Adel und Wahlkönigtum, das mit Hilfe eines Vertragswerkes institutionalisiert werden musste. In diesem Zusammenhang tauchten die Begriffe Gewissen, Notwehr, Gegenwehr auch in der polnischen Debatte auf, die Argumentationsstrukturen aber waren anders angelegt als dies für das hessische Territorium der Fall gewesen war.

Der durch Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte formulierte Vergleich der Ergebnisse beider Regionalstudien konnte herausstellen, dass die frühneuzeitlichen Normdebatten stets von regionalen und römischrechtlichen Traditionen geprägt waren, dass aber im Alten Reich die konfessionellen Spannungen neue Argumente hinzugefügt haben, die in der polnischen Debatte nicht aufgetreten sind. Den Gründen wird in der Publikation ausführlich nachgegangen.

Auf der im Herbst 2009 in Greifswald (Krupp Forschungskolleg) durchgeführten Arbeitstagung waren die Kernfragen nach der Struktur der Normen und deren Vergleichbarkeit innerhalb von Europa bereits ausführlich erörtert worden. Dabei wurde deutlich, dass die in der Forschung lange Zeit als dominant anerkannte Charakterisierung dieser Ordnungsmuster als Republikanismus nicht länger aufrechterhalten werden kann.

Innerhalb der Clusterfelder wurde eine enge Kooperation mit den Forschungen von Prof. Andreas Fahrmeir (Geschichte), Prof. Matthias Lutz-Bachmann (Philosophie) und Prof. Rainer Forst (Philosophie) praktiziert.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Schorn-Schütte, Luise (2013): Was ist Wandel normativer Ordnungen im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts?, in: Fahrmeir, Andreas/Imhausen, Annette (Hg.), Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive, (Reihe: Normative Orders Bd. 8), Frankfurt am Main: Campus, 109-126; Schorn-Schütte, Luise (2012): „Die Rolle von Rechtfertigungsnarrativen in politisch-theologischen Debatten des 16. und 17. Jahrhunderts“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg, 339-345; Ptaszynski, Maciej (2012): „Orthodoxie aus der Provinz und Buchgelehrsamkeit. Theologisches Selbstverständnis der evangelischen Kirche in Pommern (16./17. Jahrhundert)“ , in: Schorn-Schütte, Luise (Hg.): Gelehrte Geistlichkeit - geistliche Gelehrte: Beiträge zur Geschichte des Bürgertums in der Frühneuzeit, Berlin, 53-74 und Schorn-Schütte, Luise (2009): „Vorstellungen von Herrschaft im 16. Jahrhundert. Grundzüge europäischer politischer Kommunikation“, in: Helmut Neuhaus (Hg.), Die Frühe Neuzeit als Epoche (=Beihefte zur HZ, Bd. 49), München 2009, 347-376.


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