Zur Funktion der Kanonisierung bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien

Projektleiterin: Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen) | Profil

Im Fokus der Untersuchung stehen die altorientalischen Wissenskulturen. Mit der Erfindung der Keilschrift gegen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. begann in Mesopotamien die systematische Erfassung und Weitergabe verschrifteten Wissens. Die Vermittlung der Keilschrift und der damit verbundenen Wissensgebiete (z.B. Divination, Medizin, Mathematik, Astrologie und Astronomie, Ritual- und Beschwörungskunst) oblag umfassend ausgebildeten Schreibern, die über Spezialkenntnisse verfügten und den gesellschaftlichen Eliten angehörten. Im Laufe von 3000 Jahren entstand ein umfangreiches Textkorpus von Schul- und Gelehrtentexten, das Einblick in die Berufs- und Ausbildungspraxis der mesopotamischen Experten gewährt. Diese Wissenssammlungen wurden überwiegend im Kontext von Palast- und Tempelbibliotheken und Expertenhäusern gefunden, was darauf hinweist, dass sowohl die Ausbildung der Experten als auch die Ausübung ihrer Tätigkeit in institutionellem Rahmen (Königshof, Tempel, Privathäuser von Gelehrten) erfolgte.

Das Projekt, das auf der Auswertung von bereits publizierten Wissenstexten basiert, beschäftigt sich mit den Voraussetzungen unter denen sich die mesopotamischen Wissenskulturen bildeten und fragt nach ihren Trägern und den Besonderheiten der Wissensvermittlung. Von zentraler Bedeutung sind die formalen Ordnungen, die bei der Entstehung, Sammlung, Pflege und Weitergabe des verschrifteten Wissens eine Rolle spielten. Geprüft wird, ob die Texte Normierungen enthalten, um welche Arten von Normierungen es sich handelt und welchem Zweck sie dienten. Hier geht es a) um den Aufbau von lexikalischen Listen nach graphischen, phonologischen, lexikalisch-semantischen und inhaltlichen Kriterien sowie um das Auftreten listenartiger Anordnungen in anderen Textgattungen, die von den Experten benutzt wurden; b) um den kasuistischen Aufbau der Textsammlungen aus den Disziplinen Recht, Medizin und Divination; c) um die Kanonizität der Keilschrifttexte (festgelegte Sequenz der Tontafeln innerhalb einer Serie, besondere Textmerkmale und sonstige Standardisierungen, die diese Tafeln auszeichnen) und d) die Kanonisierung der Wissensbestände, also die Übernahme autoritativer Schriften in die Curricula. Hier stellt sich die Frage, ob die Zugehörigkeit zum Kanon von den Institutionen Palast bzw. Tempel und ihren Interessen bestimmt wurde. In diesen Fällen könnten örtliche und zeitliche Unterschiede der Curricula machtpolitische und religiöse Verhältnisse sowie deren Veränderungen widerspiegeln.

Zunächst wurde im Projekt ein Überblick über die chronologische Entwicklung der Wissenstexte geschaffen (Um was für Texte handelt es sich? Wie sind sie aufgebaut? Welchen wissenschaftlichen Disziplinen gehören sie an?). Ausgangspunkt war der Zeitpunkt der Erfindung der Keilschrift (gegen 3200 v. Chr.). Neben Wirtschaftstexten entstanden bereits in dieser frühen Phase (lexikalische) Listen von Begriffs- und Themenfeldern, die entweder nach der Form oder Lautstruktur einzelner Zeichen oder nach sachlich-inhaltlichen Kriterien sortiert sind und die frühesten Hinweise auf bewusste Organisation und Überlieferung von Gelehrtenwissen bieten. Mit der chronologischen Entwicklung der Wissenstexte eng verbunden ist die Frage nach den Orten, an denen das Wissen weitergegeben wurde und den handelnden Experten.

Da der Gebrauch lexikalischer Listen während des gesamten Bestehens der mesopotamischen Keilschriftkultur für die Wissensüberlieferung von erheblicher Bedeutung war, bilden diese einen weiteren Forschungsschwerpunkt. In diesem Zusammenhang sind die sumerisch-akkadische Bilingualität der Schreiberausbildung und die Funktionsweise der Keilschrift als kombinierte Wort-/Silbenschrift zu berücksichtigen, die das Denken der Gelehrten geprägt und zu einer besonderen Hermeneutik geführt haben.

Die Beschäftigung mit paradigmatischen Fallsammlungen aus den Disziplinen Recht, Medizin und Divination (gemäß Jim Ritter „rational practice texts“) begann im Rahmen des Workshops „Prozedurentexte in Ägypten und Mesopotamien“ (2-4 Juli 2010 im Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg), der im Rahmen des Forschungsprojekts 3 „Prozedurentexte in der Entwicklung, Bewahrung und Vermittlung von Expertenwissen“ stattfand.

Mesopotamische Wissenstexte aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends sind in Mesopotamien selbst bislang in eher geringer Zahl gefunden worden. Aus den syrisch-anatolischen Nachbargebieten stammt eine beträchtliche Zahl von Texten in akkadischer und sumerischer Sprache, die Licht auf den Entwicklungsprozess des wissenschaftlichen Schrifttums werfen können. Solche Texte standen bei zwei Konferenzen im Fokus. Die Konferenz „Luwian Identities: Culture, Language and Religion Between Anatolia and the Aegean” (9.-10. Juni 2011, Reading University, Veranstalter: Alice Mouton und Ian Rutherford) bot den Anlass für die Beschäftigung mit der Organisation luwischer Texte in den Archiven der hethitischen Hauptstadt Hattusa. Da dort auch viele mesopotamische Wissenstexte aufbewahrt wurden, lassen sich Vergleiche hinsichtlich des unterschiedlichen Umgangs hethitischer Schreiber mit ausländischen Niederschriften ziehen. Diese lassen Rückschlüsse auf die Gründe der Bewahrung und Sammlung mesopotamischen Wissens zu. Der auf dem Konferenzvortrag basierende Artikel „'Luwian' Religious Texts in the Archives of Hattusa” erschien 2013 in: Alice Mouton/Ian Rutherford/Ilya Yakubovich (Hg.), Luwian Identities: Culture, Language and Religion Between Anatolia and the Aegean, Leiden/Boston: Brill, 159-176. Im Rahmen der Konferenz „Traditions of Written Knowledge in Ancient Egypt and Mesopotamia” (2.-4. Dezember 2011; Folgeworkshop 18. Mai 2012; Clustervilla Georg-Voigt-Straße 4, 60325 Frankfurt) wurden bestimmte Gruppen von Wissenstexten aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in Ägypten und Mesopotamien über einen längeren Zeitraum betrachtet und hinsichtlich ihrer Eigenheiten und Traditionen untersucht. Der Vortrag von Daliah Bawanypeck „Normative structures in Mesopotamian rituals: A comparison of hand-lifting rituals in the second and first millennium BC” knüpfte inhaltlich an den Beitrag zur Reading-Konferenz an, da die älteren mesopotamischen Handerhebungsrituale im syrisch-anatolischen Bereich gefunden wurden. Der Tagungsband erschien 2015: Daliah Bawanypeck/Annette Imhausen (Hg.): Traditions of Written Knowledge in Ancient Egypt and Mesopotamia (Alter Orient und Altes Testamen 403) Münster: Ugarit Verlag; darin erschien auch der Aufsatz von Daliah Bawanypeck, (2015): „Normative structures in Mesopotamian rituals: A comparison of hand-lifting rituals in the second and first millennium BC”.

In der Untersuchung werden verschiedene Themenbereiche aufgegriffen, die in jüngerer Zeit im Fokus der Forschungen zum Alten Orient und seinen Nachbarregionen stehen (z.B. knowledge transfer, canon and canonization, scribal education, hermeneutics). Aus wissenschaftshistorischer Sicht ist die Einbeziehung des mesopotamischen Weltbilds bedeutsam, das nicht zwischen wissenschaftlicher und metaphysischer Ebene trennt. Dadurch entsprechen die Wissenskategorien nicht dem modernen westlichen Wissenschaftsbegriff, sondern auch Fachgebiete wie die Divination (z.B. Eingeweideschau, terrestrische und astrologische Omina), die mit der Magie verbundene Medizin sowie die Himmelskunde inklusive ihrer astrologischen Aspekte stellen wissenschaftliche Disziplinen dar.

Das Projekt wurde während der zweiten Clusterphase weitergeführt.


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