Arbeitsfeld 3: Die Verfassung des Lebens

Im dritten Arbeitsfeld soll das im Projekt entwickelte Konzept einer „Biopolitik der Differenz“ im Hinblick auf das Verhältnis von Staat und Gesellschaft in Betracht kommen. Ausgangspunkt ist hier jene Analyse des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft, die in den Nachkriegsjahren in Deutschland maßgeblich war. Aufbauend auf diesem Materialkorpus und im Austausch mit den Forschungen in den ersten beiden Arbeitsfeldern zur Biopolitik wird eine neuartige Aneignung maßgeblicher Texte der politischen Philosophie der Moderne (v.a. Hobbes und Hegel) möglich. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie sich mithilfe der Reflexion auf das Verhältnis von Politik und Leben ein Problem des Staat-Gesellschaftsdiskurses durchdenken lässt, das durch die eingangs genannten Krisendiagnosen ins Zentrum der Diskussion gelangt ist. Dabei geht es um die Frage, wie sich Verfassungsprozesse jenseits des traditionellen Verhältnisses von Staat und Gesellschaft begreifen lassen. Diese Frage verbindet zwei verschiedene Aspekte: die Verfassung als die Verteilung und Organisation politischer Macht und die Verfassung als die politisch-rechtliche Strukturierung und damit Ermöglichung der ausdifferenzierten Teilbereiche der bürgerlichen Gesellschaft (im Sinne der "sozialer Konstitutionalisierung"; vgl. Teubner 2012). Diese Doppelfrage nach der Verfassung als Medium der Verbindung und Unterscheidung von Staat und Gesellschaft bzw. Politik und Leben soll in diesem Arbeitsfeld in zwei Hinsichten untersucht werden.
    (a) Unabhängig davon, ob die Kritik des (National-)Staats sich in der Perspektive auf dessen Aufhebung in supranationalen Formen des Politischen (EU, UN, WTO, etc.), in transnationalen Formen von global governance (Bankenregulierung – "Basel III", Schiedsgerichte, etc.) oder in der Hinwendung zu regionalen Formen der Organisation des gesellschaftlichen Lebens (Peergroup, Community, Netzwerk, Lebensformen) artikuliert, geht mit all diesen Modellen die Zurückweisung der Staat-Gesellschaft-Differenz einher. Daher erfordert eine Untersuchung der aktuellen Staatskritik zuvorderst eine Analyse der Bedingungen und Strukturen dessen, wogegen sie sich in Stellung bringt: In kritischer Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Entwürfen zu einer Verfassung nach dem Staat, ob als "dynamisches Verfassungsverständnis" (Habermas 2012: 256), "horizontale Konstitutionalisierung" (Joerges 2008) oder als "Globalverfassung" (Fischer-Lescano 2005), geht es daher um die Untersuchung der Gründe und Strukturen des konstitutiven, differentiellen Abhängigkeitsverhältnisses von (National-)Staat und bürgerlicher Gesellschaft. (b) Die genannten Kritiken des (National-)Staates sind dadurch bestimmt, dass sie an die Stelle der Organisation des Sozialen durch den Staat Modelle der Selbstorganisation des Sozialen stellen. Diese Vereinseitigung auf die selbstorganisierenden und -regulierenden Kräfte des Sozialen hat zur Konsequenz, dass sie die Frage nicht mehr beantworten können, wie politische Freiheit in ihrer spezifischen politischen Normativität – den Ideen der Allgemeinheit, Gleichheit und Solidarität – im Sozialen Wirksamkeit erlangen kann. Es scheint sich damit die Aporie einzustellen, dass das Soziale entweder im modernen Sinn als selbstregulierend oder aber, antimodern, als von außen staatlich gesteuert gedacht werden muss. In diesem Arbeitsfeld soll der Hypothese nachgegangen werden, dass sich diese Aporie auflösen lässt, wenn die begrifflichen Ressourcen einer Biopolitik der Differenz ins Spiel gebracht werden. Denn diese erlauben, die Differenz von Leben und Politik so zu denken, daß sie nicht nur – negativ – das gesellschaftliche Leben von der staatlichen Regulierung freisetzt, sondern – umgekehrt und positiv – die Freiheit des Politischen allererst ermöglicht. Die genannte Aporie beruhte demnach (undurchschaut) auf einem defizienten oder problematischen Verständnis der Differenz von Leben und Politik. Diese Hypothese soll vor allem durch eine kritische Rekonstruktion der Gedanken desjenigen Autors ausgearbeitet werden, der für die (deutsche) Diskussion von Staat und Gesellschaft grundlegend ist: der politischen Philosophie Hegels. Dabei soll gezeigt werden, dass sich bereits in der Hegelschen Staatsphilosophie, die die Staat-Gesellschaft-Differenz maßgeblich bestimmt hat, entscheidende Hinweise darauf finden, wie das äußerliche Verhältnis von bürgerlicher Gesellschaft und (National-)Staat durch einen Zusammenhang von Leben und Politik überwunden werden kann, in dem Politik und Leben je in sich die Differenz zum anderen geltend machen. Dieser Gedanke kann für die Frage nach einem erneuerten Begriff des Staates in Zeiten der Globalisierung (a) fruchtbar gemacht werden.

Literatur:
Fischer-Lescano, Andreas 2005: Globalverfassung: Die Geltungsbegründung der Menschenrechte. Weilerswist.
Habermas, Jürgen 2012: Nachmetaphysisches Denken II - Aufsätze und Repliken. Berlin.
Joerges, Christian 2008: "Kollisionsrecht als Form der Konstitutionalisierung Europas nach 'schmerzlichen Erfahrungen': Zur Kritik der Geschichtsvergessenheit der Europarechtswissenschaft", in: ders. et al. (Hrsg.): "Schmerzliche Erfahrungen der Vergangenheit" und der Prozess der Konstitutionalisierung Europas. Wiesbaden, 26-42.
Teubner, Gunther 2012: Verfassungsfragmente. Gesellschaftlicher Konstitutionalismus in der Globalisierung, Berlin.


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"The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" - Konferenz zu Ehren von Jürgen Habermas

Am 20. und 21. Juni fand am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" die Konferenz "The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" statt.
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