Arbeitsfeld 2: Das Problem der biopolitischen Form

Die Aufgabe von Arbeitsfeld 2 ist es, das Verhältnis zwischen dem in Arbeitsfeld 1 herausgearbeiteten Begriff des Lebens und dem modernen Begriff des Politischen systematisch zu entwickeln. Liegt der Fokus in Arbeitsfeld 1 auf der Differenz innerhalb des Lebens (interne Differenz), so behandelt Arbeitsfeld 2 die Differenz von Politik und Leben (relationale Differenz). Das Ziel ist dabei, ein konsistentes Verständnis davon zu gewinnen, wie sich die Politik in der Moderne auf das Leben bezieht, d.h. wie der moderne Begriff der Politik und der moderne Begriff des Lebens miteinander verbunden sind. Dieses Verständnis muss zwei Anforderungen integrieren, die in der bisherigen Auseinandersetzung weitgehend isoliert geblieben sind: Der Begriff des Lebens soll von der Politik her (oder auf die Politik hin) bestimmt werden, ohne dass der Begriff der Politik seine Differenz gegenüber dem des Leben verliert. Diese doppelte Anforderung verlangt methodisch zwei Schritte: In einem ersten Schritt (a) sollen bestehende Ansätze auf ihre Potentiale und auf ihre Schwachstellen untersucht werden. Im Zentrum stehen dabei jene biopolitischen Ansätze, die oben als "Biopolitik der Differenz" bezeichnet wurden, insbesondere der Ansatz Agambens. Bei Agamben interessiert dabei der Begriff der "Form", um den in seinem Homo-Sacer-Projekt die Differenz von Politik und Leben organisiert ist. Auf der Basis einer grundlegenden Relektüre Agambens soll in einem zweiten Schritt (b) ein eigener formtheoretischer Ansatz entwickelt werden, der eine Verbindung mit der politik- bzw. sozialtheoretischen Differenz von Staat und Gesellschaft ermöglicht. Ziel ist es hier, den Form-Begriff als Verbindungs- und zugleich als Trennungsglied von Politik und Leben zu begreifen, um dadurch deren Verhältnis in der Moderne adäquat beschreiben zu können.
    (a) Die Differenz von Politik und Leben bildet für Agamben das zentrale Problem okzidentaler Politik. Den problematischen Gehalt sieht er in der Trennung der politischen Form vom Leben als ihrem bloßen "Material". Die sich als "souverän" begreifende Politik greift auf das Leben so zu, dass es zu einem bloßen (formlosen) Überleben deformiert wird. Die Differenz von Politik und Leben impliziert somit zunächst wiederum (vgl. oben, AF 1.) eine Unterscheidung im Begriff des Lebens selbst – in ein politisches Leben (bíos) und das "nackte" Leben (zoé), das vom Politischen getrennt ist (Agamben 2002; mit Rückgriff auf Arendt 2002). Auf dieser Differenz im Leben selbst gründet Agamben eine kritische Diagnose der Moderne im Zeichen des "Lagers"; allerdings nicht – und darauf kommt es hier an –, um die Differenz von Politik und Leben zu verwerfen, sondern um sie anders zu verstehen. Dafür ist das Verhältnis von Leben und Form entscheidend (Agamben 2015: 195-213 und 2011: 127-149): Der negativen Biopolitik, die auf der Differenz von bíos und zoé basiert, stellt er eine positive Biopolitik entgegen, die er um das Syntagma forma vitae bzw. form-of-life zentriert (Agamben 2011: 131f.). Dabei wird die Form so bestimmt, dass das Leben weder von der Politik getrennt noch auf sie reduziert werden kann. Nicht zu trennen sind sie, weil "Lebensform" ein Leben bezeichnet, dem es um seine politische Form selbst geht; irreduzibel ist es, insofern die Lebensform als "Potentialität" über alle faktischen Formierungen hinausweist und somit jede Reduktion auf eine abschließende politische Gestalt ausschließt. Dieser letzte Punkt impliziert für Agamben notwendigerweise, dass eine positive Biopolitik der Lebensform nur jenseits des Staates (im Sinne von status, Zustand) zu konzipieren ist.
    (b) An diesem Punkt setzt die Konzeption der Relationalität von Leben und Politik im Zeichen der Form an. Sie baut auf Agamben auf und richtet sich zugleich gegen ihn, insofern sich aus Agambens Konzeption zwei wesentliche Desiderate ergeben: Zum einen wird der Staat von Agamben als etwas bloß Negatives bestimmt, zum anderen bleibt im Nachdenken über das Leben die Dimension der Gesellschaft weitgehend unberücksichtigt. Diese beiden Desiderate will das Projekt beheben. Die Hypothese lautet dabei gegen Agamben, dass sich die Differenz von Politik und Leben nicht fassen lässt, ohne beide in ihrer spezifisch modernen Neubestimmung zu verstehen: die Politik als partizipative Bestimmung des Allgemeinen, das Leben als die freie Entfaltung des Besonderen. In diesem Arbeitsfeld soll insbesondere der damit verbundene (oder darin implizierte) Begriff der Form herausgearbeitet werden. Dafür kann zusätzlich zu den oben (AF 1) genannten Vorarbeiten im Rahmen des Frankfurter Exzellenzclusters "Die Herausbildung Normativer Ordnungen" auch an ertragreiche Diskussionen am Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt angeschlossen werden.

Literatur:
Agamben, Giorgio 2002: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main.
Agamben, Giorgio 2011: Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform (Homo sacer IV.1). Frankfurt am Main.
Agamben, Giorgio 2015: The Use of Bodies (Homo sacer IV.2). Stanford.


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Am 20. und 21. Juni fand am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" die Konferenz "The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" statt.
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Das Programm und weitere Informationen finden Sie hier...

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12. bis 14. Dezember 2019

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