Beschreibung des Gesamtprojekts

Das Projekt „Die politische Differenz des Lebens“ unternimmt es, den Diskurs über Staat und Gesellschaft mit dem Diskurs über Politik und Leben in Beziehung zu setzen. Davon ist aus einer Reihe von Gründen ein wichtiger Erkenntnisgewinn zu erwarten. Auf der einen Seite kann die Diskussion zum Verhältnis von Politik und Leben etwas darüber lehren, wie die Gesellschaft als äußere Voraussetzung der Politik selbst politisch produziert und reproduziert wird. Nur wenn die Gesellschaft als lebendiger Zusammenhang verstanden wird, wird auch begreifbar, dass politische Regulierung notwendig die Regulierung gesellschaftlicher Selbstregulation sein muss. Auf der anderen Seite stellt die Beschreibung des modernen Verhältnisses von Staat und Gesellschaft eine Figur der Differenz bereit, die in den gegenwärtig dominanten Auseinandersetzungen um die Biopolitik fehlt. Nur wenn die Politik als gegenüber dem Leben kategorial differente Orientierung an der vernünftigen Bestimmung des Allgemeinen verstanden wird, lassen sie sich einander gegenüber als wechselseitig irreduzibel begreifen.
    Zugleich aber gilt, dass beide Diskurse einander nicht äußerlich ergänzen können, sondern innerlich verändern müssen. Denn während das Denken in den Kategorien von Staat und Gesellschaft dazu neigt, ihre Differenz als ein stabiles Verhältnis des Verschiedenen zu verstehen (und dadurch in Kohärenz zu überführen), stellt der biopolitische Diskurs einen Begriff des Lebens bereit, der durch seine wesentliche Unbestimmtheit und Entzogenheit bestimmt wird. Darin liegt das Spezifische der modernen Bestimmung des Lebens: Das Leben wird in der Moderne, im Bruch mit teleologischen Konzeptualisierungen, als selbstbezüglicher Prozess der Erhaltung und Steigerung ohne einen Zweck, in dem es sich erfüllt, und damit ohne abschließende Form gedacht (Ebeling 1976; v.a. die Beiträge von Blumenberg, Buck, Henrich und Spaemann; im Hintergrund steht dabei die kritische Deutung des modernen Lebensbegriffs, die Heidegger an Nietzsche entwickelt hat; vgl. Heidegger 1950 und 1961.). Im Verhältnis von Politik und Leben bedeutet dies: Leben ist in der Moderne das politisch hervorgebrachte Andere der Politik. Das Projekt zielt mithin auf das Denken einer doppelten Differenz: des Lebens gegenüber der Politik und der Politik gegenüber dem Leben. Diese Perspektive hat eine deskriptive und eine normative Bedeutung, die durch die Ausarbeitung einer Biopolitik der Differenz genauer bestimmt werden sollen.
    Deskriptiv: Auf einer ersten Ebene liegt das Ziel des Projekts darin, die differentielle Struktur der modernen Politik besser zu verstehen, von der her auch die Dynamik und Form ihrer aktuellen Krise zu begreifen ist. Denn die Biopolitik der Differenz versteht die moderne Form der Politik so, dass sie sich vom Leben ausdifferenziert und es dadurch als ihr Außen hervorbringt. Das entspricht der Weise, in der der Staat die Gesellschaft als eigenständige und selbstregulierte produziert und sich selbst erst durch diese Differenzierung bestimmt. Um die Differenzierungsbewegung genau zu begreifen, bedarf es allerdings mehr als der Feststellung einer solchen Entsprechung. Es soll vielmehr untersucht werden, inwiefern – in der einen Richtung – die staatliche Freigabe der Gesellschaft von der staatlichen Regulierung auf bestimmten Annahmen über die Selbstregulierung des Lebendigen beruht und inwiefern – in umgekehrter Richtung – das Verständnis des Lebens, auf dessen Erhaltung und Steigerung sich die biopolitisch verstandene Regierungstätigkeit richtet, systematisch mit der Gestalt der modernen, bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt. Dies ermöglicht auch, nach dem Verhältnis von Differenz und Krise zu fragen – also danach, inwiefern die Krisen, deren Wahrnehmung die aktuelle Debatte bestimmt, aus der zugrundeliegenden, strukturbestimmenden Differenz unmittelbar hervorgehen: Ist die Differenz als solche bereits eine krisenhafte, brüchige Figur? Und umgekehrt: Wie muss die zugrundeliegende Differenz – von Leben und Politik – begriffen und gestaltet werden, um solche pathologischen, krisenhaften Konsequenzen zu vermeiden?
    Normativ: Das führt auf eine zweite Ebene von Zielen des Projekts. Es soll ebenso die Frage stellen, wie sich ausgehend von den deskriptiven Klärungen zu Staat und Gesellschaft bzw. Politik und Leben die richtige Gestalt ihrer Differenzstruktur bestimmen lässt. Dazu schlägt das Projekt eine klare Positionierung vor: Die Figur einer Biopolitik der Differenz ist nicht nur deskriptiv aufschlussreich, sondern soll auch normativ verteidigt werden. Der Schlüssel dafür liegt in der konstitutiven Unbestimmtheit, die das Leben gegenüber der politischen Form ausmacht: Das Leben entzieht sich seiner politischen Formierung. Dies muss so verstanden werden, dass dem Leben (oder dem Lebendigen) damit eine Differenz gegenüber der Form als solcher zukommt. Durch seine Rekonstruktion im Rahmen einer Biopolitik der Differenz öffnet sich in dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft ein Spielraum der Veränderung, der beide Seiten (und damit zugleich die Weise ihrer Verbindung) betrifft: Die wesentliche Unbestimmtheit des Lebens, seine Differenz gegenüber jeder Form, eröffnet einen Raum für neue Weisen der Organisation gesellschaftlicher wie politischer Prozesse. Die Rekonstruktion im Rahmen einer Biopolitik der Differenz erlaubt also, den wesentlichen Unterschied von Staat und Gesellschaft zu denken, ohne sie einander äußerlich entgegenzusetzen und damit der wechselseitigen Veränderung zu entziehen. Die biopolitisch gedachte Unbestimmtheit (oder Formlosigkeit) des Lebens ist die Kraft der Veränderung in dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft.
    Um die Figur einer Biopolitik der Differenz zu bestimmen, bedarf es daher dreier Schritte: Erstens soll die Differenz im Leben bestimmt, d.h. ein Lebensbegriff entwickelt werden, der durch seine immanente Differenz bestimmt ist; zweitens soll die Differenz des Lebens zu seinem Anderen (zur Politik als Form) ausgearbeitet werden; drittens soll dadurch das Verhältnis des Lebens der Gesellschaft (oder der Gesellschaft als lebendiger, als Ensemble von lebendigen Vollzügen) zum Staat neu gedacht werden. Diese drei Schritte entsprechen den drei Arbeitsfeldern des Projekts.

Die Teilprojekte

Die Differenz des Lebens (Arbeitsfeld 1)
Das Problem der biopolitischen Form (Arbeitsfeld 2)
Die Verfassung des Lebens (Arbeitsfeld 3)

Literatur:
Ebeling, Hans (Hrsg.) 1976: Subjektivität und Selbsterhaltung: Beiträge zur Diagnose der Moderne. Frankfurt am Main.
Heidegger, Martin 1950: Holzwege. Frankfurt am Main.
Heidegger, Martin 1961: Nietzsche. Band I und II. Pfullingen.


Aktuelles

Neuer europäischer Forschungsverbund untersucht ab 2020 Wahlen in Zeiten der Krise demokratischer Ordnungen

Im Rahmen des neuen, von der Europäischen Kommission geförderten Forschungsverbunds „Reconstructing Democracy in Times of Crisis“ analysiert Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, zukünftig die Legitimität von und die Legitimation durch Wahlen in Zeiten der Krise der Demokratie. Mehr...

Denken im Widerspruch

Prof. Dr. Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" zum Gedenken an Theodor W. Adorno aus Anlass seines 50. Todestags. Mehr...

„Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" - Vortrag von Jürgen Habermas am 19. Juni 2019. Skript und Aufzeichnung verfügbar

Die Meldung zum Vortrag finden Sie: Hier...
Weitere Informationen (Videoaufzeichnung, Skript und Medienecho) finden Sie: Hier...

"The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" - Konferenz zu Ehren von Jürgen Habermas

Am 20. und 21. Juni fand am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" die Konferenz "The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" statt.
Die Meldung zur Konferenz finden Sie hier...
Das Programm und weitere Informationen finden Sie hier...

Nächste Termine

12. bis 14. Dezember 2019

Erste DVPW Thementagung: Wie relevant ist die Politikwissenschaft? Wissenstransfer und gesellschaftliche Wirkung von Forschung und Lehre. Mehr...

13. Dezember 2019, 10 Uhr

Workshop im Rahmen der Postdoctoral Dialogue Series: Progress and Regression in Politics. Mehr...

13. Dezember 2019, 18 Uhr

Keynote der 1. DVPW Thementagung "Wie relevant ist die Politikwissenschaft? Wissenstransfer und gesellschaftliche Wirkung von Forschung und Lehre": Helge Fuhst (ARD): Politikwissenschaft im Scheinwerferlicht - Kann sie den TV-Auftritt? Mehr...

16. Dezember 2019, 18 Uhr c.t.

Vortragsreihe „Haftungsrecht und Künstliche Intelligenz“: Prof. Dr. Herbert Zech: Spezifische KI-Risiken als Anknüpfungspunkt für Haftungsregelungen. Mehr...

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Neueste Medien

Kritik der Wertegemeinschaft oder: Über den Platz der Politik in der politischen Auseinandersetzung

Christoph Möllers
Kantorowicz Lecture in Political Language

Aufwachsen in THE WORLD

Dudley Andrew
Lecture & Film "Jia Zhangke: Kino der Transformation"

Neueste Volltexte

Burchard, Christoph (2019):

Künstliche Intelligenz als Ende des Strafrechts? Zur algorithmischen Transformation der Gesellschaft. Normative Orders Working Paper 02/2019. Mehr...

Kettemann, Matthias (2019):

Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019. Mehr...