Wandel normativer Ordnungen: Die Transnationalisierung von Herrschaft und Widerstand

Die fortschreitende Globalisierung führt nicht nur zu einer Verdichtung internationaler und transnationaler Beziehungen, sondern auch zu einer Akzentuierung des Widerstands gegen globale Ordnungspolitik. Zunehmender Widerstand gegen liberale Wirtschaftsmodelle, die Missachtung internationaler Regeln und offener Protest gegen „westliche Werte“ sind Anzeichen dafür. Das mag damit zusammenhängen, dass internationale Institutionen und Normen immer stärker durch nationale Grenzen durchgreifen und immer weiter reichende Anpassungsleistungen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren verlangen. Bislang haben solche Formen des politischen Widerstands in den Internationalen Beziehungen kaum systematische Beachtung gefunden, da sie weder mit dem realistischen noch dem liberalen oder dem konstruktivistischen Paradigma internationaler Politik angemessen erfasst werden können. Nur eine Perspektive, die es erlaubt, globale Politik in ihrer institutionellen und normativen Ausgestaltung auch als Herrschaftsordnung zu verstehen, kann Formen radikalen Widerstands gegen Institutionen und Normen der internationalen Politik wahrnehmen, erklären und normativ einordnen.

Die Frage des Projektes ist, wie transnationale Herrschaft und transnationaler Widerstand zusammenhängen. Eine zentrale Hypothese lautet, dass je mehr transnationale Herrschaft sich in Beherrschung ausdrückt und Möglichkeiten der Teilhabe und Kritik vermissen lässt oder beschneidet, desto eher sind kritische Akteure bereit, sich transnational zu organisieren, um ihrem Widerstand mehr Effektivität zu verleihen. Eine zweite, komplementäre Hypothese lautet, dass sich politische Ordnungen, um sich zu behaupten, transnationalen Widerstandsakteuren entgegenstellen müssen und zu diesem Zweck ihre Zusammenarbeit international stärken. Transnationale Herrschaft ist in diesem Sinne eine Antwort auf die politische Herausforderung einer normativen Ordnung.

Um diese Hypothesen prüfen zu können, sind zwei empirische Studien entstanden. Eine hat die transnationale Vernetzung von Sicherheitsorganisationen, insbesondere von Polizeien, analysiert, die sich in Reaktion auf die Transnationalisierung von Protest herausgebildet hat. Die zweite Studie setzte dagegen an der transnationalen Vernetzungen und Kooperationsformen von Widerstand an (hier: Exitformen von Widerstand in Ökodörfern), um Ausmaß und Form der Transnationalisierung von Herrschaftsformationen zu erheben. Analysiert wurde, inwiefern beide Transnationalisierungsprozesse voneinander beeinflusst sind (verstärkend/hemmend/ohne Einfluss). Beide Studien haben aufzeigen können, dass die Transnationalisierung von Herrschaft und Widerstand eng miteinander verzahnt sind. Herrschaftsformen transnationalisieren sich in Reaktion  auf eine entsprechende Transnationalisierung von Widerstand und Widerstand formiert sich zusehends gegenüber transnationalen Institutionen und Praktiken, je mehr diese mit Autorität ausgestattet werden. Dieser grundsätzliche Zusammenhang wurde auch in mehreren Workshops und Konferenzen, die das Projekt durchgeführt hat bestätigt. Dabei zeigt sich aber auch, dass die dafür verantwortlichen Mechanismen zwischen verschiedenen Formen von Herrschaft und Widerstand stark divergieren.

Beide Studien stehen kurz vor dem Abschluss und zentrale Ergebnisse daraus sind bereits publiziert worden, unter anderem in einem Projektband, der im Januar 2017 bei Springer erschienen ist. Darüber hinaus hat das Forschungsprojekt eine eigene workingpaper-Reihe etabliert (international dissidence), in der fortlaufend Forschungsergebnisse aus dem Projekt und im Projektkontext veröffentlicht wurden. Im Frühjahr 2017 hat das Forschungsprojekt darüber hinaus eine große internationale Konferenz organisiert, auf der die zentralen Forschungsergebnisse vorgestellt wurden und die neben internationalen Publikationen auch der Vorbereitung von Nachfolgeprojekten diente.

Die wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt:

Daase, Christopher/Nicole Deitelhoff/Ben Kamis /Jannik Pfister/Philip Wallmeier (Hg.): Herrschaft in den internationalen Beziehungen, Wiesbaden: Springer, 2017.

Pfister, Jannik: „Diesseits des Transnationalen. Die Verräumlichung widerständiger Praktiken von der Alterglobalisierungsbewegung bis Occupy“, in: K. H. Backhaus und David Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik, Frankfurt: Campus, 2016, S. 157–183.

Daase, Christopher und Nicole Deitelhoff: „Jenseits der Anarchie: Widerstand und Herrschaft im internationalen System“, in: Politische Vierteljahresschrift 56(2), 2015, S. 299–318.

Wallmeier, Philip: „Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern“, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft (Sonderband II), 2015, S. 181–200.

Deitelhoff, Nicole: „Leere Versprechungen? Deliberation und Opposition im Kontext transnationaler Legitimitätspolitik“, in: A. Geis/F. Nullmeier/C. Daase (Hg.): Der Aufstieg der Legimititätspolitik, (Leviathan Sonderband 27), Baden-Baden: Nomos, 2012, S. 63–82.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Daase, Christopher, Prof. Dr.

Deitelhoff, Nicole, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Kamis, Ben, MSc. I.R.

Pfister, Jannik

Wallmeier, Philip

 

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