Professur des Exzellenzclusters – Internationale Organisationen (Prof. Dr. Christopher Daase)

Die Clusterprofessur „Internationale Organisationen“ analysiert Entstehung, Wandel und Wirkung internationaler Normen und Institutionen. Dabei stehen Fragen des Friedens und der internationalen Sicherheit im Zentrum. Untersucht wird, wie Normen entstehen (z.B. die Norm, sich für vergangenes Unrecht zu entschuldigen oder die Norm, bei massiven Menschenrechtsverletzungen international einzugreifen), wie sich diese Normen in Konflikten verändern und sich mehr oder weniger institutionalisieren. Konkrete Projekte befassen sich mit (1) Humanitären Interventionen und Verantwortung, (2) den Normen internationaler Anerkennung, und (3) der Frage, wie und warum internationale Institutionen und Organisationen zum Gegenstand von Kritik und Widerstand werden.

(1) Humanitäre Interventionen und Verantwortung
Eine zentrale Frage internationaler Sicherheitspolitik ist, unter welchen Bedingungen die Souveränität eines Staates verletzt werden darf, um Menschen zu retten, die von massiven Menschenrechtsverletzungen betroffen sind. Dabei hat sich die Diskussion über „humanitäre Intervention“ in den letzten Jahren durch die Neuinterpretation von „Souveränität“ nicht nur als Abwehrrecht des Staates gegen äußere Einmischung, sondern auch als Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung grundlegend verändert. Inwiefern durch die sog. Schutzverantwortung der internationalen Gemeinschaft die Schwelle militärischer Intervention herabgesetzt wurde, inwiefern es sich um eine moralische oder rechtliche Norm handelt und in welchem Umfang sie die normative Ordnung der internationalen Politik verändert hat, ist auf Konferenzen und in Publikationen der Professur analysiert worden. Im Zentrum stand dabei die Spannung zwischen rechtlicher und moralischer Normativität, die mit der Verantwortung für internationale Menschenrechte einhergeht.

 (2)  Internationale Anerkennung
Viele internationale Konflikte drehen sich nicht nur um materielle (greed), sondern auch um ideelle oder identitäre Fragen (grievances). Ihr gemeinsamer Nenner sind Forderungen nach Anerkennung: Anerkennung von Ansprüchen auf Territorium oder Ressourcen, auf Herrschaft oder politische Partizipation, auf Status oder Identität. Der Kampf um Anerkennung kann paradoxe Folgen haben. Auf der einen Seite kann die Forderung nach Anerkennung die Grundlage für Respekt und Kooperation sein, auf der anderen Seite aber auch den Einsatz in einem Konflikt erhöhen und zur Eskalation beitragen. Unter welchen Umständen führt der Kampf um Anerkennung zu gewaltsamen Konflikten, unter welchen kann Anerkennung zur Deeskalation beitragen? Anerkennungskonflikte standen im Zentrum einer internationalen Tagung und sind Thema eines daraus hervorgegangenen Sammelbandes. Wichtig sind dabei vor allem die Überlegungen zur „graduellen Anerkennung“, mit der Bürgerkriegsparteien dazu gebracht werden können, sich wieder in den politischen Prozess zu integrieren und auf Gewalt schrittweise zu verzichten.

(3) Internationale Dissidenz
Internationale Institutionen und Organisationen sind in den letzten Jahren verstärkt Gegenstand der Kritik und des Widerstands geworden. Nicht nur Gruppen der Zivilgesellschaft, sondern auch Staaten distanzieren sich mehr oder weniger vehement von Normen und Institutionen der liberalen Weltordnung. Deshalb wurde in den vergangenen Jahren in Zusammenarbeit mit der Clusterprofessur “Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnung” eine Forschungsgruppe “Internationale Dissidenz” aufgebaut, die  fünf Drittmittelprojekte, die zu diesem Zusammenhang forschen, ebenso zusammenbringt, wie eine ganze Reihe von Promovierenden und PostDocs, die einen ähnlichen Forschungsfokus teilen. Die Forschungsgruppe hat eine Vortragsreihe etabliert (Protest – Widerstand  - Aufstand. Streit um politische Ordnung), mehrere nationale und internationale Konferenzen und Workshops organisiert, die inzwischen auch mehrere Publikationen hervorgebracht haben und noch bringen werden. Ebenso sind in diesem Zusammenhang auch neue Drittmittelinitiativen entstanden.

Weitere Projekte, die an der Professur mit externen Drittmitteln durchgeführt wurden, sind „Sicherheitskultur im Wandel“ (gefördert durch das BMBF), „Schuld und Sühne in der internationalen Politik“ (gefördert durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung) und „Transnationale Kooperation von Terrorgruppen“ (gefördert durch die DFG).

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Daase, Christopher/Nicole Deitelhoff/Ben Kamis/Jannik Pfister/Philip Wallmeier(eds.): Herrschaft in den Internationalen Beziehungen, Wiesbaden: Springer VS, 2017. (Therein: „Einleitung“ and papers of the PI and project collaborators).

*Daase, Christopher/Julian Junk/Gabi Schlag (eds.): Transformations of Security Studies - Dialogues, Discipline and Diversity, London: Routledge (PRIO New Security Studies Series). (Therein: Christopher Daase, „On Paradox and Pathologies: A Cultural Approach to Security“ and „Introduction to the Volume“)

Daase, Christopher & James Davis: Clausewitz On Small War, Oxford: Oxford University Press, 2015.

Daase, Christopher/Caroline Fehl/Anna Geis/Georgios Kolliarakis (eds.): Recognition in International Relations. Rethinking a Political Concept in a Global Context, Houndmills: Palgrave Macmillan, 2015.

*Daase, Christopher & Nicole Deitelhoff: „Jenseits der Anarchie: Widerstand und Herrschaft im internationalen System“, in: Politische Vierteljahresschrift 56: 2, pp. 299-318.

*Deitelhoff, Nicole & Christopher Daase: „Herrschaftszeiten. Internationale Politische Theorie als Gesellschaftstheorie der internationalen Beziehungen“, in: Zeitschrift für Politische Theorie, Jg. 6, Heft 2/2015, pp. 141–158.


Die wichtigsten Veranstaltungen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Lecture Series "Angriff auf die liberale Weltordnung – U.S. Außen- und Sicherheitspolitik unter Trump", April 20-July 20, 2017, Goethe-University Frankfurt.

International Conference „International Dissidence. Rule and Resistance in a globalized world“,March 2-4, 2017, Goethe-University Frankfurt.

Lecture Series „Protest - Widerstand - Aufstand. Streit um politische Ordnungen", November 09-July 11, 2017 (organized in cooperation with Nicole Deitelhoff).

Workshop „Protest und Widerstand im Zeitalter digitaler Medienkonstellationen“ May 6+27, 2016, Goethe-University Frankfurt am Main.  

International Expert Workshop „The Problem of Recognition in Global Politics“ (Chairs: Georgios Kolliarakis, Anna Geis, Christopher Daase, Caroline Fehl) University of Frankfurt, Cluster of Excellence “The Formation of Normative Orders”, June 21-22, 2012, Frankfurt am Main.


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