Pluralitätskulturen im modernen Südasien

Dr. Thomas K. Gugler

Laufzeit des Forschungsprojekts 12/2017 – 11/2019

Der südasiatische Raum ist eine der ärmsten, religiösesten und konfliktträchtigsten Regionen der Welt. Mit islamischen, buddhistischen und mehrheitlich vom Hinduismus geprägten Staaten ist Südasien wie keine andere Region geeignet, einen religionsübergreifenden Erkenntnisgewinn im Hinblick auf Pluralitätsstrategien unterschiedlicher religiöser Akteure zu generieren. Nach den Teilungswirren 1947 haben sich im islamischen Sezessionsstaat Pakistan und der ungleich größeren demokratischen Referenzgesellschaft Indien unterschiedliche politische und verfassungsrechtliche Zugänge und Rahmenbedingungen zu den Themenkomplexen Ethnifikation, Religionsdiversität und Vielfaltsfreude herausgebildet, die auch unter den Bedingungen eher demokratisch bzw. autoritär geprägter Regierungsstile zu unterschiedlichen Entwicklungen führten. Indien wird in länderübergreifenden religionssoziologischen Studien mit der höchsten gemessenen Gebetshäufigkeit nicht nur als ein Land der Hochreligiösen erfasst, sondern auch als das Land mit der höchsten Ausprägung an religiösem Pluralismus.
Im Kunststaat Pakistan wurde der indische Islam nationalisiert. Die nationalstaatliche Implementierung des Islam war ein Symbol für das politische Projekt der Einigung auch der sprachlich und kulturell sehr unterschiedlichen, 2500 km auseinanderliegenden beiden Landesteile im Osten und Westen. Bereits 1953 – mit dem Munir-Report als Folge auf die Massenausschreitungen gegen Ahmadis – widmete sich der pakistanische Staat dem Projekt, zu definieren, wer ein Muslim sei und wer nicht. Nach dem traumatischen Verlust Ostpakistans im Unabhängigkeitskrieg 1971 wuchs im Rest- und Rumpfstaat Westpakistan der politische Bedarf und das psychologische Bedürfnis nach einem starken Islam dramatisch an. 1974 wurden zahlreiche Gesetze gegen die muslimische Ahmadi-Minderheit verabschiedet, die tiefgreifende Diskriminierung legalisierten. Dies bestärkte eine sektiererische Fragmentierung der pakistanischen Gesellschaft.
Das Forschungsvorhaben soll die unterschiedlichen Entwicklungsdynamiken diverser religiöser communities nach 1947 länderübergreifend vergleichend deskriptiv darstellen und damit systematisch praktische Auswirkungen nationalstaatlicher Religionspolitik analytisch erfassen. Im Fokus steht der Umgang mit religiöser und sexueller Diversität.
Das Forschungsprojekt kooperiert mit dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der WWU Münster.

Ausgewählte Publikationen zum Projekt

Gugler, Thomas K. (2015): “Barelwis: Developments and Dynamics of Conflict with Deobandis”, in: Lloyd Ridgeon (Ed.): Sufis and Salafis in the Contemporary Age. London: Bloomsbury, pp. 171-189.

Gugler, Thomas K. (2014): „Okzidentale Homonormativität und nichtwestliche Kulturen“, in: Florian Mildenberger, Jennifer Evans, Rüdiger Lautmann u. Jakob Pastötter (Hgg.): Was ist Homosexualität? Forschungsgeschichte, gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven. Hamburg: Männerschwarm, S. 141-179.

Gugler, Thomas K. (2011): Mission Medina: Daʿwat-e Islāmī und Tablīġī Ǧamāʿat. I.d.R.: Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften. Bd. 18. Würzburg: Ergon.


Aktuelles

Neuer europäischer Forschungsverbund untersucht ab 2020 Wahlen in Zeiten der Krise demokratischer Ordnungen

Im Rahmen des neuen, von der Europäischen Kommission geförderten Forschungsverbunds „Reconstructing Democracy in Times of Crisis“ analysiert Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, zukünftig die Legitimität von und die Legitimation durch Wahlen in Zeiten der Krise der Demokratie. Mehr...

Denken im Widerspruch

Prof. Dr. Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" zum Gedenken an Theodor W. Adorno aus Anlass seines 50. Todestags. Mehr...

„Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" - Vortrag von Jürgen Habermas am 19. Juni 2019. Skript und Aufzeichnung verfügbar

Die Meldung zum Vortrag finden Sie: Hier...
Weitere Informationen (Videoaufzeichnung, Skript und Medienecho) finden Sie: Hier...

"The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" - Konferenz zu Ehren von Jürgen Habermas

Am 20. und 21. Juni fand am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" die Konferenz "The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" statt.
Die Meldung zur Konferenz finden Sie hier...
Das Programm und weitere Informationen finden Sie hier...

Nächste Termine

16. Oktober 2019, 17 Uhr

Vortrag auf der B3 Biennale des bewegten Bildes 2019: Prof. Dr. Klaus Günther: Ach! Über wirkliche Fiktionen und fiktionale Wirklichkeiten. Mehr...

16. Oktober 2019, 18.30 Uhr

Buchpräsentation: Prof. Dr. Susanne Schröter: Politischer Islam - Stresstest für Deutschland. Mehr...

17. Oktober 2019, 10 Uhr

Fellow Kolloquium: Prof. Dmitri Nikulin: »Rethinking Responsibility«. Mehr...

17. Oktober 2019, 15.30 Uhr

Vortrag auf der B3 Biennale des bewegten Bildes 2019: Prof. Dr. Rainer Forst: In der Höhle. Über Wirklichkeit und Macht. Mehr...

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Künstliche Intelligenz als Ende des Strafrechts? Zur algorithmischen Transformation der Gesellschaft. Normative Orders Working Paper 02/2019. Mehr...

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Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019. Mehr...