Forschungsprogramm

Mit dem thematischen Fokus auf die Herausbildung normativer Ordnungen werden die gegenwärtigen Konflikte um eine gerechte Weltordnung und ihre historische Genese aus der Perspektive verschiedener geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen (Philosophie, Geschichte, Politik- und Rechtswissenschaft, der Ethnologie, Ökonomie, Religionswissenschaft und Soziologie) untersucht. Im Unterschied zu funktionalistischen Erklärungsversuchen, die sich stets auf normexterne Faktoren beziehen – und die ihre wissenschaftliche Berechtigung haben – geht es dem Cluster um die internen Konflikte, Prozesse und Prozeduren bei der Herausbildung normativer Ordnungen. Normative Ordnungen dienen der Rechtfertigung von Ansprüchen auf Geltung und, darauf gestützt, auf Herrschaft und eine bestimmte Verteilung von Gütern und Lebenschancen. Sie sind eingebettet in Rechtfertigungsnarrative, die in singulären historischen Konstellationen unter einem spezifischen Problemdruck entstehen und zumeist über lange Zeiträume tradiert, modifiziert, institutionalisiert und praktiziert werden. Jedoch weist jedes tradierte Rechtfertigungsnarrativ immer zugleich über die Faktizität einer bestehenden Ordnung hinaus und bietet so Anknüpfungspunkte für Kritik, Zurückweisung oder auch Widerstand. Es ist diese performative Spannung zwischen Rechtfertigungsnarrativ und Rechtfertigungsanspruch, aus der sich die konfliktreiche Dynamik der Herausbildung und Veränderung normativer Ordnungen verstehen lässt.

Die an dem Exzellenzcluster beteiligten Wissenschaftler/-innen finden in diesem internen Standpunkt ihre gemeinsame Grundlage, von der aus sie mit ihren jeweils eigenen Mitteln die Herausbildung normativer Ordnungen untersuchen und sich zugleich reflexiv über diese gemeinsame Grundlage verständigen. Ohne die Unterscheidung zwischen interner und externer Perspektive auf die Herausbildung normativer Ordnungen zu verabsolutieren, lässt sich in gegenwärtigen Konflikten doch beobachten, dass Menschen ihre Unrechtserfahrungen unmittelbar artikulieren – mit allen Ambivalenzen, zumal dann, wenn solche Artikulationen in einer bisher nicht gekannten Weise durch Massenmedien rasch global verbreitet werden. Individuelle und kollektive Erfahrungen von Ungerechtigkeit, von Missachtung und Demütigung, von mangelndem Respekt vor der eigenen Würde steigern sich zu normativen Ansprüchen, die mit verschiedenen Gründen an verschiedene Adressaten gerichtet werden, notfalls auch mit Gewalt. So lässt sich gegenwärtig nur ahnen, welche heftigen Konflikte um gerechte normative Ordnungen der aktuell prognostizierte globale Klimawandel zeitigen wird – welche Verteilungskämpfe um knapper werdende lebenswichtige Ressourcen in den stärker belasteten Regionen, welche sozialen und kulturellen Kämpfe, wenn die vorhersehbaren massenhaften Migrationen in die klimatisch günstigeren Zonen beginnen.

Die Betroffenen nehmen dabei keine Rücksicht auf funktionale Differenzierungen von globalen Sozialsystemen oder auf semantische und institutionelle Unterschiede zwischen Recht, Moral und Religion. Während Menschen handeln und sprechen, sind sie gewiss auch anonyme Kreuzungspunkte von gesellschaftlichen Kommunikations- und unbewussten Symbolsystemen, bloße Spielmarken in einem strategischen Spiel um Rohstoff- oder Absatzmärkte oder von Massenmedien instrumentalisierte Sprachrohre partikularer Interessengruppen. Es geht im Forschungsprogramm nicht darum, die Geistes- und Sozialwissenschaften wieder in einen anthropologischen Schlummer zu versetzen und an einem Menschenbild auszurichten, das seine Kontextbestimmtheit verleugnet und sich zu einem transzendentalen Apriori aufspreizt. Uns erscheinen jedoch die tatsächlichen Empörungen über Ungerechtigkeiten – wie berechtigt, einseitig, selektiv und verzerrt sie im Einzelfall auch sein mögen – als hinreichende empirische Evidenz, um zu fragen, wie heutzutage eine Theorie der Herausbildung normativer Ordnungen jenseits der Dichotomie zwischen Handlungs- und Struktur- oder Systemtheorie möglich ist, die angesichts der globalen Herausforderungen einen strukturtheoretischen Quietismus ebenso vermeidet wie einen handlungstheoretischen Alarmismus.

 


Aktuelles

„Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ untersucht in Zukunft die Bedingungen produktiver Konflikte

Die Arbeit in dem Frankfurter Teil des neuen Instituts baut auf der elfjährigen Zusammenarbeit der WissenschaftlerInnen im Rahmen des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ mit der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und dem Frankfurter Fachbereich Gesellschaftswissenschaften auf. Projektleiterin in Frankfurt ist Prof. Nicole Deitelhoff. Stellvertretende Sprecher sind Prof. Daniela Grunow und Prof. Rainer Forst. Mehr...

Leibniz-Preis 2019 für Ayelet Shachar

Prof. Dr. Ayelet Shachar, Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen und Principal Investigator des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", ist Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträgerin 2019. Mehr...

Nächste Termine

17. Januar 2019, 18.15 Uhr

Vortrag: Prof. Martin Jay (University of California, Berkeley): 1968 in an Expanded Field: The Frankfurt School and the Uneven Course of History. Mehr...

17. Januar 2019, 20.15 Uhr

Lecture & Film "Die Erfinderin der Formen. Das Kino von Chantal Akerman": Tim Griffin (New York): Akermans Dispositionen. Mehr...

23. Januar 2019, 18.15 Uhr

Ringvorlesung des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen": The End of Pacification? The Transformation of Political Violence in the 21st Century: Prof. Dr. Christopher Daase (Frankfurt): Sanktionskriege: Probleme dezentraler militärischer Normdurchsetzung. Mehr...

Neueste Medien

Zwischen Grundgesetz und Scharia. Der lange Weg des Islam nach Deutschland

Prof. em. Dr. Rudolf Steinberg. Kommentare von: Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Susanne Schröter. Moderation: Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann
Autorengespräch innerhalb der Reihe »Das Forschungskolleg Humanwissenschaften stellt vor: …«

Filme schneiden mit Chantal Akerman: Ein Erfahrungsbericht am Beispiel von D’Est

Claire Atherton
Lecture and Film "Die Erfinderin der Formen. Das Kino von Chantal Akerman"

Neueste Volltexte

Kettemann, Matthias; Kleinwächter, Wolfgang; Senges, Max (2018):

The Time is Right for Europe to Take the Lead in Global Internet Governance. Normative Orders Working Paper 02/2018. Mehr...

Klump, Rainer und Lars Pilz (2018):

Durch Eigennutz zum Gemeinwohl: Individualisierung, Reformation und der „Geist des Kapitalismus“. Zur Entstehung und Bedeutung von Leonhard Fronspergers Schrift „Von dem Lob deß Eigen Nutzen“ aus dem Jahre 1564. Normative Orders Working Paper 01/2018. Mehr...