Von Michael Schedelik und Linde Storm

„Diesseits von Eden – Religion zwischen Pontifex und Postsäkularismus“ lautete der Titel des Frankfurter Stadtgesprächs, das am 22. Mai 2013 zum zehnten Mal im Frankfurter Kunstverein geführt wurde. Es diskutierten Prof. Michael Sievernich SJ, emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Honorarprofessor für Pastoraltheologie sowie ehemaliger Rektor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, und Prof. Thomas M. Schmidt, Professor für Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie und kooptierter Professor am Institut für Philosophie der Goethe-Universität sowie Angehöriger des Exzellenzclusters, über die Bedeutung der Religion in einer pluralistischen Gesellschaft. Veranstalter waren der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Kunstverein. Bernd Frye, Pressereferent des Exzellenzclusters, führte durch den Abend.

Zunächst diagnostizierten die Gesprächspartner ein wiedererwachtes Interesse an der Religion und eine zunehmende, durchaus affirmative Medialisierung von Ereignissen wie der jüngst zurückliegenden Papstwahl. Thomas M. Schmidt erklärte diese Tendenzen mit dem hohen Erregungs- und Aufmerksamkeitspotential, das Religion als das letzte verbliebene „Andere“ der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft besitze, auch verursache „Außergewöhnliches“, „Schräges“ stets einen Aufmerksamkeitseffekt. Das Fremde, Irritierende, so Schmidt, sei der Spiegel, vor dem sich das Selbst thematisiere. Nach dem Wegfall des realexistierenden Sozialismus‘ habe die Religion, unter ihr insbesondere der Islam, diesen Platz eingenommen und sei das alleinige Abgrenzungspotenzial.

Anschließend wurde gefragt, inwiefern man tatsächlich von einer „Rückkehr“ der Religion sprechen könne, und wie es generell um die Religion in der säkularen Gesellschaft bestellt sei. Pater Sievernich vertrat die Ansicht, die Religion kehre nicht zurück: „Sie war nie verschwunden; sie wandelt sich.“ Dagegen argumentierte Thomas M. Schmidt, dass man durchaus einen manifesten Mitgliederschwund der Kirchen konzedieren müsse, dieser aber nicht mit einem Bedeutungsverlust der Religion gleichzusetzen sei. Er thematisierte das Schlagwort „Postsäkularismus“, welches den Begriff der Säkularisierung, verstanden als linearen Prozess der Aufklärung und Rationalisierung, tendenziell abgelöst habe. Dieser bezeichne einen Zustand „nach“ der Säkularisierung, der einerseits durch die normativen Standards wie Autonomie, Individualismus und eine wissenschaftliche Weltsicht geprägt sei, in dem aber dennoch das Religiöse einen hohen Stellenwert behalte.

In Bezug auf die Situation der katholischen Kirche waren sich die Diskutanten einig, dass ihre Botschaft für die Gesellschaft resonanzfähiger zu gestalten sei. Dabei gelte es jedoch die Balance zwischen Anbiederung und Offenheit zu finden.

Schmidt postulierte, dass Kirche eine „lebendige Option“ bleiben müsse und demnach ihren Mitgliedern eine Bewältigung der kognitiven Herausforderungen der Moderne ermöglichen müsse. Dies beinhalte auf der einen Seite eine kritische Solidarität mit der eigenen Tradition und auf der anderen Seite eine Öffnung für moderne Standards wie z. B. die Gleichstellung der Frau. In diesem Sinne forderte Schmidt eine kontextuelle Theologie, die die Unterschiedlichkeit der weltweit 1,2 Milliarden Mitglieder anerkenne. Denn die strukturelle Verachtung von Frauen im Kirchendienst sei „kein Luxusproblem“.

Auf die Frage, was von dem neuen Papst Franziskus erwartet werden könne, antwortete Pater Sievernich, der diesen bereits in den 1980er Jahren, u. a. bei einem Aufenthalt in Frankfurt am Main, kennengelernt hatte, zuerst, dass er seine Rolle als Pontifex (lat. „Brückenbauer“) unter dem Stichwort „Glaube und Gerechtigkeit“ ausführen werde. Er mahnte aber auch: „Mutet ihm nicht alles zu. Macht auch was selber!“ Die Förderung der Verständigung zwischen Religionen und Kulturen könne nur symbolisch vom Papst vorangetrieben werden, sei aber „eigentlich unser aller Sache“. Auch die Grundfrage der Armut in der Welt, die der Papst in das Zentrum seiner Bemühen rücken werde, gehe alle an. Papst Franziskus sei in jedem Fall „im Sinne einer Solidarität im Diesseits […] bei diesem ‚Spiel‘ dabei.“

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