Das 15. Frankfurter Stadtgespräch führen die Historiker Christopher Clark und Christoph Cornelißen über Schuldzuschreibung in der Historiografie und die Komplexität der Entstehung des Ersten Weltkriegs

Von Michael Schedelik und Linde Storm

Wer trägt die Verantwortung? Diese Frage ist nicht nur in alltäglichen Zusammenhängen allgegenwärtig, sondern spielt auch im Umgang mit der Geschichte eine wichtige Rolle – sie bestimmt das Selbstverständnis von Gesellschaften und Nationen. Wie sinnvoll Zuschreibungen von Schuld und Verantwortung in der Geschichtsschreibung jedoch sind, darüber diskutierten Christopher Clark, Professor für Neuere Europäische Geschichte an der Cambridge University, und Christoph Cornelißen, Professor für Neueste Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und assoziiertes Mitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ aus aktuellem Anlass am Beispiel des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Veranstalter des 15. Frankfurter Stadtgesprächs mit dem Titel „Wer hat angefangen? Sinn und Unsinn historischer Schuldzuschreibung“ am 26. Mai 2014 im Historischen Museum war der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main. Klaus Günther, Co-Sprecher des Exzellenzclusters und Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht, moderierte das Gespräch.

Klaus Günther brachte zunächst Christopher Clarks jüngst erschienenes Buch Die Schlafwandler. Wie Deutschland in den Ersten Weltkrieg zog ins Gespräch, das Teil der gegenwärtigen Debatte über die Kriegsschuld Deutschlands geworden ist und heftige Reaktionen von Kollegen ausgelöst hat. So sprach beispielsweise der Historiker Hans-Ulrich Wehler davon, Clark bediene das „apologetische Bedürfnis“ der Deutschen, sich von ihrer Kriegsschuld zu befreien. Entschieden wies Clark dies zurück und betonte, es liege ihm fern, die Schuld der Deutschen auf irgendeine Weise zu minimieren und wie der britische Politiker Lloyd George zu behaupten, alle Beteiligten seien unwillentlich in die Katastrophe „hineingeschlittert“. Vielmehr habe er versucht, darauf hinzudeuten, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch die Verantwortlichen anderer europäischer Nationen das Risiko eines großen Krieges sehenden Auges in Kauf genommen hätten.

Günther fragte nach, ob Deutschland nicht dennoch das Hauptgewicht der Verantwortung getragen habe, nicht zuletzt wegen der uneingeschränkten Bündniszusicherung Deutschlands gegenüber Österreich-Ungarn. Clark erwiderte, dass nicht eine einzelne Handlung entscheidend genug gewesen sei, eine Zuschreibung von Hauptschuld zu rechtfertigen. Der Krieg sei aus dem Zusammenspiel einer Vielzahl egoistischer Handlungen – „einem riskanten Spiel“ – aller Parteien entstanden: „Alle wollten bis zum Ende pokern.“ So dürften auch die Julikrise und die deutsche „Blankovollmacht“ für Österreich-Ungarn nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssten in den weiteren europäischen Kontext eingebettet werden. England und Frankreich hätten ebenso Zusicherungen abgegeben, die die politische Gesamtkonstellation im Jahre 1914 festgeschrieben hätten „Als das komplexeste Ereignis der Moderne, eventuell aller Zeiten“ bezeichnete Clark das historische Gefüge. Sein Anliegen sei, die Teile des Gefüges transparent zu machen.

Christoph Cornelißen stellte die Diskussion über Clarks Buch und um die Kriegsschuldfrage in einen weiteren Zusammenhang der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung. Zunächst wies er darauf hin, dass in Bezug auf den Ersten Weltkrieg nicht umsonst von einem „Weltkrieg der Dokumente“ gesprochen werde. Bereits in den unmittelbaren Nachkriegsjahren seien auf allen Seiten „Unmengen an Beweismaterial“ angehäuft worden, das gegen die „andere Seite“ verwendet werden konnte. Speziell die deutsche Historiografie zeichne sich nun dadurch aus, dass viele Historiker über den Ersten Weltkrieg durch die Linse des Zweiten schauten und schrieben und somit immer auch die Erfahrungen des Nationalsozialismus mitverarbeiteten. Dies treffe insbesondere auf Fritz Fischer zu, der die These vertreten hatte, das Kaiserreich habe den „großen Krieg“ bewusst herbeigeführt, um sich als Weltmacht zu etablieren. Wichtig sei dabei, zu verstehen, dass die Geschichtsschreibung selbst nur Diskussionsanreize bieten könne und keine endgültigen Lösungen.

Daraufhin stellte Günther die Frage, ob es grundsätzlich die Aufgabe der Historiografie sei, für die Entwicklung von Geschichtsnarrativen Verantwortung von Individuen zu bestimmen oder ob sie sich im Gegensatz dazu auf die strukturellen Prozesse und kausale Faktoren fokussieren und die Handelnden – „Marionetten“-gleich –ausblenden solle. „Alles verstehen heißt alles verzeihen“ – sei, so fragte Günther mit den Worten Madame de Staëls weiter, eine damit einhergehende Entlastung der Akteure überhaupt wünschenswert? Clark ging darauf ein mit der Feststellung des Grundsatzes, dass „die Essenz von Geschichtsschreibung überhaupt ist, dass etwas passiert ist“. Es gehe nicht nur darum, zu erklären, wie etwas gekommen sei, sondern wichtig sei zudem, die Faktoren deutlich zu machen, welche Zukünfte eben auch nicht möglich waren. Er führte an, dass es im Vorkriegsdeutschland auch Faktoren für andere Zukünfte gegeben habe. Grundlage sei jedoch stets eine Geschichte der Ereignisse.

Clark veranschaulichte seine Auffassung des Verhältnisses von Strukturen und Ereignissen am Bild der „schiefen Ebene“ des Historikers Wolfgang Mommsens. Clark argumentierte, dass der Krieg nicht unausweichlich gewesen sei; es habe aber eine zunehmende Wahrscheinlichkeit aufgrund der herrschenden politischen Konstellation gegeben – trotz gegenläufiger Entwicklungen, wie beispielsweise der angestrebten Verständigung Großbritanniens mit Deutschland. „Die Bündnisstrukturen waren offener als man gemeinhin denkt.“ Große Ereignisse, so Clark, hätten die Tendenz, uns „ihre Unausweichlichkeit zu oktroyieren“. Ereignisse, wie auch Strukturen seien jedoch „weich“ und somit prinzipiell offen für Veränderungen. Menschen, die in Ereignissen handelten, verkörperten in Narrative eingebettete Strukturen.

Im Versailler-Vertrag, so Günther, gebe es erstmalig in der Geschichte die Feststellung von moralischer Schuld nach kriegerischen Auseinandersetzungen. Cornelißen fragte hierzu nach einer grundsätzlichen Möglichkeit von moderner Geschichtsschreibung ohne den Einbezug von Schuldzuweisung. Clark wiederum vermutete, dass sich gerade wegen der Komplexität der Ereignisse des Ersten Weltkriegs die Frage nach Verantwortlichkeiten vordringlich stelle. Somit knüpften die Gesprächsteilnehmer wieder an die eingangs gestellte Frage an: Wer trägt die Verantwortung?


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