Von Michael Schedelik

Eine „Tour d’Horizon“ der Kritischen Theorie von ihren Anfängen in den 1930er Jahren über ihre Aktualisierung im Werk von Jürgen Habermas‘ bis in die Gegenwart versprach die politische Philosophin Seyla Benhabib (Yale) in ihrem Vortrag „Der ethisch-politische Horizont der Kritischen Theorie: Gestern und heute“ am 4. Juni 2014 im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der Universität, die sie neben der Yale University und der New School for Social Research (New York) als ihre intellektuelle Heimstätte bezeichnet.

 Zu Beginn rief Benhabib den „Horizont“, die historischen Voraussetzungen der Herausbildung der Kritischen Theorie in Erinnerung – der sich ausbreitende Antisemitismus, Faschismus und Nationalismus in Europa, ein politisches Umfeld, in dem die Arbeiterbewegung massiv bekämpft wurde. Die „Frankfurter Schule“ sei vor allem als Antwort auf diese Erfahrungen entstanden.

Die Programmatik, das „Kritische“ der Kritischen Theorie findet sich nach Benhabib am deutlichsten in Horkheimers Aufsatz „Traditionelle und Kritische Theorie“ von 1937, in welchem er drei, künftige Arbeiten maßgeblich beeinflussende Dimensionen der Kritik artikuliere: eine „entlarvende Kritik“, eine „immanente Kritik“ und eine „Kritik als Krisentheorie“.

Horkheimer entfalte die beiden ersten Varianten der Kritik anhand seiner Kritik der „Traditionellen Theorie“ – d. h. dem zu jener Zeit vorherrschenden Rationalismus und Empirismus. „Immanente Kritik“ beispielsweise bedeute, dass die Ansprüche des Erkenntnissubjekts an der Erfahrung des Wissens selbst gemessen werden sollten. Demgegenüber betone er die Dimension der „Kritik als Krisentheorie“: Die Aufgabe kritischer Gesellschaftstheorie sei, die gesellschaftliche Welt als „ein historisch widersprüchliches Ganzes“ zu begreifen und Möglichkeiten zu ihrer Überwindung zu analysieren. Die Kritische Theorie stehe dabei im Schulterschluss mit jenen Kräften, die eine Veränderung des Bestehenden anstrebten.

Dieses Programm der Kritischen Theorie sei, so Benhabib, von Jürgen Habermas aktualisiert worden, der die Absicht, die Gegenwart als eine „widersprüchliche Totalität“ zu begreifen, immer beibehalten habe. Dennoch habe er grundlegende Änderungen des Ansatzes der „alten“ Frankfurter Schule vorgenommen: Erstens habe er das Konzept der gesellschaftlichen Praxis in Arbeit und Interaktion differenziert und den Begriff der Interaktion in eine Theorie kommunikativen Handelns integriert. Ferner habe er dabei die Einsichten der systemtheoretischen Soziologie von Talcott Parsons und Niklas Luhmann in eine Kritische Theorie der Gesellschaft eingeführt.

Zweitens habe Habermas die Verbindung von „Kritik“ und „Krise“ wiederhergestellt, die zuvor in der Dialektik der Aufklärung (1944) und dann durch die „Hoffnungslosigkeit der Theorie einer ‚vollständig integrierten Totalität‘“ in Adornos Spätwerk getrennt worden sei. Habermas unterscheide nunmehr zwischen funktionalen Krisen der Wirtschaft bzw. des administrativen Systems und „erlebten Krisen“ der Motivation und Legitimation und entwickele auf diese Weise eine vielschichtige Krisentheorie.

Daraufhin ging Benhabib auf die Entwicklung der Kritischen Theorie nach den 1970er Jahren ein, die wesentlich eine „transatlantische Angelegenheit“ gewesen sei. Der „transatlantische Dialog“ mit unterschiedlichsten philosophischen Traditionen wie dem amerikanischen Pragmatismus, dem Liberalismus und dem Feminismus habe zu entscheidenden Erneuerungen dieser Denkschule beigetragen. So sei Karl-Otto Apels und Habermas‘ Idee der idealen Sprechsituation stark von Charles Sanders Pierce epistemologischen „Gemeinschaft der Forschenden“ beeinflusst worden. Aber auch das Werk von John Dewey und der Austausch mit Richard Bernstein und Richard Rorty hätten beispielsweise Habermas‘ Konzept der Demokratie geprägt. Die „überraschendste und unerwartete Richtungsänderung“ der Kritischen Theorie hingegen sei die eingehende Auseinandersetzung von Habermas und seinen Schülern mit dem Liberalismus von John Rawls und Ronald Dworkin.

„Eine der größten Leistungen zeitgenössischer Kritischer Theorie“ sei es, so Benahbib, die Grenzen des Rawls`schen Paradigmas umverteilender Gerechtigkeit aufgezeigt, und um Beziehungen der Missachtung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Ethnizität und sexueller Neigung ergänzt zu haben. Angesichts dieser Kämpfe um gesellschaftliche Anerkennung und Inklusion bleibe der kritische Intellektuelle gezwungen, in das „agonistische Verhältnis zwischen sozialer Bewegung und Theorie“ einzutreten. Die Aufgabe Kritischer Theorie sei es demnach, neue Ideale der Gleichheit, Gerechtigkeit und demokratischer Beteiligung zu konstruieren, durch die sich diese sozialen Kämpfe emanzipatorisch artikulieren könnten. Dazu sei es notwendig, das Paradox von Identität und Differenz auszuhandeln und demokratische Gleichheit um den Respekt für Andersheit zu erweitern.

Zuletzt nahm Benhabib Bezug auf die Herausforderungen einer sich zu einer „postnationalen Konstellation“ gewandelten Welt. So seien durch die Prozesse der Globalisierung weder Nationen noch Nationalismus verschwunden, im Gegenteil erlebten diese eine „paradoxe Renaissance“, durch die es zu Fragmentierung und Separatismus komme. Die Kritische Theorie müsse daher den „methodologischen Nationalismus“ hinter sich lassen und sich vielmehr einen kosmopolitischen Analyserahmen zu eigen machen. Ein durch einen solchen Analyserahmen informierten „Kosmopolitismus ohne Illusionen“, wie er von Benhabib in ihren neueren Arbeiten ausgearbeitet worden ist, befasse sich mit einer der großen Fragen unserer Zeit: den sich wandelnden Grenzen demokratischer Selbstbestimmung durch Einwanderung, Asyl und Flüchtlingsbewegungen – Phänomene also, die bereits das Leben der Mitglieder der Frankfurter Schule wesentlich betrafen.

Frau Benhabib, Eugene Meyer Professorin für Politische Wissenschaften und Philosophie an der Yale University, war von Mai bis Juli 2014 Fellow des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main und arbeitete dort zu dem Verhältnis von universellen Prinzipien der Menschenrechte und demokratischen Staatsbürgerrechten.


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