Von Marian Nestroy

Im Jahr 1985 veröffentlichte die US-amerikanische Band The Ramones in Großbritannien die Single ‚Bonzo goes to Bitburg‘. Darin sang Joey Ramone: „Bonzo goes to Bitburg then goes out for a cup of tea. As I watched it on TV somehow it really bothered me“. Der Titel nahm Bezug auf den Film ‚Bedtime for Bonzo‘ aus dem Jahr 1951, in dem der Affe Bonzo Teil eines psychologischen Experiments ist. Der Bonzo in Bitburg jedoch war kein Affe, sondern US-Präsident Ronald Reagan, der in seiner ersten Karriere im besagten Film die Hauptrolle spielte. Joey Ramone, mit bürgerlichem Namen Jeffry Ross Hyman, machte damit als jüdischer US-Amerikaner seinem Ärger über den Besuch des Kriegsgräberfriedhofs in Bitburg Luft.
Was war geschehen? Anfang Mai 1985 besuchte Reagan gemeinsam mit seinem deutschen Amtskollegen Helmut Kohl den besagten Friedhof, wo neben Wehrmachtssoldaten auch Angehörige der Waffen-SS lagen. Dass ein US-Präsident Tote der SS besucht, rief auf Seiten der Amerikaner schon bei der Planung zuvor Missmut hervor. Daher wurde von deutscher Seite noch ein anderer Termin vereinbart: der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Was die amerikanische Delegation offenbar soweit zufrieden stimmte, dürfte Joey Ramone weitere Bauchschmerzen bereitet haben. Stellte doch diese Aneinanderreihung der Besuche eine Analogie von Opfern her: auf der einen Seite die Toten der Konzentrationslager, auf der anderen Seite die eines vermeintlich normalen Krieges. Die Verbrechen der Wehrmacht und der SS verschwanden so hinter der geschichtspolitischen Äquivalenz. Diese Umkehr war Teil der ‚Geistig-Moralischen-Wende‘, die die Regierung unter Kohl zu Beginn ihrer Amtszeit 1982 zuvor zu ihrem Leitmotiv erhoben hatte. Welcher Weg den deutschen Konservatismus an die Stelle führte und wie er seitdem weiterging, diskutierte Thomas Biebricher, derzeit Postdoktorand am Exzellenzcluster Normative Ordnungen, in einem Vortrag im Rahmen der Goethe Lectures Offenbach. Dabei ging er von der Feststellung aus, dass der Niedergang der Sozialdemokratie und der gegenwärtige Erfolg des Rechtspopulismus ein anderes Phänomen verdecken: die Krise des Konservatismus. In Ländern wie England, den USA, Italien aber auch Deutschland beobachtet er den Niedergang von klassischen konservativen Positionen. Biebricher fragte daher an diesem Abend nach, ob es sich nun um eine kurz- oder um eine langfristige Krise handelt?

1968 und der Wandel des Konservatismus
Wer für den deutschen Konservatismus von einem Verfall oder einer Krise spricht, muss auch den Moment definieren, in welchem die Entwicklung begann. Für Biebricher sollte dies ein Moment sein, in welchem der Konservatismus besonders stark erschien. Dies kann für ihn nur die Anfangszeit von Kohls Kanzlerschaft in den frühen 80ern sein. „Wenn es eine Zeit gab, in der der Konservatismus vor Kraft nur so zu strotzen schien und ein eigenes Projekt verfolgte“, so Biebricher „dann zur Zeit der ‚Geistig-Moralischen-Wende.“
    Was zum damaligen Zeitpunkt vielleicht neu erschien, erweist sich mit zeitlichem Abstand als das Ergebnis mehrerer Faktoren. Zentrale Elemente sind in den Ereignissen rund um das Jahr 1968 zu suchen, in dem die Proteste der Studierenden die junge Bundesrepublik herausforderten. Während zuvor eher ein technokratischer Konservatismus vorherrschte, der Politik als das Lösen von technischen Problemen verstand und dabei auf einen starken Staat setzte, gerieten nun ein Verfall der Werte in den Blick.
Hintergrund dieses Wandels war die veränderte Situation im wiederaufgebauten Deutschland. Das Land nüchterte langsam vom wirtschaftlichen Höhenflug aus und die erste Generation nach dem Ende des zweiten Weltkriegs war herangewachsen. Als jene die vorhandenen normativen Ordnungen und den Kapitalismus in Frage stellte, sah man von konservativer Seite zentrale Stützpfeiler angegriffen. Tugenden, die das wirtschaftliche Wachstum vermeintlich ausmachten, schienen zu verkommen und zunehmend einer Unwilligkeit zu weichen, sich an die Erfordernisse des Kapitalismus anzupassen. Vorgeworfen wurde der Studierendenbewegung folgerichtig Realitätsferne und Faulheit. Das Selbstbild des Neokonservatismus nach ’68 war dabei aber nicht durch grundsätzliche Ablehnung von gesellschaftlichen Veränderungen geprägt; nach Biebricher war vielmehr eine Fortschrittsskepsis vorherrschend, die bei Entscheidungen über Veränderungen nach hinreichend begründeten Eingriffen verlangte. Einer sprunghaften Veränderung, wie sie zum Forderungskanon der „‘68er“ in Form der Revolution gehörte, wurde zu Gunsten einer langsamen und irgendwie erfahrungsgesättigten Entwicklung abgelehnt. Der Bezugspunkt dieser begleiteten Entwicklung war das vermeintlich Ursprüngliche: Heimat, eigene Wurzeln und Ahnen.
Obwohl sich der technokratische Konservatismus vor ’68 und der Neokonservatismus danach unterschieden – starke Institutionen auf der einen und zerfallende Werte auf der anderen Seite – gibt es zwei Gemeinsamkeiten. Beide wehrten sich gegen die zunehmenden Rechtsansprüche einer jungen Generation an den Staat. Diesen gegenüber wurden von konservativer Seite Pflichten gegenüber der Gemeinschaft betont. Darüber hinaus sah man die Gefahr, dass die Kapazitäten der Demokratie mit der Anspruchswelle überfordert werden könnten, denn diese bot in konservativer Sicht nur ein begrenztes Maß an Mitbestimmungsmöglichkeiten. Die Forderung nach erweiterten Mitbestimmungsmöglichkeiten der jungen Generation schien dem Konservatismus daher ebenso wenig realistisch wie ihr Beharren auf Rechten.

Die Geistig-moralische Wende nimmt Fahrt auf
Die wirtschaftlichen Krisen der 80er brachten nicht nur in Deutschland eine politische Wende mit sich. In den USA wurde der Demokrat Jimmy Carter durch Ronald Reagan abgelöst und im Vereinigten Königreich unterlag der Labourpolitiker James Callaghan der konservativen Margaret Thatcher. In Deutschland war es ein konstruktives Misstrauensvotum, welches die Regierung unter Helmut Schmidt 1982 zu Fall brachte und den neuen Kanzler Helmut Kohl ins Amt hob.
    Kohls Agenda baute, so Biebricher, auf das neokonservative Denken im Nachgang von ’68 auf. So wurde die ökonomische Krise in eine Krise der Moral verwandelt und der Aufbaugeist der Währungsreform von 1948 gegen den Geist von 1968 in Stellung gebracht. Gegenüber den Forderungen nach Rechten wurden nun die nach Pflichten stark gemacht. Im gänzlich antimarxistisch gedachten Ansatz der ‚Geistig-moralischen Wende‘ war der normative Kern die Forderung nach Eigenverantwortlichkeit enthalten. Biebricher sieht aber auch liberale Kernideen in Kohls diskursiver Strategie der Moralisierung. Denn sie zielte letztlich auf Leistungsbereitschaft, mit der Idee, dass derjenige, der sich nur genug anstrenge, auch der erfolgreiche sein werde.
    Es verwundert daher nicht, dass Biebricher bei Erläuterungen zu den Spielfeldern des Ansatzes zuerst auf die Wirtschaftspolitik einging. Fortan wurde die ‚Politik der schwarzen Null‘ angestrebt, die einen ausgeglichenen Haushalt fordert, indem sie jegliche Neuverschuldung zu vermeiden versucht. Dies ist für Biebricher das wohl erfolgreichste Produkt der ‚Geistig-Moralischen Wende‘, denn sie wurde über die Parteigrenzen der CDU hinaus zu einem Ideal in der Wirtschaftspolitik gemacht. So gilt beispielsweise heute der Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz als prominenter sozialdemokratischer Vertreter des eigentlich aus dem konservativen Lager stammenden Ansatzes.
    Der andere große Wirkungsbereich von Kohls Politik war der Eingangs genannte Bereich der Geschichtspolitik. Die Besinnung auf eine positiv besetzte Geschichte der Deutschen als Fortführung des konservativen Interesses am Narrativ der Ursprünglichkeit sollte Identifikationsfläche schaffen und den Weg in eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft weisen. Maßnahmen waren hier nicht nur der deutsch-amerikanische Besuch der Kriegsgräberstätte Bitburg, sondern auch das Haus der Geschichte in Bonn. Passend zur Äquivalenz der Toten der Konzentrationslager, den toten Soldaten und zur Rückbesinnung auf den Aufbaugeist von ’48, wird dort nur die Geschichte Westdeutschlands seit 1945 behandelt.
    Biebricher wies jedoch im Anschluss daraufhin, dass sich mit dem Erfolg in Symbol- und Sparpolitik keine Zufriedenheit mit der ‚Geistig-moralischen-Wende‘ im konservativen Lager einstellen wollte.  Bereits ab Mitte der 80er wurde am rechten Rand der CDU über ein fehlendes inhaltlich-konservatives Profil geklagt. Darüber hinaus war man hier unzufrieden mit den Leistungen des Kanzlers, der die Reformen der sozialliberalen Koalitionen unter Brandt und Schmidt zu wenig entgegengetreten war. Diese Enttäuschung über die wenigen Ergebnisse war bis weit in die 90er hinein spürbar.

Die Krise des Konservatismus
Dies aufnehmend, folgerte Biebricher schließlich, dass es sich bei der Erschöpfung des Konservatismus um eine längerfristige Krise handeln muss, die seit der beginnenden Enttäuschung in den 80ern schwelt. Hierzu kommen weitere Problemlagen, die den Konservatismus seitdem beschäftigen. Seit der politischen Wende in der DDR und der Eingliederung in die Bundesrepublik, ein Ereignis, das von Seiten der CDU eigentlich bis heute als Erfolg gefeiert wurde, fehlt der große politische Antipode. Das Feindbild des real existierenden Sozialismus, diente dem Konservatismus dazu klarzumachen, welche Gesellschaftsform nicht wünschenswert ist. Nach 1989 gab es zwar die Nachfolgeparteien der ehemaligen SED, doch diese konnten offenbar nicht im selben Maße zur Abgrenzung dienen wie das staatstragende Original. Darüber hinaus verblassten die Folgen von ’68, an denen sich die Anliegen des Neokonservatismus eigentlich erst entzündeten. Die Kritische Theorie als versierter Gegenspieler konservativer Denker begann sich in den 90ern zudem vermehrt mit dem Neoliberalismus und weniger mit dem Konservatismus zu beschäftigen. Waren es in den 60ern noch Theodor W. Adorno, der sich mit dem ‚Krontheoretiker‘ des technokratischen Konservatismus Arnold Gehlen über soziale Institutionen stritt, so kann für Jürgen Habermas eine ähnliche Gegnerschaft nicht festgestellt werden.
    Dass die Konservativen es so schwer haben, sich als Gegenpart zu präsentieren, liegt dabei aber nicht nur am Schwund von Feindbildern. Biebricher sieht auch eine Unterbrechung der intellektuellen Nachfolge im Konservatismus als Ursache für die Krise des Konservatismus. Konservativere Intellektuelle hätten sich in jüngerer Zeit viel mehr der Neuen Rechten zugewandt und weniger jener Tradition, in welcher sich die CDU sieht. Diese hat sich aus deren Sicht seit längerem zu stark liberalisiert und in Angelegenheiten wie dem Mindestlohn, der Wehrpflicht und dem Atomausstieg zu sehr an ein linkeres Denken angenähert. Auch sagt Biebricher sind alte Allianzen, wie die zur Kirche weitestgehend unsicher und nicht mehr selbstverständlich geworden. Während früher häufig die Kirche voranpreschte und konservative Politiker zum Teil mäßigend wirken mussten, fragte sich Jens Spahn im Streit um die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche, wo die gewohnte Schützenhilfe durch den Klerus blieb.
    All diese Tendenzen blieben durch die bisher anhaltenden Wahlerfolge der CDU weitestgehend verdeckt, sind aber laut Biebricher spätestens seit 2017 nicht mehr zu kaschieren. Die Frage ist, wie der deutsche Konservatismus gedenkt dieser substantiellen Auszehrung zu begegnen. Bisher, resümiert Biebricher, konnte er sich als Krisenlöser in einer unübersichtlichen Welt präsentieren, was ihn aber nie in die Nähe von kreativen Gestaltern setzte. Auch war die CDU nie eine programmatisch orientierte Volkspartei, die gerade mit dem Neokonservatismus der ‚Geistig-Moralischen Wende‘ begann politisch nur auf Sicht zu fahren. Auf der einen Seite bietet dies eine Chance zur Erneuerung, auf der anderen war es genau dieser Stil, der den rechten Flügel enttäuschte und zum Aufstieg der Rechtspopulisten führte. Mit der Feststellung einer dauerhaften Krise des Konservatismus bleibt also die Frage zurück, was von der ‚Geistig-Moralischen Wende‘, jener Hochphase des Konservatismus, übrigblieb. Hier verweist Biebricher auf die dauerhaft erfolgreiche Moralisierung von Politik, die vor allem in den Diskursen rund um die Griechenlandkrise spürbar geworden ist. Darüber hinaus ist es die bereits angesprochene Finanzpolitik, die über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus maßgeblich beim Umgang mit der Krise des Euro geworden ist. Ob dies zu einer Revitalisierung des Konservatismus reicht, blieb für den Abend offen. Sicher erscheint eigentlich nur, dass der eher mittelmäßige Ramones-Song über ‚Bonzo‘ in Bitburg, als wahrscheinlich einziges musikalisches Ergebnis der ‚Geistig-moralischen Wende‘, hier eher nicht helfen wird.

 


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In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

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