Von Tanja Strukelj

Das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion hat durch die Debatten um virtuelle Realität und Fake News an Aufmerksamkeit gewonnen. Kann man Wirklichkeit und Fiktion trotz ihrer verschwimmenden Grenzen noch klar voneinander trennen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Klaus Günther in seinem Vortrag, den er am 16. Oktober 2019 auf der Frankfurter Buchmesse im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes hielt. In diesem Jahr beschäftigte die B3 unter dem Stichwort „Realities“ mit Themen wie Virtual Realities und Künstlicher Intelligenz, zu deren Erkundungen Klaus Günther beitrug. Klaus Günther ist Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht, seit 2007 Co-Sprecher des Forschungsverbunds „Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied im Kollegium des Instituts für Sozialforschung.
Stehen Fiktion und Wirklichkeit einander unversöhnlich gegenüber? Klaus Günther lässt deren Grenzen verschwimmen, wenn er von „wirklichen Fiktionen“ und „fiktionaler Wirklichkeit“ spricht: Einerseits haben einige fiktive Elemente Auswirkungen auf die Wirklichkeit, andererseits ist die Erfahrung unserer Wirklichkeit immer auch eine Konstruktion. Wenn Günther von „wirklichen Fiktionen“ spricht, denkt er an Institutionen wie den Staat, wie Grenzen, Geld oder Rechtsnormen: Zwar sind diese als fiktive Konstruktionen keine sichtbaren, wahrnehmbaren Entitäten und somit nicht Teil der natürlichen Wirklichkeit, allerdings können sie sichtbar gemacht werden, indem sie als Parlamente, Grenzzäune, Bargeld oder Gesetzbücher gegenständlich werden. Zugleich können diese Fiktionen zur „harten Wirklichkeit“ werden, formuliert Günther: So können etwa Gesetze trotz ihres fiktiven Charakters eingeklagt und Beschuldigte zur Verantwortung gezogen werden. Bei entsprechender Verurteilung kann der Freiheitsentzug in einer Strafanstalt zu einer wahrhaftigen und erlebbaren Wirklichkeit werden. Ein anderes Beispiel bilden Konzepte wie Identität oder die Zukunftsvorstellungen und Absichten von Personen, die trotz ihres fiktiven Charakters deren tatsächliche Verhalten derart beeinflussen, dass sie reale Folgen nach sich ziehen. Mit dem in den Sozialwissenschaften verbreiteten Thomas-Theorem weist Günther darauf hin, dass es unerheblich ist, ob eine Situation im objektiven Sinne real ist: Wenn sie von den beteiligten Personen als real definiert wird, sind auch die daraus erwachsenden Folgen real. Etwa die Vorstellung einer kollektiven Identität schafft Konsequenzen, die als Handlungen zur Wirklichkeit werden. Fiktionen stehen der Wirklichkeit also nicht entgegen, sondern sind vielmehr ein Teil derer. Sie können spürbare Auswirkungen auf das Leben und erfahrbare Konsequenzen nach sich ziehen.

Zum anderen zeigen sich auch in der Wirklichkeit fiktive Elemente, so Günther: Das, was wir für wirklich halten, ist durchsetzt von Fiktionen. Deutlich wird dies beim Denken und Sprechen über Wirklichkeit: Die Art und Weise, wie wir über Wirklichkeit sprechen, beeinflusst, wie wir Wirklichkeit erfahren. Unsere Sprache wird wiederum bestimmt von grammatischen Strukturen – im indogermanischen Raum insbesondere durch die Subjekt-Objekt-Struktur. Sprachen mit anderen grammatikalischen Strukturen fassen das Verhältnis zur Welt anders, was auch zu einer anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit führt. Aber auch Erfahrungen sind deutungsabhängig: So ist es möglich, dass verschiedene Personen einen Sachverhalt unterschiedlich auffassen. Bereits der Philosoph Hans-Georg Gadamer wies darauf hin, dass Erfahrungen immer Vorurteile und ein gewisses Vorwissen voraussetzen. Auch nehmen wir nicht alles war, was sich vor uns abspielt: Bereits im Wahrnehmen und auch im Erinnern setzen wir Relevanzen. Wir wählen aus, was uns wichtig erscheint – und bloß dieser Ausschnitt der Wirklichkeit prägt unsere Erfahrungen. Um uns in unseren Wirklichkeitskonstruktionen nicht zu isolieren, stehen unsere individuellen mit kollektiven Deutungsmustern in einer Wechselwirkung. Um Wirklichkeit zu erfahren, braucht es also auch Konstruktionen, sodass eine reine Wirklichkeit ohne fiktive Elemente nicht denkbar sei, schließt Klaus Günther.

Aber auch, wenn die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen, bleibt es wichtig, sie in ihren Grundfesten zu unterscheiden. Welche Kriterien könnte man anlegen, um etwa pathologisches von nicht-pathologischem Wahrnehmen zu unterscheiden? Klaus Günther formuliert als ein solches Kriterium die Möglichkeit, fiktive Vorstellungen an der Wirklichkeit scheitern zu lassen. Von einem Scheitern kann dann gesprochen werden, wenn die fiktive Vorstellung derart entfernt von den wirklichen Gegebenheiten ist, dass sie diese verfehlt. Wenn etwa Brücken zusammenstürzen, hat die Konstruktion in der theoretischen Fiktion zwar vielleicht funktioniert, sie scheiterte aber an den realen Gegebenheiten. Immer wieder können wir punktuell die Erfahrung machen, dass bestimme Vorstellungen über die Wirklichkeit an den tatsächlichen Gegebenheiten scheitern. Die Wissenschaft macht sich diesen Vorgang zu eigen, indem sie versucht, der Wirklichkeit über Falsifikation – also über den Ausschluss sich als falsch erweisender Hypothesen – anzunähern. Fortschritt in der Wissenschaft erfolgt durch wiederholtes Scheitern an der Wirklichkeit. Scheitern löse Lernprozesse aus und bilde so den Anfang eines Suchprozesses, um den Gründen des Scheiterns nachzugehen. In dieser Suche lassen wir uns vom Kriterium der Kohärenz leiten: Stimmt eine einzelne Annahme nicht mit der Wirklichkeit überein, hinterfragen wir zwar mit ihr auch jene Sätze, die zu der Annahme führten, stellen aber nicht unser gesamtes Weltbild infrage. Bis es zu einem umfassenden Paradigmenwechsel kommt –wie etwa beim Wechsel vom ptolemäischen zum heliozentrischen Weltbild – muss vielfach die Erfahrung des Scheiterns gemacht worden sein. Kann sich eine Annahme hingegen bewähren und Kritik standhalten, scheint sie mit der Wirklichkeit angemessen übereinzustimmen. Absolute Gewissheit, warnt Günther, sei allerdings nie möglich.

Ausschlaggebend an der Überprüfung der Gültigkeit von Annahmen ist ein Interesse an der Wahrheit. Damit einher gehe der Wille, Annahmen der öffentlichen Kritik auszusetzen, Scheitern ernstzunehmen und fruchtbar umzudeuten. Allerdings ist das meiste Wissen, über das wir verfügen, nicht durch eigene Erfahrungen erworben. Stattdessen verlassen wir uns vielfach auf die Erfahrungen anderer und auf Expert:innen. Dies werde laut Günther heute zunehmend zum Problem, wenn das Misstrauen gegen Expert:innen weiter ansteigt. Auch die modernen Kommunikationstechnologien führten zu Problemen, indem Falschbehauptungen mit Wissen vermischt werde und so eine Mixtur aus Wirklichkeit und Fiktion entstehe. Auch wenn wir in der fiktiven Welt derart verhaftet sind, dass wir Annahmen in der Wirklichkeit nicht mehr überprüfen, ist es nicht mehr möglich, eigene Erfahrungen mit dem Scheitern zu machen. Zwar sei es laut Günther wichtig, moderne Kommunikationsmedien nicht einseitig zu verteufeln, da sie eine Vielzahl an Vorteilen mit sich brachten – auch für die Wissenschaft. Dennoch hält er es für wichtig, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, die das Internet hervorrufe: dass fiktive Wirklichkeiten real erscheinen, dass sich Verschwörungstheorien schnell verbreiten und dass Fake News für wahr gehalten werden können.

Doch auch mit solchen Kriterien, die uns dabei helfen, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden, bleibt ihr Verhältnis weiterhin nur wenig greifbar. Die Kunst sieht Klaus Günther als ein Medium, welches das beunruhigende Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion vorführe. Lange wurde in der Nachahmung der Natur der Zweck der Kunst gesehen. Allerdings war zugleich schon immer klar, dass der Versuch, die Natur in der Kunst nachzuahmen, nie eine einfache Abbildung der Wirklichkeit sein würde. Künstler:innen ging es nie darum, die Natur einzufangen, sondern immer auch darum, ihre Fähigkeiten und ihr Talent als Kunstschaffende – also fiktionale Elemente – zu vermitteln. Davon abgesehen ist Objektivität in der Kunst aufgrund der Subjektivität der Perspektiven und der sozialen Position der Kunstschaffenden ohnehin nicht möglich. Das fragwürdige Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Fiktion in der Kunst werde besonders deutlich bei Pablo Picasso, bei dessen Zeichnungen stets zu fragen sei, ob es sich dabei um Darstellungen der Wirklichkeit handelt oder nicht vielmehr um Arrangements von Formen und Farben, die zufällig Anordnungen in der Wirklichkeit ähnlich sind. Nach Klaus Günther haben Kunstwerke eine doppelte Wirklichkeit: Das Gemälde, das gegenständlich in Erscheinung tritt, erleben wir als Teil der Wirklichkeit. Zugleich ist uns bewusst, dass das, was uns das Gemälde zeigt, fiktiv ist. Dennoch fordert uns das Kunstwerk ständig heraus, das, was wir sehen, für Wirklichkeit zu halten, sodass es immer auch mit dem Schein der Wirklichkeit spielt. Wir werden in einen widersprüchlichen Erfahrungszustand versetzt, sodass wir ins Schwanken geraten zwischen dem Kunstwerk als Fiktion und dem Kunstwerk als Repräsentation einer reinen Wirklichkeit. Gleichzeitig begegnen wir in der Kunst einer Einheit von Fiktion und Wirklichkeit bei gleichzeitiger Entgegensetzung dieser beiden Momente. Diese Bewegung kommt nicht zum Stillstand, da das Kunstwerk unsere Erfahrungen mit ihm nochmals in sich selbst und seiner eigenen Fiktionalität wiederhole. Einige Geschichten operieren etwa mit der Erfahrung einer solchen Differenz: In Dramen wie Romeo und Julia oder Othello spielen Irrtümer eine zentrale Rolle. Die Erfahrung der Differenz von Wirklichkeit und Fiktion wird so selbst zum Bestandteil der Geschichten, die uns in diesem Spiel unsere Erfahrung spiegelt, die wir mit der Kunst machen.

In Kleists Drama Amphitryon drücke sich diese elementare Erfahrung der Differenz von Wirklichkeit und Fiktion aus: Alkmene, die Frau des Amphitryon, wurde unwissentlich von Jupiter verführt, der sich in die Gestalt ihres Mannes verwandelt hatte. Nachdem Jupiter die Affäre offenbart und Amphitryon besänftigt hatte, antwortete Alkmene auf die Enthüllung mit einem einzigen „Ach!“, womit auch das Stück endet. In diesem „Ach!“ drückt sich laut Klaus Günther genau jene Erfahrung der Differenz von Wirklichkeit und Wahrheit aus, wenn sich als Fiktion offenbart, was für wirklich gehalten wurde. Günther resümiert, dass wir uns dieses „Ach!“ auch in der Gegenwart und für die Zukunft bewahren sollten, um uns nicht in fiktive Welten zu verlieren.


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Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

29. Mai 2020, 18.30 Uhr

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