Von Johanna Schafgans

Die Halle, in der sich die BesucherInnen der B3 Biennale am 17. Oktober 2019 versammelten, hatte einen gewissen Höhlencharakter, was zum Thema des Vortrages passte: „In der Höhle. Über Wirklichkeit und Macht“. Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Co-Sprecher des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“, sprach passend zum Thema der B3 Biennale des bewegten Bildes 2019, in der es um die Erzeugung von Wirklichkeit durch Bilder, Erzählungen und Theorien ging, also auch um das Verhältnis von Wirklichkeit und Macht. Wer das Wesen sozialer Macht verstehen will, muss in die Höhle der ideologischen Verblendungen hinabsteigen. Aber was genau sieht man da? Und wie geblendet sind die, die aus der Höhle dem Licht der “wahren Wirklichkeit” begegnen?
Rainer Forst begann seinen Vortrag also mit Platons Höhlengleichnis. Die Tradition der westlichen Politischen Philosophie beginne mit Platons Werk über den Staat, „Politeia“, und in diesem Werk werde im Sinne eines sokratischen Dialogs erörtert, was die gerechte politische Ordnung sei. Die Antwort von Platon sei, dass die gerechte politische Ordnung darin bestehe, dass die Polis analog geordnet sei wie die menschliche Seele: die Vernunft herrscht über die Tapferkeit und die Begierde. An einer berühmten Stelle wird dann die Frage erörtert, wie man auf die Idee einer guten, gerechten oder vernünftigen Ordnung kommt. Die Antwort von Platon sei, dass die Philosophie eine dialektische Wissenschaft sei, die man lange üben muss, und erst in reifem Alter (ungefähr ab 55, so selbstironisch Forst, Jahrgang 1964) seien Philosophen in der Lage, die Erkenntnis des Guten zu bewerkstelligen. An diesem Punkt zwinge sich die Schlussfolgerung auf: Wenn man die Wahrheit über die gute und gerechte Gesellschaft nur über ein langen Bildungsgang in der Philosophie erkennen kann, dann müssten reife Philosophen auch die idealen politischen Herrscher sein. Aus dieser Feststellung ergebe sich aber das nächste Problem: Wie ist es diesen weisen Philosophen möglich, eine Gesellschaft, die ja aus mehrheitlich ungebildeten Menschen besteht, zu regieren? Und genau an dieser Stelle tauche das zentrale Dilemma dieses Buches auf, das Platon schrieb, nachdem Sokrates in der griechischen Polis zum Tode verurteilt wurde – das Problem nämlich, dass die Idee einer gerechten Herrschaft praktisch-politisch nicht umsetzbar sei, sondern bestenfalls ein ferner Orientierungspunkt am Ideenhimmel bleibe.

 

Um dieses Problem zu verdeutlichen, wählt Platon das berühmte Höhlengleichnis. In diesem beschreibt er, wie Menschen gefesselt vor einer Wand sitzen, und hinter ihnen ein Feuer brennt, vor dem Figuren hin- und hergetragen werden, deren Schatten die gefesselten Menschen auf der Wand vor ihnen sehen. Für diese Menschen sind diese Schattenbilder auf der Wand die Wirklichkeit, auch wenn sie eine nur für sie künstliche inszenierte Illusion sind. Außerhalb der Höhle scheint die Sonne, und diese ermöglicht die Erkenntnis der wahren, nicht aus sinnlichem Schein, sondern aus der reinen Vernunft entstammenden Wirklichkeit.
Das Höhlengleichnis erzählt weiter, dass ein Mensch es schafft, sich aus den Fesseln zu befreien und die Höhle zu verlassen - und so nach Überwindung der anfänglichen Blendung erkennt, wie die Wirklichkeit in Wahrheit ist. Mit diesem im Licht der Sonne erworbenen Wissen geht er in die Höhle zurück und erzählt ihren Bewohnern von dieser Wirklichkeit. Aber die anderen Menschen in der Höhle glauben ihm nicht, halten ihn für einen gefährlichen Verführer und Betrüger und bringen ihn am Ende um.
Die Paradoxie der platonischen Theorie liege also darin, dass die gute und gerechte Ordnung nie realisiert werden kann, weil der, der sie realisieren will, nicht über die Macht verfügt, die Menschen aus ihrer eingewöhnten Gefangenschaft im Reich der bloßen Sinnestäuschungen und Unwissenheit zu befreien und sie ans Licht der Vernunftideen des Wahren und Guten zu führen.
Vor diesem Hintergrund stellte Rainer Forst seine Überlegungen über das Verhältnis von Wirklichkeit und Macht an. Er fragte zunächst, ob es so etwas wie Schattenwelten, analog zu Platons Höhle tatsächlich gibt. Wenn wir an Schattenbilder bzw. an Narrative denken, die uns täuschen, verführen oder ködern, dann fallen heute kritische Begriffe wie virtuelle Realitäten, Filterblasen, Fake News. Prägend für Denker der Frankfurter Schule war die Idee, dass wir in bestimmten gesellschaftlichen Formationen einem bestimmten ideologischen Verblendungszusammenhang unterliegen. Mit dieser Idee ist aber zugleich die Möglichkeit gesetzt, den Verblendungszusammenhang kritisch zu durchschauen und ihn zusammen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, die ihn stützen, zu überwinden. Diesen „Aufstieg aus der Höhle“ stellen wir uns aber nicht mehr wie Platon vor – als reine Vernunfterkenntnis der einen wahren Idee des Guten durch lange dialektische Übung und metaphysische Bildung in der Philosophie.
Um das Verhältnis der Macht zum Spannungsfeld von „wahrer” Wirklichkeit und Schattenwelten näher zu beleuchten, wäre zunächst zu klären, was wir unter Macht verstehen. Nach Forst sollte Macht als die Fähigkeit begriffen werden, andere dazu zu motivieren, etwas zu tun oder zu denken, dass sie anders, ohne die Machteinwirkung, nicht getan oder gedacht hätten. Die Macht über andere sei eine geistige Kraft, die den anderen nicht (wie physische Gewalt) als willenloses Objekt, sondern als Subjekt seines bewussten Willens und Handelns anspricht. Machtausübung könne auf ganz unterschiedliche Weise geschehen, zum Beispiel durch Bedrohung oder durch Überzeugung. Aus diesem Grund, so Forst, sei Macht nicht etwas per se Negatives. Wenn Macht die Fähigkeit sei, jemand dazu zu bringen, zu denken oder zu tun, was er oder sie anders nicht gedacht oder getan hätte, könne dies durch Bedrohung, Verführung oder List geschehen, aber auch durch gute Gründe. Gründe seien immer im Spiel, wenn es um Willensentscheidungen von Personen gehe. Auch wenn man mit einer Pistole bedroht werde, sei dies ein Grund, sich besser im Sinne der bewaffneten Übermacht zu entscheiden. Macht auszuüben auf andere impliziere immer, dass sie weiterhin aus Gründen willentlich Handelnde bleiben, auch wenn die Gründe nicht ihrem eigenen Interesse, sondern dem Zwang des Mächtigeren entstammen. Nicht jede Macht gehe gegen die Interessen derer, über die Macht ausgeübt werde. Denn nicht jede Macht sei eine Form der Unterdrückung. Legitime Macht handele im begründeten Konsens mit den Machtadressaten. Machtverlust hieße dann im Gegenzug nicht, dass dem Machthaber die Mittel zur gewaltsamen Repression abhanden kommen, sondern dass der Glaube an die Legitimität des Machtgebrauchs, den der Machthaber bei den Machtadressaten unterstellen konnte, verloren geht. Wenn es dann zur Gewaltausübung, im Extrem zur Tötung kommt, sei dies ein Zeichen des Machtverlustes, also die Konsequenz aus der Einsicht, dass man die Macht über diese Person verloren hat. Man hat sie dann nur noch in der Gewalt, d. h. die Ausübung der Gewalt als Repression oder Destruktion sei immer noch möglich, aber die Ausübung von produktiver, konstruktiv gestaltender Macht, die eine willentliche Kooperation der Machtadressaten aus allgemein anerkannten Gründen oder geteilten Interessen erfordert, sei dann nicht mehr möglich. Macht sei also insgesamt ein geistiges Phänomen, da sie nur durch verallgemeinerbare Gründe (symbolische Generalisierung) komplexe soziale Vernetzungen schaffen und aufrechterhalten könne.
Wenn wir diese machttheoretischen Erkenntnisse nun mit der Frage der „Höhle“ verknüpfen, dann ergebe sich die Einsicht, dass man die Reproduktion und Stabilisierung einer Gesellschaftsordnung durch Machtausübung nicht nur durch das Gewaltmonopol der Herrschenden über Polizei und Militär erklären kann, sondern dass man dazu die komplexen normativen Gründe verstehen müssten, aus denen Menschen in einer sozialen Ordnung kooperieren. Zwar gebe es Gesellschaften, die vor allem funktionieren, weil jede und jeder Angst vor negativen Sanktionen habe. Der Normalfall sei aber, dass sich hegemoniale Narrative der Begründung bzw. der Rechtfertigung von Machtgebrauch in einer Gesellschaft etablieren, die die Menschen übernehmen, so dass sie zumindest halbbewusst davon ausgehen, dass dies die normale Art sei, wie eine Gesellschaft funktionieren solle. Solche Rechtfertigungsnarrative können sich aus vielfältigen Quellen speisen, beispielsweise aus religiösen oder moralischen Auffassungen. Wenn wir also verstehen wollen, wie Macht wirkt, müssten wir auch solche Rechtfertigungsnarrative verstehen.
Ist nun auch für solche Narrative der platonische Gegensatz von Wirklichkeit der Höhle und Wirklichkeit der philosophischen Wahrheit relevant, fragte Rainer Forst. Für Platon sei die Sache klar: entweder man sei in der Höhle des Sinnenscheins oder in der Sonne des wahren Seins, aber man könne nicht in beiden Welten gleichzeitig sein – das sei die Paradoxie. Da wir keinen Weg aus der Höhle unserer habitualisierten Alltagstheorien, Realitätskonstruktionen und Begründungsnarrative sehen, müssten wir in der Höhle selbst eine kommunikative Praxis finden, um die Gründe und Gegengründe, die uns für oder gegen die bestehende Ordnung gegeben werden, kritisch abzuwägen und zu überprüfen. Es sei dabei wichtig, Methoden zu finden, die wenigstens stückweise die Höhlenrealität, in der wir möglicherweise gefangen sind, hinterfragen - und das gehe nur vermittels einer Operation, die Platon in seinem Gleichnis zwar nicht vorsieht, die aber in der Art, wie er seine Dialoge strukturiert, sehr wohl aufzufinden sei: nämlich den dialogisch-diskursiven Austausch von Gründen und Argumenten.
Das Höhlengleichnis setzte voraus, dass die gefesselten Menschen nur die Schattenbilder sehen und deuten, aber nicht wirklich kommunizieren. Doch in dem Moment, wo diese Menschen zwar nicht in das reine Bild der Ideen-Erkenntnis transzendieren, aber untereinander kommunizieren und die Bilder diskutieren und hinterfragen, entwickle sich die Möglichkeit, bislang unbefragte Gründe durch die Konfrontation mit anderen Gründen zu prüfen. Damit würde zwar kein Weg ins reine Licht der einzig wahren Erkenntnis frei, aber wir könnten lernen, bestimmte Realitätskonstruktionen und -begründungen auf innere Widersprüche zu prüfen und mit Gegenargumenten und Alternativen zu konfrontieren. Dazu bedürfe es einer Instanz, die im platonischen Gleichnis nicht vorgesehen ist: Eine demokratische Öffentlichkeit, in der Wissenschaft, Politik und BürgerInnen darüber kommunizieren, was für Gründe gute Gründe sind, um Handlungen oder Normen zu begründen und eine Gesellschaft institutionell einzurichten.
Platon selbst habe der Demokratie keine positive Kraft zugetraut, weil er der Auffassung war, dass die Demokratie letztlich zur Herrschaft derer führe, die von Begierde und Eigennutz geleitet und nicht in der Lage seien, ihre partikularen Interessen in Bezug auf das Gemeinwohl zu reflektieren. Für uns aber gelte die Erkenntnis, so Rainer Forst, dass wir zwar nie in einer machtfreien Gesellschaft leben - dass aber Macht nicht immer nur auf ideologischen Gründen partikularer Interessen beruhe, sondern manchmal auf Gründen, die aus öffentlichen Diskursen stammen und solche Ideologien hinterfragen und überschreiten. Das sei vielleicht Grund genug, darauf zu vertrauen, dass öffentlicher Dialog und Diskurs unter uns eine demokratische Macht generieren könnten, die sich gegen die Macht fraglos herrschender Diskursformationen im Sinne des Gemeinwohls und „common sense“ durchsetzen kann. Wir könnten zwar auch in Demokratien nicht ausschließen, dass etwa populistische Unvernunft siegt, aber wir dürften darauf vertrauen, dass wir auch die scheinbar alternativlosen Begründungen und Rechtfertigungen, mit denen wir groß geworden sind und die von weithin anerkannten Autoritäten stammen, immer auch kritisch hinterfragen können. Die Fähigkeit dazu sei die Vernunft – eine Kraft, die auch unter Höhlenmenschen nicht ganz verloren gehe. Wenn wir uns hingegen als Wesen betrachten, die rettungslos in Höhlen gefangen sind und die sich daher am besten möglichst komfortabel in diesen Höhlen einrichten, dann würden wir an uns selbst etwas aufgeben, an dem wir im eigenen wie allgemeinen Interesse festhalten sollten: die Kraft autonomer und kritischer Reflexion.
Rainer Forst beendete seinen Vortrag mit der Frage, warum wir diesen autonomen und kritischen Geist eigentlich nicht aufgeben dürfen. Das sei in der Philosophie keine einfache Frage. Seine Antwort sei: „Weil wir es uns selbst und einander schulden, nicht in Schatten- oder Höhlenwelten zu verharren, wo andere über uns herrschen und uns ausnutzen oder wir über andere herrschen und sie ausnutzen“. Letztlich sei dies der Hintergrund des moralischen Imperatives der Aufklärung: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant)

 


Aktuelles

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Die „Frankfurter interdisziplinäre Debatte“ ist ein Versuch des Dialogs zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu aktuellen Fragestellungen – derzeit im Kontext der Corona-Krise und u.a. mit Beiträgen von Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Klaus Günther. Seit Ende März 2020 ist die Onlineplattform der Initiative (www.frankfurter-debatte.de) verfügbar. Mehr...

Bundesministerin Karliczek gibt Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

In einer Pressekonferenz hat Bundesministerin Anja Karliczek am 28. Mai 2020 den Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gegeben. Mit dabei waren Sprecherin Prof. Nicole Deitelhoff (Goethe-Uni, Normative Orders), sowie der Geschäftsführende Sprecher Prof. Matthias Middell (Uni Leipzig) und Sprecher Prof. Olaf Groh-Samberg (Uni Bremen). Nun kann auch das Frankfurter Teilinstitut seine Arbeit aufnehmen. Mehr...

Nächste Termine

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

29. Mai 2020, 18.30 Uhr

Virtual Workshop on the Political Turn(s) in Criminal Law Thinking: Gustavo Beade: The Voice of the Polity in the Criminal Law: A Liberal Republica. More...

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