Von Tanja Strukelj

Im Jahr 1919 wurde in New York eine neue Universität gegründet, die fortan als „New School for Social Research“ bezeichnet wurde. Diese ‚Neue Schule‘ sollte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten stark an intellektuellen Einfluss gewinnen und enge Beziehungen zu europäischen Wissenschaftler*innen aufbauen. Anlässlich ihres hundertsten Jahrestags lud der Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität im November 2019 nach Frankfurt ein. Unter den Gästen war neben Richard Bernstein und Dmitri Nikulin die Anthropologin Judith Friedländer – WissenschaftlerInnen, die das Profil der New School in den letzten Jahren geprägt hatten. Im Rahmen der Geburtstagskonferenz „100 Years The New School for Social Research“ hielt Friedlander am 6. Dezember 2019 ihren Vortrag „A Light in Dark Times“ über die Geschichte der New School und deren University in Exile.
Judith Friedlander ist Professorin für Anthropologie am Hunter College in New York. Von 1993 bis 2000 war sie Dekanin der Graduate Faculty of Political and Social Science an der New School, wo sie die Eberstadt-Professur für Anthropologie innehatte. Wenige Monate vor der Konferenz ist ihr Buch A Light in Dark Times erschienen, in welchem sie die historische Entwicklung der New School nachzeichnet.

 

Vor ihrem Vortrag wurden die New Yorker Gäste von Prof. Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Co-Sprecher des Forschungsverbundes „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität, sowie von Prof. Rolf van Dick, Professor für Sozialpsychologie und Vizepräsident der Goethe-Universität, begrüßt und in Frankfurt willkommen geheißen. Rainer Forst nutzte seine einleitenden Worte, um auf die Verbindungslinien zwischen der New School und der Goethe-Universität hinzuweisen, die sich sowohl im Austausch ihrer Wissenschaftler*innen und Studierenden, aber auch in ihrem geteilten kritischen Geist niederschlagen. Er zitierte aus einem Brief, den er von dem Dekan der New School, Wiliam Milberg, erhalten hatte: „We share many of the same scholarly traditions, we cherish the same academic values and we continue to learn from each other through our many collaborations which are as alive today as they were half a century ago.” Auch Judith Friedlander betonte zu Beginn ihres Vortrags die engen Verbindungen zwischen der New School und den deutschen Universitäten. Durch die Aufnahme exilierter deutscher Forscher und die Fortführung ihrer Denktraditionen waren diese bereits in den späten 1930er Jahren so tief, dass die New School von den New Yorkern als „Heidelberg on 12th Street“ bezeichnet wurde. Zurück geht diese Bezeichnung auf den Vorschlag von Thomas Mann, das einstige Motto der Universität Heidelberg – „Dem lebendigen Geist“ („To the Living Spirit“), das von den Nationalsozialisten umbenannt worden war zu „Dem deutschen Geist“ – für die New School zu übernehmen. Dieser Vorschlag wurde von dem damaligen Präsidenten der New School, Alvin Johnson, umgesetzt.

In ihrem folgenden Vortrag zeichnete Friedländer die frühe Geschichte der New School und die Gründung der „University in Exile“ nach, wobei sie insbesondere auf die bedeutende Rolle der Philosophie und der Ökonomie einging, die das intellektuelle Profil der New School besonders prägten.

Gegründet wurde die New School am 10. Februar 1919 durch die Historiker Charles Beard und James Harvey Robinson, den Philosophen und Pädagogen John Dewey sowie durch die Wirtschaftswissenschaftler Wesley Clair Mitchell, Alvin Johnson und Thorstein Veblen. Ihnen war es wichtig, dass die Universität eine Institution blieb, an der kontroverse Ideen diskutiert und lebhafte Debatten geführt werden können. In den Jahren zuvor hatten US-amerikanische Universitäten ihren Mitgliedern und Studierenden verboten, während des Ersten Weltkriegs pazifistische Ansichten zu äußern. Auch wenn die Gründer der New School den Krieg gegen Deutschland befürworteten, positionierten sie sich mit der Gründung gegen ein solches Sprechverbot, das ihrer Meinung nach unzulässigerweise die akademische Freiheit einschränkte.

Ursprünglich sollte die New School eine Einrichtung für bereits ausgebildete Erwachsene sein, die sich in den Sozialwissenschaften weiterbilden wollten. Angelehnt an die Idee der Volkshochschule sollte ein Lehrangebot geschaffen werden, das es Berufstätigen ermöglichte, nach Feierabend sozialwissenschaftliche Grundlagen erlernen zu können, die ihnen in ihren Berufen zugutekommen. Unter der Leitung von Alvin Johnson wurde die New School zu einer Vorreiterin der Erwachsenenbildung in den USA. Bald besuchten die New Yorker nach ihrer Arbeit Vorlesungen in Ökonomie, Philosophie, Anthropologie, Psychoanalyse oder Kunst.

Schon immer war es ein Anliegen für Alvin Johnson gewesen, dass das Kollegium der Dozierenden an der New School divers und international sein sollte. In den Jahren nach ihrer Gründung lehrten dort bereits einige renommierte Forschende wie der Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes, der Philosoph Horace Kallen, bekannt für sein Konzept des kulturellen Pluralismus, und der Politikwissenschaftler Harold Laski. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 intensivierte Johnson seine Bemühungen um Internationalität: Innerhalb weniger Monate wurde die „University in Exile“ als Einrichtung innerhalb der New School gegründet, um Sozialwissenschaftler*innen und Philosoph*innen aufzunehmen, die aufgrund von Verfolgung durch die Nazis gezwungen waren, aus Deutschland und den besetzten Ländern zu fliehen. Im Sommer 1933 konnte Johnson bereits eine erste Gruppe geflüchteter Wissenschaftler*innen in New York empfangen, darunter neun Männer und eine Frau. Während die meisten anderen US-amerikanischen Universitäten den Entwicklungen in Europa nur wenig Aufmerksamkeit schenkten, rekrutierte Johnson in den folgenden 12 Jahren über 180 Wissenschaftler*innen, um ihnen und ihren Familien das Leben zu retten. Alvin Johnson war es ebenfalls ein Anliegen, ihre kontinentalphilosophischen Denkschulen zu erhalten, die an amerikanischen Universitäten kaum Beachtung fanden. Begeistert von der europäischen Tradition in den Sozialwissenschaften schrieb er dem Soziologen Robert MacIver, die dortigen Wirtschaftswissenschaften seien „a mighty historical force […] [not] just a calculus of utilities and disutilities“, Politikwissenschaften “not just a speculation on the rights and wrongs of man, but a record of the adjustment of man to the complications of political living; sociology, not a desperate attempt to be enrolled in the physical sciences, or to escape into social work, but an interpretation of the mass feelings and mass actions of men.” Mit der Unterbringung der geflüchteten Gelehrten an einer Universität konnte ihr intellektuelles Milieu aufrechterhalten werden, sodass sie die Arbeit innerhalb ihrer Denkschulen fortsetzen konnten. Nachdem große Teile Frankreichs im Juni 1940 von den Nazis besetzt wurden, eröffnete Johnson eine weitere University in Exile, deren Kurse auf Französisch abgehalten wurden: die L'Ecole Libre des Hautes Etudes.

Obwohl sich Johnson der bedeutenden Rolle der Philosophie in Europa bewusst war, rekrutierte er in den Anfangsjahren der Universität kaum Philosoph*innen: Auch unter den Wissenschaftler*innen, die im Oktober 1933 aufgenommen wurden, fanden sich nur sechs Wirtschaftswissenschaftler, ein Jurist, ein Psychologe, eine Soziologin und ein Musikethnologe. Auch im Jahr 1935, als 18 geflüchtete Wissenschaftler*innen an die New School rekrutiert wurden, fand sich unter ihnen kein Philosoph. Erst mit Kurt Riezler, dem ehemaligen Rektor der Goethe-Universität, der Frankfurt nach der Reichskristallnacht 1938 verlassen hatte, kam der erste Philosoph an die New School. Denn Johnson war es wichtig, dass Gelehrte sich nicht nur in der Universität zurückziehen, sondern sich mit ihren Einsichten in das öffentliche Leben und in die Politik einbringen. Und ein solcher Mann der Tat war Riezler: So war er etwa am Entwurf der Verfassung der Weimarer Republik beteiligt und arbeitete lange mit politischen Institutionen zusammen. Neben Riezler stellte Johnson noch weitere exilierte Gelehrte an, die zuvor Politikforschung betrieben und Regierungen beraten hatten, unter ihnen Arnold Brecht, Hans Simons, Gerhard Colm, Adolph Lowe, Hans Staudinger und Hans Neisser. Kurt Riezler sollte die New School über viele Jahre hinweg prägen: Durch ihn wurden weitere Philosoph*innen an die Fakultät rekrutiert, unter ihnen Leo Strauss, der aber bald nach Chicago wechselte, und Alfred Schütz. Letzterer übernahm in den frühen 1950er Jahren die Leitung des Instituts für Philosophie und verschaffte der (Sozial-)Phänomenologie eine zentrale Stellung an der New School.

Dank der politischen Beziehungen von Kurt Riezler, Arnold Brecht und Hans Simons wurde Theodor Heuss nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf die New School und auf deren University in Exile aufmerksam. Als Präsident der Bundesrepublik Deutschland dankte Heuss im Dezember 1954 Alvin Johnson offiziell für sein Engagement und verlieh ihm das Große Bundesverdienstkreuz. Bei seinem Besuch im Juni 1958 an der New School berichtete er Hans Simons privat, dass er eine von der Bundesrepublik gestiftete, jährlich wechselnde Professur für deutsche Wissenschaftler*innen an der New School plane. Im Jahr 1960 hatte die westdeutsche Regierung die hierfür notwendigen Mittel aufgebracht, um die Kosten für eine einjährige Gastprofessur an der New School zu finanzieren. Der Philosoph Helmuth Plessner sollte das Programm eröffnen, verschob seinen Aufenthalt in New York aber auf seine Emeritierung im Jahr 1962. Ab 1966 war es möglich, die Gastprofessur, die nun nach dem 1963 verstorbenen Theodor Heuss benannt wurde, längerfristig zu finanzieren. Bis heute wird sie jährlich neu besetzt und stärkt so den Austausch zwischen Gelehrten an der New School und Wissenschaftler*innen aus Deutschland.

Unter den ersten Heuss-Gastprofessoren war Jürgen Habermas, der 1967 an der New School lehrte. Zu dieser Zeit herrschten in den USA Unruhen, denn hunderttausende Amerikaner*innen demonstrierten gegen den Vietnamkrieg und auch in den Ghettos kam es zu gewaltsamen Protesten. An der New School hingegen hatte Habermas nach eigenen Aussagen das Gefühl, eine Zeitkapsel zu betreten: Dort traf er unter anderem Arnold Brecht, Adolph Lowe, Hans Staudinger und Erich Hula, die noch immer sehr präsent waren, obwohl die meisten von ihnen bereits emeritiert waren. Daneben bildeten Aron Gurwitsch, Hans Jonas und Hannah Arendt ein Trio, welches das philosophische Profil der New School nachhaltig prägen sollte. Auch der Geist von Alfred Schütz war durch dessen Schüler Peter Berger nach wie vor präsent. Nach Habermas sollten noch weitere Frankfurter an die New School kommen: so etwa der Politikwissenschaftler Iring Fetscher, Habermas‘ früherer Assistent Albrecht Wellmer, später auch Axel Honneth und Rainer Forst. Mitte der 1970er Jahre hatte die deutsche Kritische Theorie einen festen Platz an der New School gefunden – und das, obwohl Max Horkheimer und dessen Kollegen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung einst nicht an der New School, sondern an der Columbia University untergekommen waren. Das einstige „Heidelberg on 12th Street“ wurde zu einem „Frankfurt on Fifth Avenue“. Einige Jahre später fand auch die Budapester Schule um Andrew Arato, Ferenc Feher und Agnes Heller an der New School ein neues Zuhause.

Auch auf die Entwicklungen im wirtschaftswissenschaftlichen Institut der New School ging Friedlander ein: Obwohl das Institut einst geprägt war von Wirtschaftswissenschaftler*innen, die sich als Sozialdemokrat*innen verstanden und einer marxistisch-leninistischen Wirtschaftstheorie feindselig gegenüberstanden, ist das Institut heute ein Ort für orthodoxen Marxismus und Postkeynesianische Ökonomie. Das einstige Ziel der aus Europa geflohenen Wirtschaftswissenschaftler*innen war es, eine Balance zu schaffen zwischen den Bedingungen, die notwendig für ein dynamisches Wirtschaftswachstum seien, und den Interessen der arbeitenden Klassen, die durch staatliche Regulationen geschützt werden sollten. Sie arbeiteten eng mit Sozialwissenschaftler*innen zusammen, um gemeinsam mit ihnen die negativen Folgen von Strukturwandel zu minimieren. 1943 eröffnete Johnson das „Institute of World Affairs“, welches unter der Leitung von Adolph Lowe interdisziplinäre Politikforschung durchführte. Als jedoch im Jahr 1969 der in Oxford studierte Keynesianer Edward Nell zum Leiter des wirtschaftswissenschaftlichen Instituts ernannt wurde, vollzog sich eine radikale Wende nach links: Nell stellte eine Gruppe junger Ökonomen ein, die in Harvard und Columbia promoviert hatten und dem Marxismus zugewandt waren. So wurde das Institut zu einem Magneten für jene Studierenden, die Ökonomie aus einer marxistisch-leninistischen Perspektive kennenlernen wollten.

In ihren Schlussworten dankte Judith Friedlander ihren anwesenden Kollegen Harald Hagemann, Dmitri Nikulin und Richard Bernstein für die bereichernde Zusammenarbeit der vergangenen Jahre. Insbesondere durch das Engagement Bernsteins als Dekan des philosophischen Instituts an der New School konnte sowohl die historische Bindung an die Phänomenologie aufrechterhalten werden, als auch das Curriculum erweitert werden um die deutsche und ungarische Kritische Theorie, den Amerikanischen Pragmatismus, den Poststrukturalismus und die angloamerikanische analytische Philosophie. Daneben erinnerte sie an jene Kolleginnen und Kollegen, die in den vergangenen Monaten verstorben waren: unter ihnen der Wirtschaftshistoriker Claus-Dieter Krohn und die Philosophin Agnes Heller. Heller wollte an der Frankfurter Tagung anlässlich des hundertsten Geburtstags der New School teilhaben, verstarb dann aber kurz nach ihrem 90. Geburtstag, als sie vom Schwimmen aus dem Balaton nicht wieder zurückkehrte.


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Nächste Termine

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

29. Mai 2020, 18.30 Uhr

Virtual Workshop on the Political Turn(s) in Criminal Law Thinking: Gustavo Beade: The Voice of the Polity in the Criminal Law: A Liberal Republica. More...

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