Vortrag von Klaus Günther innerhalb der Goethe Lectures des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Von Kristina Balaneskovic

Sobald wir uns im Internet bewegen, das Smartphone oder andere intelligente Geräte nutzen oder in sozialen Netzwerken mit anderen Menschen kommunizieren, produzieren wir mit unserem Verhalten sogenannte „digital footprints“. Das heißt, dass jede unserer Bewegungen, jeder „Klick“, jedes „Like“ protokolliert werden und Informationen über unser Denken und Tun, unsere Bedürfnisse, gesammelt werden. Durch die Analyse unserer „digital footprints“ ist es Unternehmen und staatlichen Institutionen möglich, durch diese Daten Profile anzulegen und jegliche unserer Bewegungen in digitalen Netzwerken zu „tracken“. Wie weit geht dieses „Tracking“ unserer Daten und sind diese überhaupt von irgendeinem Wert? Ist das nun unsere Realität oder kann man die institutionelle und wirtschaftliche Handhabung unserer „digital footprints“ als Science-Fiction bewerten? Diesen Fragen ging Prof. Dr. Klaus Günther in seinem Vortrag innerhalb der Goethe Lectures im Klingspor Museum in Offenbach nach. Klaus Günther ist Professor Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht und zudem Dekan am Fachbereich Rechtswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seit 2007 ist Klaus Günther zudem Co-Sprecher des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“, welcher ebenso an der Goethe-Universität ansässig ist.

Das Internet gehört mittlerweile zu einem fast unerlässlichen Gut unserer heutigen Gesellschaft. Das World Wide Web steht uns jederzeit zur Verfügung und wir können uns in diesem frei bewegen. Diese Freiheit hat laut Klaus Günther allerdings ihren Preis. Denn jede unserer Bewegungen kann im Internet von wirtschaftlichen Unternehmen und staatlichen Institutionen verfolgt werden. Diese Informationen lassen sich dann in Daten über unser künftiges Verhalten transformieren. Durch „predictive behavioral data“ können dann beispielsweise Persönlichkeitsprofile des Kaufverhaltens von Internetnutzern erstellt werden. Laut Günther sind diese Vorhersagedaten ein begehrtes Gut, mit ihnen lasse sich nicht nur das Verhalten von Menschen überwachen, sondern damit könne auch Handel getrieben werden. Durch gezielte Analyse der individuellen Verhaltensmuster („microtargeting“) lasse sich beispielsweise das Konsumverhalten durch Produktwerbung oder auch das politische Wahlverhalten (zuletzt: Cambridge Analytica) der Internetnutzer beeinflussen. Vor allem private Unternehmen nutzen diese Daten für eine Optimierung ihrer Verkaufsstrategien für Waren und Dienstleistungen. Aber auch für Staaten sind diese Daten von hohem Wert. Diese können Personeninformationen im Sinne von Überwachungen, Kontrolle oder auch Steuerung des Verhaltens der Bürger nutzen. Das Ziel hierbei ist eine Minimierung des normabwei-chenden Verhaltens. Auch die medizinische Forschung hoffe laut dem Vortragenden durch die massenhafte Analyse von Verhaltensdaten frühzeitig bestimmte Krankheitsbilder entdecken zu können, bevor eine Krankheit ausbricht, um so rechtzeitig eingreifen zu können.

 

Welche Mechanismen nutzen die Interessenten unserer Daten? Klaus Günther klärt auf: Aus dem äußeren Nutzerverhalten werde unter anderem auf Überzeugungen, Absichten und Wünsche geschlossen. Die Verhaltensbeeinflussung setze dann an den erschlossenen Daten an, bestätige und bekräftige diese. Dann versuche sie diese in eine Richtung zu lenken, die unseren Interessen und den Interessen gleichgesinnter Personen entspreche. Einen großen Teil dieser Daten produzieren Internetnutzer mit ihren Aktivitäten in digitalen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook. Die ‚neue‘ Realität, erklärt Klaus Günther, sei klar: Individuen bewegen sich in einer Welt, in der Daten gesammelt werden, dann wieder Informationen eingespeist werden, welche sich aus der Analyse des vorherigen Verhaltens ergeben. Es handele sich hierbei um den „digitalen Echoraum“. Dieser sei laut Günther ein Spiegelkabinett unserer Überzeugungen, Absichten, Wünsche und Sehnsüchte, welche aus unserem Online-Verhalten resultieren. Je öfter wir uns im World Wide Web bewegen, desto mehr würden wir zu Gefangenen einer Bestätigungswelt, welche unseren Interessen entspreche.

Wie frei sind Individuen, die sich in dieser Bestätigungswelt bewegen? Klaus Günther greift drei Argumentationsstränge auf. Nach dem ersten Argument seien Individuen in einer solchen Bestätigungswelt frei, weil Individuen in einer Bestätigungswelt stets nach ihrem Empfinden entscheiden, wählen und handeln. Zudem werden nach diesem Argument Individuen nicht gezwungen oder seien in der Überzeugung, sie hätten keine Alternativen. Zudem entspreche die Bestätigungswelt nach diesem Argument den Interessen der Individuen insofern, dass diese mit Informationen versorgt werden, die ihren Wünschen und Überzeugungen gleichen. Nach Günthers zweitem Argument sind Individuen in einer Bestätigungswelt nicht frei, da sie die Konstruktions- und Operationsregeln der Sphäre nicht kennen und somit nicht vollkommen selbstständig wählen, handeln und entscheiden können. Darüber hinaus kann kein Individuum autonom über die Regeln bestimmen und hat somit keine Kontrolle über diese. Dadurch entstehe eine Fremdbestimmtheit, auch wenn es sich in erster Linie um eine Bestätigungswelt der eigenen Interessen, Überzeugungen und Wünsche handelt. Beide Argumente gehen laut dem Vortragenden von einem statischen Konzept der Freiheit aus, welches einen punktuellen Zustand der Freiheit nachgeht. Nach dem dritten Argument seien Individuen in einer Bestätigungswelt nicht frei, weil Freiheit kein punktueller Zustand sei, sondern ein Prozess. Die Bestätigungswelt halte das Individuum in einem punktuellen Zustand fest. Zudem spiegele die Bestätigungswelt den Status Quo der Überzeugungen, Absichten und Wünsche des Individuums wider, welcher sich aus vergangenen Verhaltensanalysen ergebe. Deren Zweck bestehe darin, das zukünftige Verhalten des Individuums vorhersagbar, berechenbar und vor allem beeinflussbar zu machen. Nach Günther gehöre zur Freiheit allerdings auch, dass sich ein Individuum von seinen Wünschen distanzieren, diese kritisieren und selbst verändern könne. Danach sei eine Bedingung dafür, dass sich ein Individuum zu seinen Überzeugungen reflexiv verhalten könne, demnach Erfahrungen mit seiner Umwelt mache. Diese Erfahrungen enthalten, anders als in der Bestätigungswelt, nicht nur den Aspekt der Bestätigung, sondern auch Widerspruch, Dissens, Konflikte, Zweifel, aber auch Lernprozesse. Der Vortragende betont dabei, dass das Individuum dafür die Bestätigungswelt verlassen müsse und in der sogenannten „Offline-Welt“ Erfahrungen in drei Richtungen suchen. Sachlich gesehen erfahre das Individuum ein Scheitern über seine Umwelt: „Aus Erfahrungen wird man klug!“; „Aus Fehlern lernt man!“; „Wissen macht frei!“. In sozialer Sicht mache das Individuum hingegen eine Erfahrung des Dissens, des Konflikts oder des Wider-spruchs. Auch den zeitlichen Aspekt habe das Individuum durch die Erfahrung der offenen und ungewissen Zukunft. Jede dieser Erfahrungen bringe das Individuum allerdings dazu, einen Lernprozess zu erfahren.

Zum Abschluss seines Vortrages verdeutlicht Klaus Günther nochmals den Unterschied zwischen der statischen und dynamischen Freiheit. Es herrsche ein Wandel in der Gesellschaft, das Verständnis eines freien Lebensraums verändere sich. Warum ist das Suchen und Realisieren der dynamischen Freiheit so schwierig? Der Vortragende stellt dar: das Individuum vermeide oder verleugne irritierende, seinen Überzeugungen und Wünschen widersprechende Erfahrungen und kognitive Dissonanzen. Zudem empfinden Akteure Konflikte überwiegend als belastend und blicken vorzugsweise in eine sichere als in eine ungewisse Zukunft. Die dynamische Freiheit verlange im Gegensatz zum statischen Konzept von Freiheit vom Individuum eine Risikobereitschaft und zugleich ein Vertrauen. Digitale Echoräume hingegen motivieren Individuen dazu, die Bestätigungswelt nicht zu verlassen, da sie in eine berechenbare Zukunft ohne Abweichungen führen. Somit werde die dynamische Freiheit durch die statische Freiheit ersetzt. Zudem finden sich in digitalen Echoräumen gleichgesinnte Individuen in Gruppen und Foren wieder, was den Effekt hat, dass Akteure die Bestätigungswelt des World Wide Web nicht verlassen müssen und sich zur Abwehr irritierender Erfahrungen mit Gleichgesinnten zusammenschließen um konträre Erfahrungen gemeinsam abwehren zu können (zum Beispiel in „Hassreden“). Das Individuum empfindet diese Welt als positiv und bevorzugt diese der „Offline-Welt“, in der es sich konträren Meinungen eventuell alleine stellen müsse. Nun stehe das Individuum zwischen zwei Welten, einerseits in der statischen Freiheit des World Wide Web, in dem es seine Gedanken zwar offen äußern kann, gegebenenfalls aber keinen Lernprozess erreiche, da es durch die kon-stante Bestätigung seiner Meinungen, Wünsche und Erfahrungen, in seinem Denken beschränkt werde und nicht über die Gedanken nicht gleichgesinnter Individuen erfah-re. Andererseits bietet die „Offline-Welt“ einen Raum des reflexiven Verhaltens, in dem das Individuum die Freiheit zum Austausch mit anderen Akteuren hat, welche auch konträre Meinungen teilen. Dies könnte das Individuum zur Erweiterung seines Wissens und zur kritischen Betrachtung seiner eigenen Meinungen, Wünsche und Über-zeugungen nutzen. Digitale Echoräume verändern demnach nicht nur die Denkweisen der Menschen, sondern auch ihre Lebensweisen. Vom Verständnis der Freiheit, dem konstanten Status der Bestätigung, dem kritischen Umgang von Lernprozessen und der Nutzung unserer persönlichen Daten von Unternehmen und staatlichen Institutionen: digitale Echoräume machen aus den normativen Ordnungen der Gesellschaft smarte Ordnungen.


Aktuelles

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Die „Frankfurter interdisziplinäre Debatte“ ist ein Versuch des Dialogs zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu aktuellen Fragestellungen – derzeit im Kontext der Corona-Krise und u.a. mit Beiträgen von Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Klaus Günther. Seit Ende März 2020 ist die Onlineplattform der Initiative (www.frankfurter-debatte.de) verfügbar. Mehr...

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In einer Pressekonferenz hat Bundesministerin Anja Karliczek am 28. Mai 2020 den Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gegeben. Mit dabei waren Sprecherin Prof. Nicole Deitelhoff (Goethe-Uni, Normative Orders), sowie der Geschäftsführende Sprecher Prof. Matthias Middell (Uni Leipzig) und Sprecher Prof. Olaf Groh-Samberg (Uni Bremen). Nun kann auch das Frankfurter Teilinstitut seine Arbeit aufnehmen. Mehr...

Nächste Termine

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

29. Mai 2020, 18.30 Uhr

Virtual Workshop on the Political Turn(s) in Criminal Law Thinking: Gustavo Beade: The Voice of the Polity in the Criminal Law: A Liberal Republica. More...

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