Von Tanja Strukelj

Als Hannah Arendt im Jahr 1975 verstarb, war sie durch ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ zwar bekannt geworden, aber ihr Denken wurde in der politischen Philosophie außerhalb Deutschlands und den USA nur wenig rezipiert. Heute werden ihre Werke weltweit gelesen und diskutiert. Richard Bernstein freut sich über diese Entwicklung. Im Sommer 2018 wurde sein Buch „Why Read Hannah Arendt Now?“ veröffentlicht, in welchem er sich mit dem Denken Arendts auseinandersetzt und aktuelle Bezüge herstellt. Im Rahmen der 12. Internationalen Jahreskonferenz des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main, welche sich mit dem Thema „Smart Orders and/or Democracy?“ beschäftigte, sprach Bernstein am 5. Dezember 2019 über die heutige Bedeutung von Hannah Arendt. Richard Bernstein ist Vera List-Professor für Philosophie an der New School for Social Research in New York. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Hermeneutik, dem Pragmatismus, der Kritischen Theorie und der Dekonstruktion und arbeitet daran, diese Ansätze miteinander in Dialog zu bringen.

Bernstein betonte zu Beginn seines Vortrags, dass Hannah Arendt sowohl die dunklen Seiten des Politischen als auch dessen Potenziale und Chancen im Blick hatte. Ihr Denken war zwar geprägt von den Schrecken der NS-Diktatur, aber dennoch war sie stets der festen Überzeugung, dass es selbst in dunkelsten Zeiten Lichtblicke geben könne. Um ihrem Denken auf die Spur zu kommen, sei es wichtig, ihre biografischen Erfahrungen mit ihrem Werk in Verbindung zu bringen, so Bernstein. Daher zeichnete er im Folgenden das Leben von Hannah Arendt nach und verknüpfte diese Ausführungen mit Gedanken und Konzepten Arendts, die noch heute von besonderer Bedeutung sind.

 

Hannah Arendt, geboren im Jahr 1906, wuchs als Kind säkularer jüdischer Eltern in Königsberg auf. Als Heranwachsende interessierte sie sich für Theologie und Philosophie, zudem beschäftigte sie sich mit deutscher und griechischer Lyrik. Für ihr Studium der Philosophie zog sie 1924 nach Marburg, wo sie Seminare bei dem jungen Heidegger besuchte – einem der größten Philosophielehrer seiner Zeit, so Bernstein. In den 1920er Jahren – also in einer Zeit, in der die Nationalsozialisten an Einfluss gewannen – begann Hannah Arendt, sich für Politik zu interessieren. Auch wenn sie nie einer Organisation beitrat, war sie der Zionistischen Vereinigung für Deutschland eng verbunden: In deren Auftrag dokumentierte sie antisemitische Propaganda und die beginnende Judenverfolgung. Für diese Recherche wurde sie im Juli 1933 verhaftet und acht Tage lang durch die Gestapo verhört. In einem Fernsehinterview mit Günter Gaus im Jahr 1964 sagte sie dazu: „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen.“ Kurze Zeit nach ihrer Haftentlassung verließ Arendt Deutschland und emigrierte nach Paris, wo sie Walter Benjamin begegnete. In Paris wollte sie zunächst nicht mehr akademisch arbeiten, da sie sich von der freiwilligen „Gleichschaltung“ einiger ihrer Freunde in Deutschland enttäuscht zeigte: Diese hatten eine affirmative Haltung gegenüber dem NS-Regime übernommen, das sie nicht nur duldeten, sondern mit dem sie aktiv kooperierten. In Paris wollte sie stattdessen praktisch tätig sein und arbeitete für zionistische Organisationen, die es jüdischen Jugendlichen ermöglichte, nach Palästina auszureisen. Kurz bevor die Nazis nach Paris vorrückten, wurde Arendt im Jahr 1940 gemeinsam mit anderen deutschen Geflüchteten in das südfranzösische Lager Gurs deportiert. Nach etwa einem Monat gelang ihr die Flucht. Mithilfe des amerikanischen Diplomaten Varian Frys, der ihr dabei half, Papiere für die Ausreise aus Frankreich zu besorgen, konnte sie über Spanien und Portugal in die USA fliehen. Obwohl Walter Benjamin eine ähnliche Fluchtroute verfolgte, gelang ihm die Flucht in die USA nicht. Stattdessen verübte er im spanischen Grenzort Portbou Suizid. Hannah Arendt war es, die seine Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ in die USA brachte und dort an Theodor W. Adorno weiterreichte.

Als Geflüchtete war Hannah Arendt 18 Jahre lang staatenlos. In ihrem 1943 publizierten Essay „Wir Flüchtlinge“ (engl. „We Refugees“) beschreibt sie die Erfahrungen von Geflüchteten und ihre Anstrengungen der Assimilation. Aus diesem Essay stammt das berühmt gewordene Zitat, dass „die Zeitgeschichte eine neue Gattung von Menschen geschaffen hat – Menschen, die von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden“. In ihrem 1951 veröffentlichten Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (engl.: „The Origins of Totalitarianism“) führte sie ihre Analyse der Staatenlosigkeit fort: Staatenlosigkeit beschrieb sie nun als Verlust der Menschenrechte, da das elementare Recht, Rechte zu haben, damit verloren ging.

In „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ versuchte sie weiterhin nachzuvollziehen, wie es zu einer totalen Herrschaft kommt. Dabei entwickelte sie ein dreiphasiges Modell: Zunächst werde auf die „Tötung der juristischen Person“ abgezielt, wonach grundlegende Rechte abgeschafft werden, wie dies etwa in der NS-Diktatur mit den Nürnberger Gesetzen bei Jüdinnen und Juden der Fall gewesen war. Als zweite Stufe folgt die „Ermordung der moralischen Person“, wonach Gewissensentscheidungen und moralisches Handeln unmöglich gemacht werden. Beispielhaft hierfür sei der Bericht Camus‘ über eine Frau, die von den Nazis vor die Entscheidung gestellt wurde, welches ihrer drei Kinder getötet werden solle. Die letzte Stufe der totalen Herrschaft sei die Eliminierung des Individuellen, die sich in dem systematischen Versuch äußert, Menschen in Wesen zu verwandeln, die nicht mehr menschlich, sondern vielmehr „lebendige Leichname“ ohne Identität seien. In einem Brief an Karl Jaspers konkretisierte Arendt, dass sie das „radikal Böse“ als etwas verstehe, das mit der „Überflüssigmachung von Menschen als Menschen“ zu tun habe. Für die Gegenwart könne dieses Modell als Warnung gelesen werden, sagte Bernstein: So sei das Recht, Rechte zu haben und einer Gemeinschaft anzugehören, noch heute vielfach bedroht. Die Linie zwischen dem Verlust des Rechts auf Rechte und dem Abschotten tausender Menschen in Flüchtlingslager sei nur sehr dünn, warnte Bernstein.

In ihrem 1948 verfassten Artikel „Frieden oder Waffenstillstand im Nahen Osten?“ beschäftigte sich Hannah Arendt mit der Geschichte Palästinas und der Frage nach der Gründung eines israelischen Staats. Obwohl Arendt zionistischen Organisationen stets verbunden war, widersprach sie diesen bezüglich der Frage nach der Gründung eines israelischen Staates auf arabischem Boden. Stattdessen plädierte sie für ein bi-nationales Palästina, in welchem die jüdische mit der arabischen Bevölkerung gemeinsam leben sollte. Sie warnte davor, dass selbst wenn die Jüdinnen und Juden den Krieg gegen Palästina gewinnen sollten, ein israelischer Staat umgeben wäre von feindlich gesinnten arabischen Staaten, sodass ein israelischer Staat stets auf Selbstverteidigung ausgerichtet sein müsse. Diese Aussagen empfindet Bernstein angesichts der heutigen Entwicklungen als zutreffend. Auch wenn die meisten Jüdinnen und Juden weltweit im Erscheinungsjahr des Essays die Gründung eines eigenständigen Staates forderten, werden heute Stimmen in Israel laut, die sich für eine Einstaatenlösung einsetzen, ähnlich wie Arendt das einst gefordert hatte.

Sprach Hannah Arendt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ noch von dem „radikal Bösen“, wandte sie sich mit dem Eichmann-Prozess der „Banalität des Bösen“ zu. Eichmann beschrieb sie als einen Mann, der zwar an einem unfassbaren Grauen beteiligt war, der aber selbst weder dämonisch noch ungeheuerlich wirkte. Stattdessen attestierte sie ihm eine Unfähigkeit, zu denken: So habe er die Regeln und Gesetze der Nazis befolgt, ohne sie zu hinterfragen. Bernstein wies darauf hin, dass wir heute mehr über Eichmann wissen als Arendt damals: Es ist nun bekannt, dass Eichmann fest hinter dem NS-Regime stand. Noch im Jahr 1944 ließ er über 400.000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn nach Auschwitz deportieren, obwohl bereits absehbar war, dass der Krieg bald enden würde. Eine Beschreibung Eichmanns im Sinne der Banalität des Bösen treffe hier nicht zu, sagte Bernstein. Doch auch wenn ihr Urteil bezüglich Eichmann nicht akkurat war, erkennt Bernstein doch wichtige Aspekte an Arendts Konzept der Banalität des Bösen, da es die einfache Binarität zwischen Gut und Böse aushebelt. So wird das Böse meist in Verbindung gebracht mit sadistischen und teuflischen Zügen, die oftmals sogar eine gewisse Anziehungskraft auswirkten. Aber ein solch vereinfachtes Denken funktioniere nicht mehr, wenn das Böse in Zeiten des Totalitarismus verstanden werden soll. Laut Bernstein gilt es nun, zu verstehen, wie auch scheinbar gewöhnliche und rechtstreue Menschen zu Zahnrädern in einer Maschinerie der Gewalt werden konnten. Mit Arendts Thesen über die Banalität des Bösen könne das Konzept dessen, was das Böse in Zeiten des Totalitarismus und danach bedeutet, überdacht werden.

Arendts Berichterstattung über den Eichmann-Prozess zog zahlreiche negative Reaktionen nach sich. Sie sah sich konfrontiert mit Lügen und Unwahrheiten, die über ihr Buch verbreitet wurden. Angestoßen durch diese Erfahrungen beschäftigte sich Arendt in ihrem 1964 veröffentlichten Essay „Wahrheit und Politik“ (engl.: „Truth and Politics“) mit dem Verhältnis von Wahrheit und Lüge in der Politik. Arendt schrieb, dass Propaganda funktioniere, weil die Menschen eine Geschichte hören wollen, die sie anspreche, und nicht etwa, weil sie sich nicht für Fakten interessierten. Fakten würden dann zerstört, wenn sie zu Meinungen degradiert werden, insofern dadurch die Wahrnehmung der Faktizität des Faktischen gestört wird. Die Gefahr bestehe nicht darin, dass Lügen als Wahrheiten akzeptiert und Wahrheiten als Lügen diffamiert würden, sondern in der Zerstörung des menschlichen Orientierungssinns, der ohne die Kategorien von Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr funktionieren könne. Nach Bernstein sei diese Analyse heute besonders aktuell: Dabei bestehe die Gefahr nicht darin, dass Trump über etwas lügt, von dem er weiß, dass es nicht der Wahrheit entspricht; die Gefahr bestehe vielmehr darin, dass Trump selbst nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden könne.

Das Denken Arendts ist aber nicht nur durchzogen von den dunklen Seiten des Politischen; sie beschäftigte sich auch mit den Chancen und Potenzialen in der Politik. Oftmals wurde Hannah Arendt vorgeworfen, dass ihr Verständnis der griechischen Polis und ihr darauf aufbauendes Politikverständnis im Allgemeinen romantisiert und idealisiert sei. Bernstein hingegen geht davon aus, dass weniger das idealisierte Bild der Polis als vielmehr der Horror der NS-Zeit Arendts Denken markant prägten. Diese Erfahrungen veranlasste Arendt dazu, daran zu erinnern, was Politik sein könne. In ihrem Konzept der Natalität, das sie in ihrem 1958 erschienenen Werk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (engl.: „The Human Condition“) beschrieb, liege nach Bernstein die Konnotation von Geburt und damit die Möglichkeit, Neues zu wagen und einen Anfang zu machen. Gegen Heidegger schrieb Arendt, dass Natalität – und nicht Mortalität – eine zentrale Kategorie des Politischen sei. Weniger als eine Nostalgie um vergangene, vermeintlich bessere Zeiten ging es ihr laut Bernstein um die Potenziale, die in der Politik liegen und die der Mensch verwirklichen könne. So könne bereits eine politische Diskussion in kleiner Runde der Anfang von etwas politisch Neuem sein.

Mit ihrem Streben, ihre Zeit zu verstehen, wollte Hannah Arendt das Geschehene weder verharmlosen noch das Ungeheuerliche leugnen. Ihr ging es darum, die Last der Ereignisse bewusst zu tragen und den Tatsachen ins Auge zu blicken, ohne sich dem Gewicht demütig zu beugen oder es zu negieren. In „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ schrieb sie: „Begreifen bedeutet, sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit, was immer sie ist oder war, zu stellen und entgegenzusetzen.“ Laut Bernstein fordere Arendts Denken dazu auf, sich der eigenen politischen Verantwortung bewusst zu werden und der Versuchung zu widerstehen, in Zynismus oder Verzweiflung zu verfallen. Auch wenn Handeln scheitern könne, war es Arendt immer ein Anliegen gewesen, sich mit der eigenen politischen Verantwortung auseinanderzusetzen, anstatt vor dieser zu fliehen.


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Die „Frankfurter interdisziplinäre Debatte“ ist ein Versuch des Dialogs zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu aktuellen Fragestellungen – derzeit im Kontext der Corona-Krise und u.a. mit Beiträgen von Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Klaus Günther. Seit Ende März 2020 ist die Onlineplattform der Initiative (www.frankfurter-debatte.de) verfügbar. Mehr...

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In einer Pressekonferenz hat Bundesministerin Anja Karliczek am 28. Mai 2020 den Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gegeben. Mit dabei waren Sprecherin Prof. Nicole Deitelhoff (Goethe-Uni, Normative Orders), sowie der Geschäftsführende Sprecher Prof. Matthias Middell (Uni Leipzig) und Sprecher Prof. Olaf Groh-Samberg (Uni Bremen). Nun kann auch das Frankfurter Teilinstitut seine Arbeit aufnehmen. Mehr...

Nächste Termine

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

29. Mai 2020, 18.30 Uhr

Virtual Workshop on the Political Turn(s) in Criminal Law Thinking: Gustavo Beade: The Voice of the Polity in the Criminal Law: A Liberal Republica. More...

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