Mit Rainer Schmalz-Bruns ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Politikwissenschaftler unseres Landes von uns gegangen. Wir verlieren mit ihm einen der originellsten Denker in Bezug auf die Dynamiken demokratischer Ordnungen, auf dessen Expertise und Rat wir stets zurückgreifen konnten, und wir verlieren einen wundervollen Menschen – und lieben Freund – der uns sehr fehlen wird.
Rainer Schmalz-Bruns war seit 2005 Professor für Politikwissenschaft in Hannover. Zuvor war er seit 1997 Professor für Politische Theorie an der TU Darmstadt, und seit jener Zeit war er ein nicht wegzudenkender Gesprächspartner für viele an der Goethe-Universität. Gemeinsam mit Rainer Forst erarbeitete er den bis heute sehr erfolgreichen Studiengang Politische Theorie, und seine Theorie der „Reflexiven Demokratie“ von 1995 ist nach wie vor einer der international besten Beiträge zur Diskussion um die Grundidee und den Zuschnitt einer „deliberativen Demokratie“ – eine besonders in Frankfurt lebhaft geführte Debatte.
Die Frage, welche Rolle die Rationalität in politischen Verfahren und der politischen Kultur einer Demokratie generell zu spielen vermag, und was das institutionell bedeutet, war das wissenschaftliche Lebensthema von Rainer Schmalz-Bruns. Von diesem normativen Kern seines Denkens ließ er nie ab, doch seine soziologische und institutionenanalytische Schulung ließ ihn an hochfliegenden normativen Idealen zweifeln, die er aber deshalb nicht aufgab, sondern vielmehr erdete. Schmalz-Bruns stand fest in dieser Welt, und wenn man wissen wollte, was die Chancen und Probleme des deliberativen Ansatzes jenseits des Nationalstaats waren, gab es keinen Besseren als ihn. Sein Ansatz des „Deliberativen Supranationalismus“ (1999) ist ein Markstein der Forschung dazu.

Schmalz-Bruns war ein ebenso enzyklopädisch gebildeter Wissender wie er ein konzentriert systematischer Forscher war. Seine Fragen, Hypothesen und Methoden legte er sich sorgsam zurecht, und nie suchte er die leichte Abkürzung zur knackigen These. Auf viele der Erkenntnisse, die andere für weltbewegend hielten, reagierte er mit seinem typischen, freundlichen, aber auch zur nochmaligen Reflexion mahnenden Knurren, dem in der Regel ein Argument folgte, das, im Fußball würde man sagen: aus der Tiefe des Raumes (wie einst Netzer) kam und zu schnell geöffnete Türen wieder schloss und andere dabei aufmachte. Sein Naturell voll hintergründigem Witz und feiner Ironie und seine Hamburger wissenschaftliche Sozialisation trugen dazu bei, dass ihn so leicht nichts aus der Fassung brachte; dabei blieb er stets neugierig und bemerkte einen neuen Gedanken sofort, dem er beisprang, wenn er sich bewähren konnte.
Saß man mit ihm an einem Tisch, ob im Seminar oder bei einem guten Tropfen, fühlte man sich stets aufgehoben. Auch in stürmischen Zeiten behielt er seinen Anker bei und war ein solcher für andere, und auf diese Art hat er viele hervorragende WissenschaftlerInnen ausgebildet, die die Profession prägen. Überhaupt war sein Grundmodus des Daseins, wie man phänomenologisch gesagt hätte, das Für-Andere-da-Sein, und sein Vorbild wird weiterleben. Wie auch sein Denken, dem zu seinem 60. Geburtstag ein beeindruckender Band („Deliberative Kritik – Kritik der Deliberation“) gewidmet wurde, der SchülerInnen und KollegInnen versammelt.
In der Disziplin der Politikwissenschaft war Schmalz-Bruns ein eleganter und wegweisender Brückenbauer, nicht nur zu Nachbardisziplinen wie der Soziologie, der Philosophie und dem Recht, sondern auch zwischen der Politischen Theorie, der Regierungslehre, der Komparatistik und den Internationalen Beziehungen. Sein Wirken in den einschlägigen Organisationen war segensreich.
Wir in den Normativen Ordnungen hatten das Glück, ihn nicht nur auf Konferenzen und zu Beratungen häufiger zu Gast zu haben, sondern in den Jahren 2011 und 2012 als Fellow (am Forschungskolleg Humanwissenschaften). Im Dienstags-Kolloquium Politische Theorie konnten alle seine Brillanz ebenso sehen wie seine Bescheidenheit und seine Konzilianz; es gab schlechterdings kein Thema, zu dem er nicht etwas Profundes beizutragen hatte. Und wenn es mal deftiger zuging, löste sich die Sache hinterher bei einer Pfeife oder einer Zigarette in wohlmeinenden Rauch und einem befreiten Lachen auf.
Rainer Schmalz-Bruns ertrug die Krankheit, die ihn immer wieder und immer stärker packte, mit erstaunlicher Kraft, und er engagierte sich weiter für andere, solange er irgend konnte. Auch das wird unvergessen bleiben.

Wir trauern um einen in jeder Hinsicht besonderen Menschen. 

Rainer Forst
Nicole Deitelhoff
Rebecca Schmidt
Klaus Günther


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