Mitarbeiterprofil

Neckel, Sighard, Prof. Dr.


sighard [Punkt] neckel (at) wiso [Punkt] uni-hamburg [Punkt] de

Projekte und Positionen im Cluster

Forschungsthema

Die Berufsmoral der Banker. Milieubildungen und Professionsethiken im globalen Finanzwesen

Kurzbeschreibung Forschungsthema

Finanzmärkte stellen sich dem Beobachter als globale Arenen eines anonymen Wirtschaftsgeschehens dar, in dem professionelle Akteure disparat über Märkte verteilt sind und scheinbar so atomisiert wie die Finanzmärkte selbst operieren. Ob in der gesellschaftlichen Entwurzelung einer globalen Klasse von Bankern, Fondsmanagern, Analysten und Finanzdienstleistern nicht einer der soziologischen Gründe für die anomischen Tendenzen des Finanzwesens zu sehen ist, wurde seit der Finanzkrise 2008 denn auch zum Gegenstand öffentlicher Debatten.

Mit Bezug auf Émile Durkheims Theorie der normativen Integration funktional differenzierter Gesellschaften, die den Berufsmilieus und ihren Professionsethiken eine privilegierte Rolle bei der Hervorbringung von „Solidarität“ und der „Zügelung der individuellen Egoismen“ in modernen Sozialordnungen zuweist, soll erforscht werden, ob und in welcher Weise sich Gruppenprozesse und Milieubildungen beruflicher Akteure des internationalen Finanzwesens vollziehen, die zur sozialen Grundlage der Entstehung von Berufsmoral und eines „kritischen Professionalismus“ im Finanzwesen werden könnten. Erst solche Professionsethiken könnten gewährleisten, dass normative Steuerungsleistungen gegenüber der heutigen Finanzökonomie nicht allein durch externe Instanzen ausgeübt werden müssten, sondern sich auch als professionsethische Quellen innerer Selbststeuerung bewähren.

Sozialwissenschaftlich sind die Kenntnisse zu den Akteuren im Finanzwesen bisher sehr beschränkt: Kaum andere Berufsgruppen sind so wenig erforscht wie die Professionen im Banken- und Finanzwesen. Auf der Grundlage vergleichender ethnographischer Milieuforschungen zu finanzwirtschaftlichen Berufsgruppen an den Bankenplätzen Frankfurt und Zürich sollen daher die soziologischen Konstitutions- und Transformationsbedingungen von Berufsmoral und Professionsethiken im sozialen Feld der Banker ermittelt werden. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Fragen nach dem jeweiligen Selbstverständnis der eigenen beruflichen Tätigkeit. Überdies ist von Interesse, welche Zugehörigkeiten, Geselligkeitsmuster und Netzwerke in den Berufsmilieus des Finanzwesens existieren.

In dem Forschungsprojekt sollen mithin die „inneren sozialen Milieus“ (Durkheim) von Bankern in ihren Praktiken und Symbolen, in ihren Weltbildern und Vergemeinschaftungsmustern ebenso untersucht werden wie jene institutionellen Prozesse einer ethischen Erneuerung im Finanzwesen, die sich etwa in der Gründung „ethischer Banken“ oder in kritischen Debatten innerhalb finanzwirtschaftlicher Berufsorganisationen dokumentieren. Eine solche milieusoziologische Untersuchung kann die bisher vor allem systemisch orientierten Analysen von Finanzmärkten um eine soziologische Perspektive ergänzen, die den Praktiken von Akteuren, ihren normativen Sichtweisen und sozialen Beziehungen besondere Bedeutung für das Finanzwesen beimisst. Erkenntnisse dieser Forschung können nicht zuletzt dazu beitragen, öffentliche Bilder von „Bankern“ zu korrigieren, die gewiss auch von Stereotypen geprägt sind.

Biografische Angaben

Professor für Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität. Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung Frankfurt a. M.
Zuvor Forschungs- und Lehrtätigkeit an der FU Berlin und Professuren an den Universitäten Siegen, Wuppertal, Gießen und Wien.

Publikationen

  • Artikel
    • (noch nicht erschienen)
      • Neckel, Sighard; Czingon, Claudia; Lenz, Sarah (forthcoming): Kulturwandel im Geldgeschäft? Potenziale einer ethischen Selbsterneuerung im Banken- und Finanzwesen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 58, p. n.n.
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    • 2015
      • Neckel, Sighard (2015): Das System im freien Fall. Die Chefs der Deutschen Bank kommen und gehen. Das Problem, an dem sie scheitern, bleibt: Das Geld, das nur noch um sich selbst kreist, in: DIE ZEIT, 70. Jg., Nr. 24, 11. Juni 2015, S. 39.
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      • Neckel, Sighard (2015): Die Kultur des emotionalen Kapitalismus: Paradoxien moderner Gefühlssteuerung, (japanisch) in: Shiso, No. 1093 (5/2015), S. 51-67, Tokyo: Iwanami Shoten Publishers.
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      • Neckel, Sighard (2015): Scheitern am Scheitern. Über die Erfolgsgesellschaft und die Erfolglosigkeit. in: Neue Zürcher Zeitung, 30. Mai 2015, S. 30-31.
        Details
      • Czingon, Claudia; Neckel, Sighard (2015): Banking in gesellschaftlicher Verantwortung? Zur Berufsmoral im Finanzwesen, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 12. Jg. (2015), Heft 1, S. 71-84.
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    • 2014
      • Neckel, Sighard (2014): Burnout. Das gesellschaftliche Leid der Erschöpfung, in: Transit. Europäische Revue, Heft 46 (Winter 2014/15), S. 116-130.
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      • Neckel, Sighard (2014): Die Pflicht zum Erfolg. Genealogie einer Handlungsorientierung, in: Denis Hänzi, Hildegard Matthies und Dagmar Simon (Hrsg.): Erfolg. Konstellationen und Paradoxien einer gesellschaftlichen Leitorientierung, in: Leviathan, 42. Jg., Sonderband 29 (2014), Baden-Baden: Nomos, S.29-44
        Details
      • Neckel, Sighard (2014): Oligarchische Ungleichheit. Winner-take-all-Positionen in der (obersten) Oberschicht, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 11. Jg. (2014), Heft 2, S. 51-63.
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      • Neckel, Sighard; Wagner, Greta (2014): "Burnout. Soziales Leiden an Wachstum und Wettbewerb", in: WSI-Mitteilungen, 67. Jg. (2014), Heft 7, S. 536-542.
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    • 2013
      • Neckel, Sighard (2013): Die Ordnung des Finanzmarktkapitalismus: Gesellschaftskritik und paradoxe Modernisierung, in: Transit. Europäische Revue, Heft 44 (Herbst 2013), S.53-61.
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      • Neckel, Sighard (2013): Zukunft der Vergangenheit. Zur Refeudalisierung der modernen Gesellschaft, in: Polar. Zeitschrift für politische Philosophie und Kultur, Nr. 15 / Herbst 2013 (Thema: „Grenzen“), Frankfurt/M. 2013: Campus, S.145-154
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      • Neckel, Sighard (2013): „Refeudalisierung“ – Systematik und Aktualität eines Begriffs der Haber-mas’schen Gesellschaftsanalyse, in: Leviathan, 41. Jg. (2013), Nr.1, S. 39-56
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  • Buchkapitel
    • 2017
      • Wagner, Greta; Neckel, Sighard (2017): "Exhaustion as a Sign of the Present", in: Sighard Neckel, Anna Katharina Schaffner und Greta Wagner (Hrsg.): Burnout, Fatigue, Exhaustion: An Interdisciplinary Perspective on a Modern Affliction, Basingstoke 2017: Palgrave MacMillan.
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    • 2014
      • Neckel, Sighard (2014): Ein Neofeudalismus der Reichen? Gesellschaftliche Folgen der Finanzmarktökonomie, in: Karlheinz Sonntag (Hrsg.): Arm und Reich. Vorträge des STUDIUMS GENERALE der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg im Wintersemester 2012/2013, Heidelberg 2014: Universitätsverlag Winter, S. 89-106.
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      • Neckel, Sighard (2014): Emblematische Soziologie als Kritik: Siegfried Kracauer, in: Ronald Hitzler (Hrsg.): Hermeneutik als Lebenspraxis. Ein Vorschlag von Hans-Georg Soeffner, Weinheim und Basel 2014: Juventa, S. 207-213.
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      • Neckel, Sighard (2014): Emotionale Reflexivität - Paradoxien der Emotionalisierung, in: Thilo Fehmel, Stephan Lessenich und Jenny Preunkert (Hrsg.): Systemzwang und Akteurswissen. Theorie und Empirie von Autonomiegewinnen, Frankfurt/M., New York 2014: Campus, S. 117-129.
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    • 2013
      • Neckel, Sighard (2013): Arlie Russell Hochschild: Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle, in: Konstanze Senge / Rainer Schützeichel (Hrsg.): Hauptwerke der Emotionssoziologie, Wiesbaden 2013: Springer VS, S. 168-175.
        Details
      • Neckel, Sighard (2013): „Leistung“ und „Erfolg“. Eine Zeitdiagnose zum Wandel sozialer Ungleichheit, in: Eiko Jürgens / Susanne Miller (Hrsg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule. Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse, Weinheim und Basel 2013: Juventa, S. 47-58.
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      • Neckel, Sighard; Wagner, Greta (2013): "Erschöpfung als 'schöpferische Zerstörung'. Burnout und gesellschaftlicher Wandel", in: Sighard Neckel und Greta Wagner (Hrsg.): Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp, S. 203-217.
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    • 2012
      • Sutterlüty, Ferdinand; Neckel, Sighard (2012): Gegen die türkischen Aufsteiger ‒ Interethnische Klassifikationen und Ausgrenzungspraktiken, in: Wilhelm Heitmeyer und Peter Imbusch (Hrsg.): Desintegrationsdynamiken. Integrationsmechanismen auf dem Prüfstand. Wiesbaden: Springer VS, S. 143‒170.
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  • Sammelband (Hrsg.)
  • Sonstige
  • Working Paper
    • 2015
      • Neckel, Sighard; Calabrese, Salvatore; Sczech, Verena; Hofstätter, Lukas; Petzold, Conny (2015): Globale Bankvorstände. Zum Stellenwert internationaler Berufserfahrung bei Bankvorständen in Deutschland und weltweit. Global Financial Class Working Paper Series No.1, Juli 2015, ISSN 2365-3078
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