Medien-Echo

Wiederbelebung einer großen Kinokultur

Deutsch-afrikanischer Austausch: Das Frankfurter Modell eines Film-Studiengangs wird nach Nigeria exportiert

FRANKFURT. Wenn ein gutes Produkt sich auf dem Markt behaupten kann, wird es über kurz oder lang exportiert. So ist es jetzt mit dem Masterstudiengang "Filmkultur - Archivierung, Programmierung, Präsentation", der seit dem Wintersemester 2013/14 an der Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF) angeboten wird. Die Absolventen des Studiengangs, der Theorie und Praxis kombiniert, sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt.
Von September an werden afrikanische Studenten die Möglichkeit haben, nach dem Frankfurter Modell Filmkultur und vor allem Archivierung in einem Masterprogramm zu erlernen: Mit dem Berliner Arsenal Institut für Film und Videokunst haben die Partner DFF und Goethe-Universität sich 2018 zusammengetan, um vier Jahre lang für das "Archival Studies Master Program Jos" in Kooperation mit der Nigerian Film Corporation, dem National Film Institute of Nigeria und dem National Film, Video and Sound Archive in Jos den Studiengang aufzubauen. Finanziert wird das Projekt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst aus dem Programm "Transnationale Bildung".
Nach dem Modell "Training the Trainers" wird derzeit an der Weiterbildung der afrikanischen Kollegen gearbeitet. Noch bis Ende des Monats pendeln die beiden nigerianischen Fachleute Justina Omojeve vom National Archive for Film, Video and Sound und Dan Ella, der an der University of Jos Film in Theorie und Praxis lehrt, sowie zwei ihrer Kollegen zwischen Wiesbaden, Frankfurt und Berlin. Dort eignen sie sich die Methoden des Masterstudiengangs Filmkultur und die Arbeitsweisen des DFF sowie des Berliner Arsenals an.
Geplant ist, so Vinzenz Hediger, seit 2011 Professor für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität, ein Austausch in beide Richtungen. In den nächsten drei Jahren sollen afrikanische und europäische Dozenten auch gemeinsam lehren, ein Studentenaustausch soll etabliert werden. Nicht zuletzt soll es dem hiesigen Kinopublikum ermöglicht werden, das afrikanische Filmerbe zu entdecken. Bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen war das erste Mal frisch digitalisiertes Material aus Nigeria präsentiert worden.
Denn Nigeria, das den Spitznamen "Nollywood" trägt, ist die zweitgrößte Filmnation der Welt - gleich nach Indien und noch vor den Vereinigten Staaten. Schätzungen zufolge werden jedes Jahr gut 1000 Filme produziert. "Im Grunde möchte jeder in Nigeria irgendetwas mit Film machen", sagt Dan Ella. Allein an seiner Hochschule gibt es 500 Filmstudenten. Aber Film ist in Nigeria, wie überhaupt in Afrika, bisher ein kurzlebiges Medium: Gedreht vor allem mit kleinen Digitalkameras, werden die Filme auf DVD gebrannt, weiterverbreitet und dann, sehr oft, rasch wieder vergessen. Und selbst große Werke bekannter Regisseure sind schon wenige Jahre nach ihrer Produktion schwer zu finden. Ganz zu schweigen vom Filmerbe auf Zelluloid, das, soweit es überhaupt noch vorhanden ist, bisher kaum archiviert, erforscht und gezeigt wird. Wenn es überhaupt in seinen Ursprungsländern vorhanden ist. Das, was an frühem Film aus Afrika noch vorhanden ist, muss man oft in europäischen Archiven suchen - eine weitere Nachwirkung des Kolonialismus.
Auch das europäische und amerikanische Filmerbe weist große Lücken auf, vieles ist verschollen, weil in den Anfangsjahrzehnten der mit 120 Jahren noch jungen Kunst- und Wirtschaftsform Film auf das Archivieren wenig Wert gelegt worden war. Kriege und wirtschaftliche Krisen beeinflussten ebenfalls das Bewusstsein für den historischen Wert des Films. Strategien, die hierzulande etwas früher eingesetzt haben, sollen jetzt auch die Erschließung des afrikanischen Filmerbes ermöglichen, und der Studiengang soll nach dem Willen der Initiatoren über Nigeria hinausreichen.
"Wir müssen diese Filme bewahren, sonst stirbt die Geschichte", sagt Justina Omojeve vom nigerianischen National Archive for Film, Video and Sound. Nur fünf ausgebildete Archivare wie sie gebe es derzeit in Nigeria. Der Bedarf aber ist groß, und gerade wird das Nationalarchiv in einem Neubau in Jos eingerichtet. Eine mobile Digitalisierungsstation dort soll künftig auch in der Ausbildung der Filmkultur-Studenten eingesetzt werden. Die ersten 25 wird Omojeve von September an unterrichten.
Vor allem das Zelluloid-Archiv des DFF in Wiesbaden hat es ihr angetan - und dort haben sie und Ella tatsächlich historisches Material aus Nigeria sichten können. Das Filminstitut, so Hediger, trage in der Entwicklung des nigerianischen Masters die gesamte archivarische Ausbildung, die akademischen Lehrpläne würden mit der Goethe-Universität erstellt.
Bislang, sagt Dan Ella, könne er seinen Studenten allenfalls punktuell und auf Video historische Werke nahebringen. Kino als gemeinschaftliches Erleben von Originalfilmen existiere in Nigeria, das eine große Filmtheaterkultur hatte, fast gar nicht mehr. Nun erhoffen Ella und Omojeve sich auch ein Wiedererwachen dieser Kultur - ihre Studenten könnten dazu beitragen.

EVA-MARIA MAGEL

Von Eva-Maria Magel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. Mai 2019, Hochschule (Rhein-Main-Zeitung), Seite 36. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Stiftung fördert Akademie in Mali

Forscher der Universitäten Frankfurt und Basel bauen in Mali eine Akademie für Postdoktoranden auf. Dort sollen sich Nachwuchskräfte aus sieben frankophonen afrikanischen Ländern der geistes- und sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung widmen. Die in Düsseldorf ansässige Gerda-Henkel-Stiftung, die geisteswissenschaftliche Projekte unterstützt, fördert das Vorhaben mit knapp einer Million Euro. Außerdem gibt es Geld von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Nach Worten des Frankfurter Projektkoordinators Stefan Schmid geht es der Stiftung nicht darum, angewandte Wissenschaft zu fördern. Vielmehr sei es ihr Ziel, die Qualität der Grundlagenforschung in Afrika zu verbessern. Das Programm der Akademie soll es den dort tätigen Stipendiaten ermöglichen, sich kritisch mit ihren Disziplinen und ihrer eigenen Identität als Wissenschaftler auseinanderzusetzen. Nach der dreijährigen Ausbildung in Mali sollen die Postdoktoranden an ihre Heimatinstitutionen zurückkehren, um dort auf höherem Niveau zu lehren und zu publizieren. Zum Projekt gehören auch ein Mentoringprogramm und die Pflege von Kontakten zu anderen Forschungseinrichtungen.
Angesiedelt wird die Akademie in dem unabhängigen Forschungszentrum Point Sud in der malischen Hauptstadt Bamako. Die Förderung läuft zunächst bis Juli 2022.
zos.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. Mai 2019, Hochschule (Rhein-Main-Zeitung), Seite 36. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Ist Europa zu retten? Ja, nein, vielleicht heißt es bei den Römerberggesprächen

So manches läuft schief in Europa. Darüber schienen sich die Zuhörer schon einig gewesen zu sein, bevor Ina Hartwig, Frankfurter Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, am Samstag die Römerberggespräche eröffnete. Was genau aber auf dem Kontinent nicht stimmt, dazu gab es mehr Thesen als Referentinnen und Referenten, denn immer wieder brachte sich auch das Publikum ein, das den Chagall-Saal im Frankfurter Schauspiel bis auf wenige Plätze füllte. Weitgehender Konsens herrschte ferner darüber, dass Populismus eines der zentralen Probleme Europas ist und darüber, dass ausgerechnet dieses Problem sich nach der Europawahl noch verschärfen könnte.
Der Populismus in der Europäischen Union war das inoffizielle Thema des ganzen Tages. Zunächst zeigte der Politikwissenschaftler Philip Manow anhand der Ergebnisse aller Europawahlen in der Vergangenheit, warum tendenziell eher radikale und europaskeptische Politiker ins Europaparlament gewählt werden. Ein in der Tat überraschender Umstand, der weitgehend unbekannt sein dürfte, weil eine "echte" europäische Öffentlichkeit fehle, wie Christine Landfried beklagte. Sie führte das nicht zuletzt darauf zurück, dass viele Bereiche der europäischen Union von großer Komplexität und also schwer zu vermitteln und debattieren seien. Gegen die Versuchung metaphorischer Verkürzung von Tatsachen und für mehr Differenziertheit plädierte wiederum der Historiker Andreas Rödder. Behauptungen wie jene, dass Europa scheitere, wenn der Euro scheitere, hält er für potentiell populistisch, weil sie eine Alternativlosigkeit suggerierten, die so nicht bestehe.
Die Frage nach der Zukunft des europäischen Staatenverbunds stellte Stefan Kadelbach, womit er Ulrike Guérot das Stichwort gab. Diese argumentierte leidenschaftlich für eine Umwandlung der Europäischen Union in eine europäische Republik und erntete damit tosenden Beifall. Dass da auch noch die Philosophin Mara-Daria Cojocaru mit auf dem Podium saß, schien sie wenig zu kümmern. Wenn sie etwa ausbreitete, dass Europa sich im Zustand eines Bürgerkriegs befinde, übertönte sie Cojocaru und den Moderator Alf Mentzer einfach. Natürlich meinte sie dabei nicht einen Bürgerkrieg mit Panzern und Verletzten, sondern nur im strengen Sinn von Giorgio Agamben. Sie sprach so engagiert für ihre Sache, dass die Zeit für Verwunderung fehlte.
Zwischen den rednerischen Spezialeffekten war Guérots Beitrag von erfrischender Handfestigkeit. Mit ihrer europäischen Republik brachte sie eine Utopie ins Spiel, unter der man sich wenigstens grosso modo etwas vorstellen konnte, während an diesem Tag vieles andere im Unkonkreten blieb. Davon, dass "die demokratische Fläche erodiert", wurde geredet und davon, dass Europa eigentlich viel mehr als nur die EU sei. Ausführungen dessen, was damit genau gemeint war, blieben die Redner schuldig.
So verwundert es auch nicht, dass sich die Rednerinnen und Redner zwar auf das Feindbild des Rechtspopulismus verständigen konnten, über diesen aber nur wenig sagten. Dass es den sogenannten Populisten gelinge, "die Finger auf die richtigen Stellen zu legen", deutete Ulrike Guérot nur an. Statt auf diesen wichtigen Punkt weiter einzugehen, unterstrich sie aber, einen Populismus keinesfalls verteidigen zu wollen. Aus Angst, bereits für diese Andeutung diskreditiert zu werden, wiederholte sie ihre Beteuerung noch zweimal in aller Deutlichkeit für die anwesenden Medienvertreter. Da bekam man eine Ahnung davon, dass es vielleicht wirklich um unsere Debattenkultur nicht besonders gut bestellt ist, wenn selbst furchtlose Rednerinnen wie Guérot vorsichtig werden. Und das wiederum haben wir möglicherweise wirklich den Populisten zu verdanken.
Die treffende Ergänzung, dass nicht nur Populismus der europäischen Sache schade, hörten viele Zuhörer schon gar nicht mehr. Denn sie wurde erst ganz zum Schluss geäußert. Daniel Röder war es, der zu Recht darauf hinwies, dass die Zahl derer, die am kommenden 26. Mai überhaupt keine Wahlzettel ausfüllen werden, die Zahl der Populisten um ein Vielfaches übersteigt. Diese Bevölkerungsteile gelte es zu mobilisieren, wenn ein Wandel gelingen soll, sagte er, der für seine Bemühungen um "Pulse of Europe" mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden war. Denn eine apathische Mehrheit unterminiere ein demokratisches System mindestens genauso sehr wie die offene Demokratiefeindlichkeit einer Minderheit.
Einen Vorgeschmack darauf, wie schwer es werden könnte, neue Zielgruppen an politische Fragestellungen heranzuführen, lieferten die Römerberggespräche gleich selbst. Von den Rednern abgesehen, saßen kaum fünf Menschen im Saal, die unter vierzig Jahre alt waren.
OLIVER CAMENZIND

Von Oliver Camenzind aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. Mai 2019, Feuilleton, Seite 13. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Verstand und Empfindsamkeit. Europa: Noch zu retten? Die Römerberggespräche fragen nach der Vitalität der Union

So leer war es schon lange nicht mehr bei den Römerberggesprächen. Darin waren sich die Logenschließerinnen des Frankfurter Schauspiels einig. Sie atmeten auf: Niemand rannte ihnen wie im Vorjahr die Bude ein. Der Chagallsaal war zwar voll, aber nur wenige Besucher saßen auf den Bänken im Wolkenfoyer, um dort der Tonübertragung zu lauschen. Drinnen wie draußen fehlte die junge Generation. Schade, denn es ging um Europa und ihre politische Zukunft. Die üblichen Verdächtigen hingegen, die als Zuhörer seit Jahrzehnten zu der Rede- und Diskussionsveranstaltung pilgern, sind in die Jahre gekommen. Entsprechend diszipliniert ging es zu.
Zwei Wochen vor der Europawahl und im 47. Jahr ihres Bestehens mussten die Römerberggespräche zum 13. Mal "intervenieren". Kulturdezernentin Ina Hartwig eröffnete den acht Stunden langen Marathon mit einer Zielvorgabe. Angesichts steigender Aggressivität in einer gespaltenen Gesellschaft erinnerte sie daran, dass die Gespräche schon immer die Zivilgesellschaft stärken wollten. "Das Wahlrecht ist ein hohes Gut. Wer es nicht wahrnimmt, sollte hinterher nicht klagen", mahnte sie und kassierte den ersten Extra-Applaus. Dann ergriff der Moderator Alf Mentzer das Wort und ergänzte den Titel der Veranstaltung, "Last Exit nach dem Brexit": "Europa kann auch durch Sabotage von innen scheitern."
Philip Manow, politischer Ökonom aus Bremen, legte danach eine faktenreiche Grundlage für weitere Diskussionen über die befürchtete "Protestwahl". Sein Resümee: "Es wird eine solide Integrationsmehrheit geben statt einer Blockademehrheit." Das Publikum fand, die Medien hätten es versäumt, die Europäische Union positiv darzustellen. Christine Landfried, emeritierte Politikwissenschaftlerin aus Hamburg, versuchte, die europäische Öffentlichkeit in ihrem Versteck aufzustöbern. Sie griff eine Idee Claus Leggewies auf und schlug Konvente auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene vor. Zwei Mitglieder sollten aus jedem Land in einen Europa-Konvent gesandt werden: "Damit auch die Bürger partizipieren können."
Landfried wollte "von der Zukunft Europas träumen". Doch das gut informierte Publikum monierte: "Die europäischen Verträge verhindern systematisch die Ausbildung einer europäischen Öffentlichkeit." Die Münchner Philosophin Mara-Daria Cojocaru fragte aus dem Auditorium heraus, ob die Regionalkonvente nicht gleich transnational vernetzt werden könnten. Landfried stellt sich dafür ein Kontaktbüro in Brüssel vor.
"Panikstimmung" konstatierte der Mainzer Historiker Andreas Rödder und zählte bewältigte Krisen der Union auf. Zu ihren Aktiva rechnete er die "vermiedenen Katastrophen" in Ost- und Südosteuropa, zu den Passiva die gescheiterte Übertragung von Hoheitsrechten in der Schulden- und Migrationskrise. Er plädierte für einen Staatenverbund, "eine flexiblere EU mit Vertiefung, wo sinnvoll, und Rückbau, wo notwendig". Der Preis für einen neuen Umgang der Staaten sei allerdings, dass die Union kein Global Player mehr sein werde. Er schlug einen konstruktiven Umgang mit dem Brexit vor: eine deutsch-französische Kooperation mit Großbritannien neben der EU her.
Mit dem Frankfurter Europa- und Völkerrechtler Stefan Kadelbach bestieg nach der Mittagspause ein Vertreter des Exzellenzclusters "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität und Mitveranstalter das Podium vor gelichteten Reihen. Ausgehend von Macrons Rede an der Sorbonne fragte er: "Was kann eine Souveränität Europas bedeuten?" Es könne sie nur in einem europäischen Bundesstaat geben. Kadelbach monierte, dass es noch immer kein Initiativrecht für das Europäische Parlament gebe. Der Kommissionspräsident dürfe nicht länger von den Staatschefs bestimmt werden. Aus dem Publikum meldete sich der Rechtshistoriker Michael Stolleis und forderte eine Reform des Sozialfonds und eine europäische Arbeitsversicherung, die nationale Versicherungssysteme intakt lasse. Dafür müsste man die Verträge ändern, so Kadelbach.
Nach den Vertretern der Wissenschaft wurde es emotional. Ulrike Guérot, Europapolitikerin von der Donau-Universität Krems, warnte wie Macron vor einem Bürgerkrieg, kritisierte angeblich pejorative "Populismus"-Begriffe und berief sich auf Habermas' Kritik an der EU. "Die Mängel des Systems müssen benannt werden." Die Mehrheit wolle Europa retten, wisse aber nicht, wie. Und vor allem: "Wir diskutieren, anstatt zu handeln." Derweil dominiere die AfD mit 85 Prozent die Facebook-Kommentare zur Europawahl. "Wir brauchen eine emotionalisierte Leidenschaft für Europa." Cojocaru forderte hingegen auch ein vernünftiges Element in aller Emotionalität. Mangel an Aktivität und Energie musste auch Daniel Röder bei seiner Bürgerinitiative "Pulse of Europe" feststellen. Er kann nicht mehr Zehntausende auf die Straße bringen wie noch vor zwei Jahren, sondern nur Tausende. Auch er sieht Krieg heraufziehen ohne EU.
CLAUDIA SCHÜLKE

Von Claudia Schülke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. Mai 2019, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 38. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Wer nicht tauscht, ist ein Kannibale

Ein Gesprächsband über das Humboldt-Forum und die Ethnologie

Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle Kulturpolitiker werden, die sich zum Humboldt-Forum äußern oder auf seine Gestaltung Einfluss nehmen wollen. Ebenso gründlich sollten es jene Aktivisten lesen, die das Forum als Hort kolonialer Machenschaften und westlicher Überlegenheitsgesten anprangern. Ein Buch für das kulturell interessierte Publikum, das der schrillen Töne in der Kolonialismusdebatte überdrüssig ist und sich nach Versachlichung sehnt, ist es ohnehin.
Denn in diesem Band kommen endlich Vertreter jener Wissenschaft zu Wort, der das Humboldt-Forum den Reichtum seiner künftigen Sammlungen verdankt: der Ethnologie. Hier werden auch nicht eherne Gesinnungen gegeneinandergestellt, sondern Standpunkte und Erfahrungen ausgetauscht. Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern wie sich aus einer gegebenen Situation das Beste machen lässt. Die Situation, das ist der Bau auf dem Berliner Schlossplatz, der mit ethnographischen Sammlungen teils zweifelhafter, teils unverdächtiger Herkunft bestückt werden soll und dessen museales Pathos der Weltoffenheit unverhofft in den Geruch des Euro- und Germanozentrismus geraten ist.
Die Runde, die der Journalist und studierte Ethnologe Johann Michael Möller versammelt hat und moderiert, besteht je zur Hälfte aus Museumsexperten und Wissenschaftlern. Gereon Sievernich war bis 2018 Direktor des Berliner Martin-Gropius-Baus; Gisela Völger hat zwanzig Jahre lang das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln geleitet; Karl-Heinz Kohl war Professor in Mainz und Frankfurt und Leiter des Frobenius-Instituts; Fritz Kramer hat Ethnologie in Berlin und Kunsttheorie in Hamburg gelehrt und Feldforschungen in Afrika und Südostasien betrieben. Kramer ist es auch, der den Grundton des Gesprächs setzt, indem er dem Humboldt-Forum einen "tragikomischen Geburtsfehler" bescheinigt: Um den Dialog der Kulturen zu fördern, stütze es sich ausgerechnet auf Sammlungen aus kleinen, schriftlosen Gesellschaften an den Rändern der Kolonialreiche - das Gegenteil dessen, was mit Globalisierung, Moderne und digitaler Kommunikation zu tun habe. "Im Humboldt Forum wäre Australien durch den Bumerang vertreten." Das sitzt.
Es sind in erster Linie die Museumsleute, die dem Großprojekt dann doch etwas abgewinnen können, während Kohl und Kramer dagegenhalten. Aber ganz so klar verlaufen die Fronten auch wieder nicht. Auch die Wissenschaftler erkennen die Chance, die in der Präsentation ihres Fachs im Humboldt-Forum liegt. Schließlich steht inzwischen jedes in der Kolonialzeit erworbene Objekt dank der Meinungskampagnen einiger gut vernetzter Historiker im Verdacht, "asymmetrisch", also unfair, gehandelt worden zu sein. Kramer hat hingegen selbst erlebt, dass der Tausch in vielen Herkunftsgesellschaften ein Beweis des Menschseins ist: Wer nicht tauscht, gilt als Kannibale. Kohl führt das Beispiel der Malanggan-Skulpturen aus Papua-Neuguinea an, die von ihren Schöpfern als Verkörperung der Totengeister in den Wald gestellt wurden, um dort zu verrotten. Als um 1890 die ersten deutschen Missionare und Ethnologen kamen, entdeckten die Einheimischen, dass sie durch den Verkauf der Malanggane die Geister zugleich loswerden und versilbern konnten. Allerdings führte das neue Geschäftsmodell bald zum Qualitätsverfall der Ware. Ist der Kolonialismus also schuld am Niedergang indigener Kunst? Dann wäre jeder Tourist, der auf einem Markt in Daressalam oder Altötting Andenken kauft, ein Kolonialist.
Im größten ethnologischen Museum der Welt im japanischen Osaka, berichtet Karl-Heinz Kohl, wird Europa durch eine Schnapsbrennerei, eine Lederhose, einen Adventskalender und einen Weihnachtsbaum dargestellt: das christliche Abendland als Stammeskultur. Der "koloniale" Blick ist mitnichten eine westliche Spezialität. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Ansprüchen der Indigenen und ihrer Vertreter: Wenn man ihre kulturellen Traditionen genauer anschaut, erweisen sie sich zumeist als Konstrukte statt als gewachsene historische Realitäten. Auch hier geht es vor allem darum, die eigene Position in den Verhandlungen mit den Museen zu verbessern - also um Interessen und Geschäfte ganz profaner Art.
Was folgt daraus? Man müsse das Humboldtforum "tiefer hängen", fordern die fünf Ethnologen: als Anreiz für das Publikum, dem so der Zugang erleichtert wird, aber auch im Sinn symbolischer Politik. Weder die Kunst noch die Ethnologie können die Kluft zwischen Europa und dem Rest der Welt schließen. Aber sie können sie durch das Staunen, das sie uns lehren, überbrücken.

ANDREAS KILB

"Das Humboldt Forum und die Ethnologie".
Ein Gespräch zwischen Karl-Heinz Kohl, Fritz
Kramer, Johann Michael Möller, Gereon Sievernich und Gisela Völger. kula Verlag, Frankfurt a. M. 2019. 164 S., Abb., br., 17,- [Euro].

Von Andreas Kilb. Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Neue Sachbücher, Seite 10, vom 10. Mai 2019. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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