Medien-Echo

Von kritikbereiten Bürgern

Haus der Demokratie: Debatte im Architekturmuseum

Manchmal kommen die interessantesten Beiträge einer Diskussionsveranstaltung aus dem Publikum. Unter der Überschrift "Neue alte Paulskirche" hatten im Deutschen Architekturmuseum drei Spezialisten für Architektur und Demokratie mit Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) über ein künftiges Demokratiezentrum in der Nähe der noch zu sanierenden Paulskirche debattiert. Aus den Reihen der engagierten Zuhörer folgten Fragen und Einwände: "Ein eigenes Demokratiezentrum hat etwas Autoritäres", war zu vernehmen, und: "Wird die Paulskirche damit nicht entwertet?"
Und weiter: Wie wäre es mit dezentralen Orten für eine Demokratiedebatte, die in der Paulskirche als "virtuelles Bild" gebündelt werden könnten? Bei nur 28 Veranstaltungen jährlich könnte man die Paulskirche doch selbst als Demokratiezentrum nutzen statt einen Neubau zu errichten, hieß es. Dafür müsste man weder Bäume auf dem Paulsplatz fällen noch der Stadtkämmerei aufs Dach steigen oder gar die Walter-Kolb-Eiche auf dem Parkplatz neben der Paulskirche fällen.
Als diese Denkanstöße geäußert wurden, hatte Feldmann das Podium der Frankfurter Bürgeruniversität schon verlassen. Eröffnet worden war es von Gastgeber Peter Cachola Schmal, der sich darüber freute, dass die Stadtverordneten die Paulskirche nach dem Leitbild von 1948 sanieren wollen, anstatt den Vorkriegsbau zu rekonstruieren. In seinem Grußwort beschwor Feldmann den Geist Frankfurts als "radikaldemokratischer" Stadt. Diskutiert werden müsse jetzt: "Welche Veranstaltungen wollen wir in der Paulskirche? Wie museal darf es sein? Wo soll das Demokratiezentrum hin?" Der Begriff "Haus der Demokratie", der unlängst bei einer Debatte unter Historikern präferiert worden war, wurde nicht verwendet.
Rainer Forst, politischer Philosoph und Direktor des Kooperationspartners Forschungsverbund "Normative Orders", nannte die Paulskirche Ort historischer "Hoffnungen und Niederlagen". Angesichts der Gefahr autoritärer Aushöhlung der Demokratie kam er zu dem Schluss: "Wir sind Zeitgenossen der 1848er." Für diese sei die Einheit der Nation eine Voraussetzung gewesen, republikanische Verhältnisse zu schaffen. Heute sei der Nationalismus der Feind der Demokratie. Das Ethos der Demokratie müsse lebendig gehalten werden.
Aber wo? Das fragte Forsts Geschäftsführerin Rebecca Schmidt als Moderatorin der Diskussion zwischen der Politikwissenschaftlerin Brigitte Geißel, dem Architekturhistoriker Carsten Ruhl, beide von der Goethe-Uni, sowie Schmal und Feldmann. Fast wichtiger als das Demokratiezentrum schien für Ruhl die Anrede als "Architekturwissenschaftler" zu sein, womit er seinen Kollegen Schmal bestätigte, der moniert hatte, man denke zu wenig ans große Ganze.
Feldmann machte einen Formulierungsvorschlag: "Für sich in Verantwortung für die anderen mit." Er wolle nicht mehr über Steine, Heizung oder Akustik reden, sondern über den politischen Prozess. Kaum war der Oberbürgermeister zum nächsten Termin geeilt, äußerte Schmal, dieser Prozess werde so lange dauern, dass Feldmann das Demokratiezentrum nicht mehr eröffnen könne; vielleicht werde es 2027 fertig.
Brigitte Geißel brachte eine Idee von der universitären Forschungsstelle Demokratische Innovationen mit. Eine Zufallsauswahl von Bürgern solle zwei Wochen lang über das Demokratiezentrum diskutieren und Vorschläge erarbeiten, die dann in einen Bürgerentscheid eingehen sollten. So ein Diskussionsprozess, unbeeinflusst von Lobby-Interessen, sei am wichtigsten. Es sei Bürgerpflicht, die Politik zu beobachten und einzugreifen. "Je kritikbereiter die Bürger, desto besser funktioniert der Staat", weiß Geißel aus neuen Studien. Auch Ruhl fand: "Der Prozess ist wichtiger als gebaute Formen." Aber: "Auch Ideen führen zu Baustellen", wandte Schmal ein und schätzte den Flächenbedarf für ein Demokratiezentrum auf einige tausend Quadratmeter.
c.s.

Von Claudia Schülke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Rhein-Main-Zeitung), Seite 31 vom 13. November 2019. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Knallharte Arbeit

Römerberggespräche zu den Folgen der Wende

Welcher demokratische Aufbruch kann die gesellschaftliche Spaltungen überwinden, die Deutschland und Europa seit einigen Jahren in Atem halten? Diese Frage haben sich die Frankfurter Römerberggespräche unter dem Titel "30 Jahre nach dem Mauerfall: Mehr Aufbruch wagen" gestellt. Die Antwort darauf konnten Referenten im Chagallsaal des Frankfurter Schauspiels am Samstag natürlich nur schuldig bleiben. Wer aber bis zum frühen Abend ausharrte, bekam zumindest eine erste Vorstellung von der "knallharten Arbeit", die auf alle wartet, die Populismus, Nationalismus und Rassismus entgegentreten wollen.
Als letzter Redner durfte der Soziologe Stephan Lessenich ans Pult, der deutlich aussprach, dass es an die Privilegien gehen müsse, wenn die zunehmend gespaltene Gesellschaft wieder näher zueinanderfinden solle. Dass "die zukünftige Form der Vergesellschaftung gewaltvoller und konflikthafter werde", hält Lessenich für unvermeidlich. Mit dem Begriff der Solidarität ausgedrückt, den er "neu denken" will, klingt das so: In Solidarität unter Ungleichen müssen Gegner überwunden werden, die Solidarität nur unter Gleichen üben wollen. So müssten die Westdeutschen ihren "Überlegenheitshabitus" ablegen und die Ostdeutschen ihre Selbstbeschreibung als Opfer überwinden.
Damit wäre die zweite große Frage der Veranstaltung berührt, um deren Beantwortung die Vortragenden weit weniger verlegen waren: Was haben die Differenzen zwischen Ost und West, die heute wieder sichtbar werden, mit dem Mauerfall, der Wiedervereinigung und der Nachwendezeit zu tun? Denn die Ursachen für die Selbstbeschreibung als Opfer finden sich, wie der Soziologe Steffen Mau zeigte, sowohl vor als auch nach dem Mauerfall. So sei in der DDR die Zahl der Studierenden in den siebziger Jahren gesunken, was in keinem anderen europäischen Land der Fall gewesen war. Im Vergleich zur westdeutschen Gesellschaft schafften und schaffen viel weniger den sozialen Aufstieg, die "Dienstklassen", das "starre Gefüge" und die "Mobilitätsblockade" aus der Zeit des SED-Staats hätten ihre Auswirkungen noch heute. Die "kulturelle Kränkung" wiederum habe ihren Ursprung vor allem in der Nachwendezeit: Da das politische System der Bundesrepublik auf den Osten übertragen wurde und man also eher - mit Thomas Biebricher - von einem "Beitritt" als von der Wiedervereinigung sprechen sollte, sei die Soziokultur der ostdeutschen Bevölkerung entwertet worden. Kombiniert mit der verfehlten Bildungspolitik im Arbeiter- und Bauernstaat waren so die Voraussetzungen für die Überschichtung mit westdeutschen Eliten geschaffen. Bis heute gebe es keine eigenständige Elitenbildung in den ostdeutschen Ländern, in drei Vierteln der Fälle ebne noch immer eine westdeutsche Biographie den Weg in Spitzenpositionen.
Wer zusätzlich eine kollektivpsychologische Erklärung gelten lassen will, muss sich mit Ivan Krastevs These auseinandersetzen. Für ihn liegt der Kern sowohl der europäischen als auch der deutschen Spaltung in Ost und West in der "psychologischen Bürde, wie jemand anders zu sein": Osteuropa und der Osten Deutschlands hätten den Westen "imitiert". Viel eher als der heutige Erfolg der nationalistischen Kräfte in osteuropäischen Ländern sei erklärungsbedürftig, wo sich der Nationalismus nach flächendeckenden Wahlerfolgen direkt nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eigentlich "versteckt" habe.
Kann, wer all dies bedenkt, nun in Deutschland von einer "Kolonialisierung" des Ostens durch den Westen sprechen, was Thomas Biebricher und Stephan Lessenich zumindest nicht abwegig erschien? Patrice Poutrus, Historiker an der Uni Erfurt, wandte sich entschieden gegen diesen "Opfermythos". Die "Dolchstoßlegende" einer vom Westen aufgezwungenen Transformation lasse keinen Platz für die Entscheidungen, die von Ostdeutschen getroffen worden seien: "Es wird nicht über die geredet, die gegangen sind. Die Ostdeutschen haben überwiegend ihr Land aufgegeben."
Nationalistische, rassistische und populistische Einstellungen waren jedenfalls schon in der Nachwendezeit nichts Neues. Wie Manuela Bojadzijev beobachtet Poutrus, dass die Opfererzählung den Aufstieg der Rechten orchestriert und entschuldigt. Die Erklärung "Er ist arbeitslos, deswegen schlägt er Neger tot" habe ihn als Sohn eines afrikanischen Studenten und einer Ost-Berliner Buchhändlerin schon damals sehr einsam gemacht.

JANNIK WAIDNER

Von Jannik Waidner aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4.11.2019, Feuilleton, Seite 13. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

"Ich möchte jungen Frauen Mut machen"

Im Gespräch: Die Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln

Die Vereinigung der Volkswirte trifft sich in den kommenden Tagen in Leipzig und debattiert auch über Gleichberechtigung. Deren Vorsitzende erklärt, warum es so wenige Frauen an den Lehrstühlen gibt - und wie das zu ändern ist.
Frau Fuchs-Schündeln, der Frauenanteil in der Volkswirtschaftslehre ist sehr gering. Im Verein für Socialpolitik zum Beispiel, dem Sie seit diesem Jahr vorsitzen, sind weniger als 20 Prozent der Mitglieder weiblich. Woran liegt das?

Der geringe Frauenanteil in höheren Positionen ist ein generelles Problem in Deutschland und nicht nur eines der Wirtschaftswissenschaften oder der akademischen Welt. Im Top-Management zum Beispiel ist der Frauenanteil in Deutschland im internationalen Vergleich auch sehr gering. Mit Blick auf die Volkswirtschaftslehre gibt es allerdings nicht nur in Deutschland wenige Frauen, sondern weltweit. Für die Vereinigten Staaten und Großbritannien gibt es Daten, die zeigen, dass der Frauenanteil auf jeder nächsthöheren Karrierestufe abnimmt. Für Deutschland gibt es noch keine belastbaren Zahlen. Im Verein bereiten wir aber gerade eine solche statistische Erhebung vor, die dann über die Jahre weitergeführt werden soll. Darauf basierend wird sich dann feststellen lassen, ob wir Fortschritte machen und an welchen Karrierestufen die Frauen besonders verlorengehen.

Liegt der Frauenmangel an den Lehrstühlen nicht vielleicht auch einfach nur daran, dass sich wenige Frauen für ein VWL-Studium entscheiden?

Die Langzeitdaten aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien belegen, dass es sich nicht um ein reines Nachwuchsproblem handelt, das sich über die Zeit von selbst lösen wird. Es gibt sehr gute Forschung, die zeigt, dass Frauen während ihrer akademischen Karriere immer wieder impliziter, also nicht beabsichtigter Diskriminierung ausgesetzt sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Fehlen expliziter Diskriminierung noch nicht Gleichbehandlung bedeutet. Die Diskriminierung im Unterbewusstsein abzuschaffen, das ist der nächste Schritt.

Wie macht sich diese Diskriminierung bemerkbar?

Zum Beispiel in der Bewertung von Ko-Autorenschaften, wie sie bei uns in wissenschaftlichen Veröffentlichungen üblich sind. Da wird die Arbeit von Frauen weniger gewürdigt als die der Männer. Für Männer spielt es für die Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu bekommen, kaum eine Rolle, ob sie alleine oder mit anderen publiziert haben, während für Frauen ein Papier in Ko-Autorenschaft mit Männern diese Wahrscheinlichkeit nur wenig erhöht. Auch in den Evaluierungen von Lehrveranstaltungen gerade in mathematiklastigen Fächern schneiden Frauen systematisch schlechter ab als männliche Kollegen, obwohl ihre Studierenden in standardisierten Examina die gleichen Noten erzielen. Das sind alles kleine Effekte. Zusammengenommen können sie aber über den akademischen Lebenszyklus große Wirkung entfalten.

Gibt es diese frauenspezifischen Hindernisse nur in der wissenschaftlichen Karriere?

Die Studien zur impliziten Diskriminierung kommen oft aus der akademischen Welt, weil wir dafür gute öffentlich zugängliche Daten haben, aus der Privatwirtschaft hört man aber ähnliche Anekdoten. Zum einen hat die akademische Welt einige Vorteile für Frauen: Wir Forscher und Forscherinnen arbeiten weitestgehend selbstbestimmt und haben große Flexibilität, wann und wo wir arbeiten. Das macht es Eltern einfacher als in der Privatwirtschaft. Allerdings erfordert eine akademische Karriere oft Mobilität genau zu dem Zeitpunkt, in dem die Frage der Familiengründung ansteht. Hier hilft hoffentlich die Umstellung auf ein System, das eine Karriere an der eigenen Universität ohne ständigen Ortswechsel ermöglicht.

Wenn man über Sie oder andere Wirtschaftsprofessorinnen in der Presse liest, erfährt man oft die Anzahl Ihrer Kinder. Im Gegensatz zu Ihren männlichen Kollegen. Wie erklären Sie sich das?

Das spiegelt wider, dass es immer noch Erstaunen hervorruft, wenn eine Mutter in Deutschland Karriere macht. Wenn ich jungen Frauen damit Mut machen kann, diesen Weg einzuschlagen, bin ich gerne bereit, meine Kinder zu erwähnen. Wenn die wissenschaftlichen Aussagen dann allerdings in den Hintergrund rücken und bereits im Titel oder in einem Großteil des Artikels über diesen Privataspekt berichtet wird, bekommt die Wissenschaftlerin weniger Raum, um ihre Forschung bekanntzumachen. Dann werden Wissenschaftlerinnen wieder systematisch anders behandelt als die Männer in diesem Beruf.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in Deutschland also ändern?

Wichtig wäre eine gesamtgesellschaftliche Änderung. Väter müssen zu gleichberechtigten Partnern in der Erziehung der Kinder werden. Frauenkarrieren müssen in der Familie den gleichen Stellenwert haben wie Männerkarrieren. Wir sind in Deutschland weit davon entfernt. Ich möchte aber den jungen Frauen Mut machen: Probieren Sie es aus! Wir sind in der Volkswirtschaftslehre in der glücklichen Position, dass ein Verlassen der akademischen Welt selbst in einem fortgeschrittenen Stadium nicht das Ende der beruflichen Erfüllung oder Karriere bedeuten muss.

Sind die Frauen nicht auch selbst dafür verantwortlich, dass sie es seltener nach oben schaffen?

Es gibt schon viele Mentoring-Programme, die konkret bei den Frauen ansetzen. Was dagegen fehlt, sind systematische Bemühungen, die Hürden für Frauen zu beseitigen.

Leidet die Volkswirtschaftslehre darunter, dass es unter den Spitzenforschern in der Disziplin nur wenige Frauen gibt?

Glaubt man an die Gleichverteilung der Talente unter den Geschlechtern, dann ist das so. Denn dann geht dadurch, dass Frauen in der Forschung unterrepräsentiert sind, zunächst einmal viel wissenschaftliches Potential verloren. Spitzenforschung gelingt außerdem nur, wenn der Forscher oder die Forscherin wirklich für die Frage brennt. Mehr Vielfalt in der Spitzenforschung könnte zu mehr Vielfalt in den Fragestellungen führen.

Wie stehen Sie zu einer Frauenquote?

Eine Frauenquote könnte helfen, die implizite Diskriminierung schneller zu überwinden. Diese entsteht ja nicht aus bösem Willen, sondern weil unser Gehirn mit Mustern arbeitet. Ein größerer Frauenanteil in gehobenen Positionen würde die Muster schneller verändern. Allerdings ist eine Quote gewiss nicht immer nützlich, kann sogar schaden. An den Universitäten werden zum Beispiel vermehrt Frauenquoten in Kommissionen implementiert: Die wenigen Frauen reiben sich dadurch in manchmal bedeutungsloser Kommissionsarbeit auf, während die Männer an der eigenen Forschung arbeiten.

Was tun Sie als größte Ökonomenvereinigung des Landes konkret für die Frauen?

Die Frauenförderung ist uns ein sehr wichtiges Anliegen. Wir erstellen gerade eine Liste von Frauen in den verschiedenen Feldern der Volkswirtschaftslehre. Damit wollen wir es Berufungskommissionen, Konferenz- und Podiumsveranstaltern oder anderen erleichtern, geeignete Kandidatinnen zu identifizieren. Auf der diesjährigen Vereinstagung werden wir außerdem einige der Studien zur impliziten Diskriminierung vorstellen und über die Frage diskutieren, wie sich der Frauenanteil in der Volkswirtschaftslehre erhöhen lässt. Und unter den Panels der Jahrestagung wird man keines mehr ohne Frauenbeteiligung finden.

Das Gespräch führte Maja Brankovic.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.09.2019, Wirtschaft, Seite 20. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

"Wir müssen mehr Konflikt zulassen"

Die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff wirbt im "Denkraum" des Frankfurter Schauspiels für den konstruktiven Streit

Demokratie ist ein Wagnis und muss erstritten werden. Diese Ansicht vertrat Nicole Deitelhoff im Frankfurter Schauspiel mit Verve. Die Politikwissenschaftlerin, die an der Goethe-Universität Frankfurt arbeitet, eröffnete die diesjährige partizipative Redenreihe "Denkraum" mit einem Impulsvortrag über die Frage "Konflikte - Wie werden wir unser Zusammenleben gestalten?" Unter dem Leitwort "Zukunft - aber wie?" hat sich die sechsteilige Reihe dem saisonalen Spielzeit-Motto angepasst. "Morgen ist heute - Wie wollen wir leben" - das bedeutet auch: Wie können wir die Streitkultur wieder erlernen, die sich in den neuen Medien in eine Kampfansage verkehrt hat? Mit Deitelhoff hat das kooperierende Exzellenzcluster "Normative Ordnungen", das demnächst mangels Exzellenzstatus als "Forschungszentrum Normative Ordnungen" firmieren wird, eine konstruktive Streiterin für das demokratische Gemeinwesen in den gut besuchten Chagallsaal entsandt.
Gesellschaftliche Polarisierung und verbale Verrohung im Inneren, Euroskepsis und Nationalismen im Äußeren - das ist die Ausgangslage. Deitelhoff wäre keine Politikwissenschaftlerin ohne Rückgriff auf Thomas Hobbes' staatsphilosophische Schrift "Leviathan". Nach dem von ihm vorgeschlagenen Vertrag zwischen Staat und Bürgern müssten sich Letztere dem Staat unterwerfen und entwaffnen lassen. "Ziel der Demokratie und der Konfliktforschung ist es, die Konflikte in Bahnen zu leiten, in denen sie produktiv und nutzbar gemacht werden", so Deitelhoff, die auch Direktorin des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung ist. Für uns hätten Konflikte aber meist nur noch Störpotential. Wenn sie jedoch unterdrückt würden, dann erlahme das Bekenntnis zur Demokratie. Die Kommunikation zwischen den gesellschaftlichen Gruppen nehme immer mehr ab. "Wir müssen mehr Konflikt zulassen", forderte die Referentin.
Der Konsensbürger halte Streit für ein Krisensymptom. Dabei sei die konfrontative Suche nach den besten Argumenten der Kern der Demokratie. Der normative Sinn solcher Suche liege im Nein-sagen-Können, in der Freiheit zur Alternative, etwa im Streit um den Klimaschutz oder um den Trisomie-Test. So ein Streit könnte aber auch riskant werden, wenn er sich radikalisiere und der Streit über die Sache zum Streit über die Person des anderen werde. Die Streitenden müssten sich wechselseitig anerkennen, und existentielle Sicherheit müsse im Vorfeld garantiert sein. In Institutionen, in denen Konflikte zivilisiert und repräsentativ ausgetragen werden, könnten Konflikte eingehegt werden. Doch müssten die Streitenden über entsprechende Kompetenz verfügen. Auch sollten die Bürger mehr mitgestalten, sonst könne es keinen Konsens geben. "Wir müssen mehr Streiträume offen halten", forderte Deitelhoff. Sie wünschte sich mehr Freude an der Kontroverse und forderte das Publikum auf: "Zündeln Sie an diesem Vortrag!"
Das taten die Zuhörer dank Chefdramaturgin Marion Tiedtke in der Rolle der Moderatorin dann auch zivilisiert. An den Diskussionstischen im Wolkenfoyer tauschten sich Jung und Alt in überschaubaren Runden aus. Dann wurden Fragen und Kommentare geclustert und von Dramaturg Alexander Leiffheidt an die Wand des Chagallsaals projiziert. Deitelhoff stand Rede und Antwort. Was, wenn kein gemeinsames Werteverständnis vorhanden ist? "Erst mal testen, wie weit man kommt." Die gesellschaftliche Mitte ignoriert die Ränder. "Die Mitte braucht den Rand, sonst ist sie keine Mitte." Aber im Internet radikalisieren sich die Positionen. "Wir müssen die kleinen Gruppen aus dem Internet rausholen ins reale Leben, Räume finden in den Stadtteilen." Deshalb will Deitelhoff im Frühjahr 2020 eine Bus-Bar in die Konfliktzonen der Stadt schicken. Unzufriedene Bürger sollen dann mit bis zu zehn Profi-Streitern zu Wort kommen.

CLAUDIA SCHÜLKE
    
Der nächste "Denkraum" findet am 3. Dezember im Schauspiel Frankfurt statt.

Von Claudia Schülke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. September 2019. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Lernen und forschen in Kanada

Fachhochschule und Goethe-Universität unterhalten Partnerschaften in Toronto

VON GEORG LEPPERT

Martina Klärle hat eine etwas eigentümliche Handtasche auf die Delegationsreise der Stadt Frankfurt nach Toronto mitgenommen. Das gute Stück beinhaltet Sonnenkollektoren, was derart ungewöhnlich ist, dass die Vizepräsidentin der Frankfurter University of Applied Sciences (früher: Fachhochschule) einige Probleme bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen bekam. Wenn Klärle die Tasche in die Sonne legt, laden sich die Kollektoren auf und geben die Energie an eine ebenfalls eingebaute Powerbank weiter. Damit lassen sich dann etwa Laptops oder Handys aufladen. Klingt alles ungemein innovativ. Blöd nur, dass in Toronto in diesen Tagen so gut wie nie die Sonne scheint.
Doch für das fast schon herbstliche Wetter in der Frankfurter Partnerstadt können weder Klärle noch Steven Liss etwas. Liss ist Vizepräsident an der Ryerson University in Toronto und findet beim Besuch der Frankfurter Delegation nur gute Worte für die Partnerschaft mit der Fachhochschule.
Tatsächlich arbeiteten die Hochschule am Nibelungenplatz und die ebenfalls auf Technik und Architektur ausgerichtete Ryerson University schon zu einer Zeit zusammen, als die Freundschaft zwischen Frankfurt und Toronto als eingeschlafen galt. Seit 24 Jahren besteht die Kooperation. Geht es nach der Umweltwissenschaftlerin Klärle, die sich auf Projekte mit Solarenergie spezialisiert hat, wird die Partnerschaft noch ausgebaut.
Denn die "Ryerson", die mit 25 000 Studierenden etwa doppelt so groß ist wie die Fachhochschule, setze auf die wichtigen Themen, führt Klärle in Toronto aus. Etwa auf die Entwicklung sogenannter Smart Cities, was frei übersetzt bedeutet: Gerade bei der Bewältigung von Verkehrsproblemen in den immer größer werdenden Städten müssen neue, Lösungen gefunden werden - die meist auf Datenaustausch in der virtuellen Welt basieren.

Kein Interesse an Austausch

Ortswechsel. Während die "Ryerson" einen eher schlicht gehaltenen Campus etwas nördlich der Innenstadt hat, wird es anderthalb Kilometer weiter prachtvoll. Das Gelände der University of Toronto sieht aus, wie man es von einer alten, nordamerikanischen Hochschule erwartet. Zwischen den Fakultätsgebäuden gibt es weitläufige Grünflächen.
Rolf van Dick fühlt sich hier wohl. Der Sozialpsychologe ist Vizepräsident der Goethe-Universität und kümmert sich um die Partnerschaften von Hessens größter Hochschule. Mit der 1827 gegründeten Uni in Toronto, an der mehr als 70 000 junge Menschen studieren, kooperieren die Frankfurter seit zehn Jahren. Das betrifft sowohl die Forschung als auch die Lehre. Der Frankfurter Philosoph Rainer Forst, Leiter des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", besucht etwa regelmäßig Toronto.
Zudem gibt es einen Studierendenaustausch, der aber ebenso klein wie fein ist. Gerade die Studierenden aus Toronto, die teils hohe Studiengebühren bezahlen müssen, hätten kaum Interesse daran, für ein ganzes Semester nach Frankfurt zu gehen. Denn oft verlören sie dann in ihrem Fach den Anschluss und müssten ein weiteres teures Semester opfern. Deshalb bietet die Goethe-Uni den kanadischen Studierenden "Summer Schools" an. Dabei werden zumindest Grundlagen eines Fachs in zumeist vier Wochen vermittelt.
Dabei muss es aber nicht bleiben. In der Frankfurter Delegation gab es Überlegungen, die Studierenden aus Toronto am sogenannten Unibator-Programm der Goethe-Uni teilhaben zu lassen. Dabei werden Studierende oder junge Absolventen, die ein Start-up gründen, von Experten der Uni unterstützt. Und wer weiß: Vielleicht entwickelt ein Student aus Toronto demnächst Taschen mit Solarkollektoren, mit denen es am Flughafen keine Probleme gibt.

Von Georg Leppert. Aus der Frankfurter Rundschau vom 18. September 2019. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.


Aktuelles

Neuer europäischer Forschungsverbund untersucht ab 2020 Wahlen in Zeiten der Krise demokratischer Ordnungen

Im Rahmen des neuen, von der Europäischen Kommission geförderten Forschungsverbunds „Reconstructing Democracy in Times of Crisis“ analysiert Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, zukünftig die Legitimität von und die Legitimation durch Wahlen in Zeiten der Krise der Demokratie. Mehr...

Denken im Widerspruch

Prof. Dr. Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" zum Gedenken an Theodor W. Adorno aus Anlass seines 50. Todestags. Mehr...

„Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" - Vortrag von Jürgen Habermas am 19. Juni 2019. Skript und Aufzeichnung verfügbar

Die Meldung zum Vortrag finden Sie: Hier...
Weitere Informationen (Videoaufzeichnung, Skript und Medienecho) finden Sie: Hier...

"The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" - Konferenz zu Ehren von Jürgen Habermas

Am 20. und 21. Juni fand am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" die Konferenz "The History of Postmetaphysical Philosophy and the Future of Democracy" statt.
Die Meldung zur Konferenz finden Sie hier...
Das Programm und weitere Informationen finden Sie hier...

Nächste Termine

27. November 2019, 18 Uhr

Kantorowicz Lecture in Political Language: Prof. Dr. Christoph Möllers, LL.M (Chicago): Kritik der Wertegemeinschaft oder: Über den Platz der Politik in der politischen Auseinandersetzung. Mehr...

28. November 2019, 18 Uhr

Frankfurter Kolloquium für Internetforschung: Prof. Dr. Roland Broemel (Frankfurt/Main): Die Welt der virtuellen Währungen / Libra. Mehr...

28. November 2019, 19 Uhr

Buchvorstellung im Rahmen der Postdoctoral Dialogue Series: Prof. Quinn Slobodian: Globalisten: Das Ende der Imperien und die Geburt des Neoliberalismus. Mehr...

28. November 2019, 20.15 Uhr

Lecture & Film "Jia Zhangke: Kino der Transformation": Dudley Andrew (New Haven): Aufwachsen in THE WORLD. Mehr...

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