Medien-Echo

Demokratie, anders

Streitbare Ordnung: Der Sozialphilosoph Martin Saar im "Denkraum" des Frankfurter Schauspiels

FRANKFURT. Der Chagallsaal als "Denkraum" des Frankfurter Schauspiels war wieder gut besucht. Kein Wunder, hat der Sozialphilosoph Martin Saar doch mitten in der Thüringen-Debatte fragte: "Demokratie - Was wird aus der Krise des Politischen?" Wie aktuell die partizipative Vortragsreihe unter dem Leitwort "Zukunft - aber wie?" werden würde, hatten die Veranstalter, darunter der Forschungsverbund "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität, dem Saar angehört, und die Heraeus-Bildungsstiftung, nicht ahnen können. Nun aber konnte Marion Tiedtke, Chefdramaturgin und Initiatorin der Reihe, einen Professor ankündigen, der sich vor allem mit den Fragen nach Macht und Demokratie beschäftigt, wenn auch bislang unter den Vorzeichen von Nietzsche, Foucault und Spinoza.
Doch Saar wollte keine Antworten liefern. Er hinterließ ein ratloses Publikum, wie den Fragen zu entnehmen war, die später an die Wand geworfen wurden. Sie glichen in ihrer Verworrenheit dem Vortrag. Dieser begann mit der Selbstbefindlichkeit des Referenten, der so ein Krisenbewusstsein wie heute noch nicht erlebt hat, weil er im Deutschen Herbst 1977 noch gar nicht da war. Jetzt diagnostizierte er eine "innere Erosion" der Demokratie, die nicht über Barrieren verfüge, um ihre endogenen Dynamiken bis zum Umschlag in ihr eigenes Gegenteil einzuhegen. Demokratie suggeriere dem Volk, dass es selbst regiere. Aber die Menschen seien frustriert, weil sie sich von ihren Repräsentanten nicht gehört fühlten.
Könnten ihnen mehr plebiszitäre Elemente helfen? Sollte man ohne den "Fetisch der Volkssouveränität" auskommen, laut Saar eine "Nebelkerze der Eliten"? Oder sollte man Zuflucht suchen in der Stabilität des Rechts? "Alle drei Positionen schwächen das demokratische Potential", resümierte der Referent. "Demokratie ist nicht nur ein Namen dafür, wie wir Politik machen, sondern dafür, was Politik ist. Wo Verschiedene etwas zusammen tun müssen, weil sie einen Raum teilen, da wird Politik gebraucht." Man müsse damit leben können, dass nicht alle Menschen gleich seien und doch miteinander auskommen müssten. Demokratie sei "unterbestimmt" in ihrer Form und Prozedur. Deshalb sollten wir darüber verhandeln und streiten: "Eine offene, streitbare Ordnung ist das Wesen der Demokratie."
Saar stellt sich eine "Demokratie, anders" vor: Sich selbst zur Disposition stellen, sich neu bestimmen, darauf komme es an. Das tat er auch in seinem Vortrag. Nur: Was kann man mitnehmen, wenn sich der Referent dauernd, wenn auch sympathischerweise, selbst relativiert? Dramaturgin Ursula Thinnes, die den Abend moderierte, konnte die Besucher später kaum von den Debattentischen wieder mobilisieren: Sie hatten sich in kleinen Kreisen festdiskutiert. "Was kann ein Rechtsstaat gegen demokratisch legitimierte Feinde tun, ohne selbst undemokratisch zu werden?" wollte jemand wissen. Die Frage der Fragen, die auch Saar nicht beantworten konnte. Er wiederholte: "Abwehr gesucht!"
CLAUDIA SCHÜLKE
Im nächsten "Denkraum" am 10. März um 20 Uhr spricht Susanne Wiest über "Arbeit - Was wird aus der Wettbewerbsgesellschaft?"

Von Claudia Schülke. Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. Februar 2020. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Farbige Denkanstöße zu den Krisen der Welt

Kunst trifft Wissenschaft: Das Senckenberg-Museum zeigt die Ausstellung "Making Crises Visible"

Stühle aus Metallstangen, auf denen man allenfalls sehr unbequem sitzen kann und dauernd die Balance halten muss. Das Schiedsgericht, das Jana Bleckmann und Paul Pape, Studenten an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, ein gutes Jahr lang entworfen und gebaut haben, sei ganz schön politisch und kritisch geworden, sagt Stefan Kroll.
Der Politikwissenschaftler ist Koordinator des Leibniz-Forschungsverbundes "Krisen einer globalisierten Welt" an der Hessischen Stiftung Friedensund Konfliktforschung. Er forscht unter anderem zu Schiedsgerichten als Möglichkeiten der Konfliktlösung in der internationalen Politik. Seine Arbeit versteht er, wie im Grunde alle Wissenschaftler, als ein möglichst objektives Forschen, Auswerten, Darstellen. Nun hat sie zwei jungen Künstlern als Anregung für ihre Installation gedient. Wie gut 50 andere künstlerische Arbeiten im Senckenberg-Museum soll sie die Besucher dazu anregen, sich mit den Krisen auseinanderzusetzen, mit denen die Welt und der Mensch konfrontiert sind. Mal provozierend, mal einfach nur als guter Witz, mal tief- und hintergründig. Immer aber in direktem Bezug zu aktueller Forschung, die so zugänglich wird.
"Making Crises Visible" heißt die großangelegte Ausstellung samt Rahmenprogramm, die von heute an bis 2. Juni im Senckenberg-Naturmuseum zu erleben ist. Dafür haben sich sechs des aus 24 Leibniz-Instituten bestehenden Forschungsverbunds "Krisen einer globalisierten Welt", darunter die Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, die Goethe-Universität und der dort angesiedelte Verbund "Normative Ordnungen", Medico International und die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, zusammengetan, Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg und des Shanghai Institute for Visual Arts haben die Kunstwerke und Gestaltungselemente entworfen.
Die Verbindung von Wissenschaft, Kunst und Gestaltung biete ein außergewöhnliches Potential, so Katrin Böhning-Gaese, im Senckenberg-Direktorium Leiterin des Programms Wissenschaft und Gesellschaft und Direktorin des Forschungszentrums Biodiversität und Klima. Sie erhofft sich nicht nur, andere Besuchergruppen in das Naturmuseum zu bringen, sondern einen Dialog anzustoßen. Damit kann auch dazu motiviert werden, selbst aktiv zu werden.
Denn auch wenn eine Videoinstallation die persönliche Meinung von beteiligten Wissenschaftlern erfragt: Deren Haltung ist es vielmehr, Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Anlässlich der Bürger-Universität "Krise der Demokratie" am Vorabend der Ausstellungseröffnung wurde aber auch deutlich, dass die Trennlinien nicht so scharf verlaufen - schließlich sei alles Handeln auch politisch, sagte Verena Kuni, Professorin für Kunstpädagogik. Zudem ist die Ausstellung als Zwischenstand eines Austauschs von Kunst und Wissenschaft und dessen Vermittlung gemeint.
Seit Mai 2018 wird an dem Projekt gearbeitet, das mit einer Kurzvorstellung der Forschungsfragen vor den Studenten begonnen hat. Die thematisierten Krisen sind vielfältig: Kriege, Rassismus und Radikalisierung, Krise der liberalen Weltordnung und Grundsätze des Handelns in der Krise befragen die Werke. Zahlreiche Projekte haben das Anthropozän, den Klimawandel und das Artensterben zum Thema. Xinyu Chen, Chunhua Chen und Tania Felske etwa haben mehr als ein Jahr lang Plastikmüll gesammelt, gereinigt und künstlerisch bearbeitet. Ihr riesiges "Korallenriff" aus Plastik ist ein Blickfang und weist in seiner schieren Größe und Farbigkeit doch auf ein drängendes Problem hin. Frei von Belehrung solle die Ausstellung sein, sagte der Designprofessor der HfG, Klaus Hesse.
Zu sehen sind nicht nur zwei Ausstellungsräume mit Filmen, interaktiven Spielen und grafischen Werken, von der Virtual-Reality-Installation bis zu den "Weekly Political Posters", die Felix Kosok, einer der Organisatoren, gestaltet hat. Im ganzen Museum kann man Denkanstößen begegnen, neuer Kunst in Verbindung zu den Exponaten. Die Ausstellung solle "Standardbilder in Frage stellen" und den Blick drehen, sagte der Politikwissenschaftler und Philosoph Rainer Forst in der Bürger-Universität. Heute um 19 Uhr wird er diesen Faden mit einem Vortrag zur "Krise der Demokratie" aufnehmen.
EVA-MARIA MAGEL.
Die Ausstellung ist bis 2. Juni täglich von 9-17 Uhr geöffnet, Sonn- und Feiertage bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

Von Eva-Maria Magel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12.02.2020. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Wert ohne Muster. Möllers lehrt Politik

Was tun gegen autoritäre Tendenzen? Diese Frage hatten das Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften und der Exzellenzcluster Normative Ordnungen für die diesjährige Kantorowicz-Vorlesung der Frankfurter Goethe-Universität vorgegeben - und sich mit dem Juristen Christoph Möllers von der Berliner Humboldt-Universität eine ordentliche Portion liberale Nüchternheit ins Haus geholt. Dabei scheint das richtige Mittel längst parat: Die "Wertegemeinschaft" vergewissert sich ihrer selbst und einigt sich auf einen moralischen Konsens, der gegen Bedrohungen in Anschlag gebracht werden kann. Auch die Gefahren einer solchen normativen Abgrenzung, die Teile der Gesellschaft ausgrenzt und den Diskurs verengt, scheinen bekannt. Es war deshalb aufschlussreich, dass Möllers einen genaueren Blick auf die floskelhaften Diagnosen warf.
Aus seiner Skepsis gegenüber dem Wertbegriff in der Politik machte Möllers keinen Hehl. Ein Bashing gegen moralisches Argumentieren wollte er indes nicht betreiben. Wir könnten ja nicht anders, das sei auch gar nicht schlimm. Frankfurts politische Theorie konnte aufatmen. Man müsse sich nur bewusst sein, dass jedes Argument den Aggregatzustand verändere, wenn es in politische Zusammenhänge gerate. Ähnlich wie Faktenbehauptungen machten moralische Argumente das Weiterreden schwer. "Sprechen lässt sich nur über Dinge, die man auch aushandeln kann."
Auch über den Diskurs hinaus seien Werte wenig handlungsorientiert. So offensichtlich diese Einsicht ist, so regelmäßig lässt man sie in der Politik außer Acht, etwa in der Diskussion über Vollverschleierte. Wenn man das Phänomen von vornherein durch die Wertebrille betrachtet, liegt Skepsis auf der Hand: Es geht dann um Kommunikation oder um die Unterdrückung der Frau. "Aber die Aufrufung von Wertbegriffen führt nicht dazu, Rechte und Pflichten zu klären", sagte Möllers. Er setzt auf die "differenziertere und nur in dieser Differenziertheit überzeugende" Auflösung des unterstellten Konflikts durch die formalisierte Rechtsordnung.
Wenn Werte laut Möllers schon nicht als positive Integrationsnormen taugen, dann wenigstens als negative? Sagen sie uns, wer wir nicht sind? In der Europäischen Union wird dieser Eindruck suggeriert, wenn man sich dort unter Berufung auf gemeinsam kodifizierte Werte von Ungarn und Polen abgrenzt. Doch schon die Feststellung eines Verstoßes bereitet Schwierigkeiten, worauf Möllers zurecht hinwies. Der Europäische Gerichtshof hat das kürzlich in seiner Entscheidung zur polnischen Disziplinarkammer illustriert. Möllers gab weiter zu bedenken: Selbst wenn man einen eindeutigen Verstoß auch aus Gründen "unserer politischen Hygiene" annehme, bleibe offen, wie man damit umgehen solle: "kategorisch belehrend" durch Gericht und Kommission oder auf politischer Ebene. Er warb für den zweiten Weg, um "mit List, Drohung und Flexibilität" einen Fuß in die Tür zu bekommen.
Dass die übrigen Mitgliedstaaten eine politische Auseinandersetzung bisher vernachlässigt haben, kann allerdings kaum bestritten werden. In Gänze muss man der Diagnose von Möllers, der juristische Weg habe gar nichts gebracht, deshalb nicht folgen. Eine der umstrittensten Regelungen der Justizreform hat Warschau immerhin rückgängig gemacht.
In liberaler Tradition warb Möllers anstatt für eine normative für eine kognitive Integration politischer Gemeinschaften: "Wir beobachten, was andere tun, und verhalten uns dazu." Sofern wir Dinge normativ verhandelten, dann jedenfalls nicht in einer die Gesamtheit betreffenden Weise. Möllers warnte vor einem "spektakulären Missverständnis": Wenn Politiker einfach Politik und nur Politik machten, gelte das in Deutschland als defizitär.
Tatsächlich werden zu den sprichwörtlichen Sternstunden des Parlaments ausgerechnet solche Sitzungen erklärt, in denen es unpolitisch zugeht: Bioethik ohne Fraktionszwang. Möllers wandte dagegen ein, dass Parlamentsdebatten in erster Linie stattfänden, um bestehende Positionen zu markieren. Man stelle sich nur einmal vor, SPD-Abgeordnete und CDU-Abgeordnete ließen sich tatsächlich im Parlament umstimmen und für ein verschärftes Abtreibungsrecht einerseits und für ein liberales Migrationsrecht andererseits gewinnen. Mit Politik und Repräsentation habe diese hoffnungslos idealistische Vorstellung von Debatte nichts zu tun.
Sämtlicher normativer Überlegungen wollte man sich in Frankfurt nicht berauben lassen. Der Jurist und Ko-Sprecher des Clusters, Klaus Günther, äußerte einen Einwand, der auf der Hand lag: Die Annahme, in der politischen Sphäre habe man es mit Dingen zu tun, die alle angingen, bleibe doch zentral, so strategisch das politische Spiel auch sei. Dem musste auch Möllers zustimmen, obwohl ihm der Begriff der "Allgemeinheit" zu offensiv war.

Von Manuela Grunert aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4.12.2019, Geisteswissenschaften (Natur und Wissenschaft), Seite N3. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Wem darf die Peitsche gehören?

Afrikanische Kulturgüter sollen restituiert werden. Da sind sich mittlerweile alle einig. Unklar aber ist, ob das von allen ehemals Kolonisierten gewünscht wird.

Von Karl-Heinz Kohl

Die koloniale Raubkunstdebatte hat in den vergangenen Jahren die Gemüter erregt. Seit Emmanuel Macron im November 2017 bei seinem Staatsbesuch in Burkina Faso erklärte, Frankreich sei zur Rückgabe afrikanischer Kulturgüter an ihre Ursprungsländer grundsätzlich bereit, verging kaum eine Woche, in der die Medien nicht über sie berichteten. Aktivisten demonstrierten, Wissenschaftler tagten und Politiker gaben ihre Stellungnahmen ab.
Die Aufregung hat sich gelegt. Auch Debatten haben ihre Halbwertzeit. Werden über sie erst einmal Bücher geschrieben, ist das wohl das beste Indiz dafür, dass sie sich ihrem Ende zuneigen. Ein solches Buch hat der Kulturjournalist Moritz Holfelder gerade vorgelegt. Es trägt den sinnigen Titel "Unser Raubgut" (Ch. Links Verlag) und basiert auf Gesprächen, die er mit Beteiligten geführt hat. Es finden sich darin zwar einige wenige Stimmen, die sich gegen die allzu pauschale Verwendung des Begriffs verwahren, da beileibe nicht alles geklaut sei. Aber es überwiegt die Rede von den kolonialen Opfern, an denen wiedergutgemacht werden müsse, was ihnen von den Tätern angetan worden sei. Das Buch tritt als "Streitschrift" auf, die es gar nicht ist. Denn der Streit ist ausgestanden. Kaum jemand würde sich heute offen gegen eine Rückgabe afrikanischer Kulturgüter aussprechen. Der Deutsche Museumsbund und die Kultusministerkonferenz haben dazu Resolutionen verfasst, und selbst im letzten Koalitionsvertrag ist auf die Notwendigkeit der Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus verwiesen.
Diesen Erfolg kann sich eine Gruppe von politischen Aktivisten zugutehalten, die bereits vor fünf Jahren mit einer Kampagne begonnen hatte, in deren Mittelpunkt zunächst noch das Berliner Humboldt-Forum stand. Ihr Anspruch ist hochmoralisch. Mit der Rückgabe der in den Museen aufbewahrten Kulturgüter an die ehemaligen Kolonialländer hoffen sie ein Stück der Schuld Deutschlands abzutragen. Die Mitglieder dieser Gruppe haben die ersten Restitutionsforderungen gestellt und sehen sich als Fürsprecher der um ihr Erbe gebrachten Kulturen Afrikas.
Doch handelt es sich dabei nicht um eine paternalistische Attitüde, wie man sie schon in der Kolonialzeit kannte? Denn es ist keineswegs so, dass nun aus allen afrikanischen Ländern Restitutionsforderungen gestellt werden. Eher scheint das Gegenteil der Fall. So musste zum Beispiel der deutsche Außenminister Heiko Maas bei seinem jüngsten Staatsbesuch in Tansania erfahren, dass die dortige Regierung auf die Rückgabe ihrer aus der deutschen Kolonialzeit stammenden Kulturgüter grundsätzlich verzichtet. Zumal wenn die Rückerstattungen an bestimmte Bedingungen gebunden sind und nur an Museen erfolgen sollen, ist diese Haltung durchaus verständlich. Andere afrikanische Regierungen könnten ähnlich reagieren.
Nahezu alle afrikanischen Staaten besitzen heute eigene Nationalmuseen. Zum größten Teil handelt es sich um Einrichtungen, die noch aus der Kolonialzeit stammen. Nigeria etwa, unabhängig seit 1960, verdankt sein 1957 eröffnetes Nationalmuseum der Initiative des britischen Archäologen Kenneth Murray. Sein erklärtes Ziel war es, in ihm die nationalen Kulturschätze des Landes als Zeugen einer großen Vergangenheit für alle Zukunft zu bewahren. Dahinter verbirgt sich ein genuin europäisches Konzept. Die Gründung der ersten Museen fiel in Europa nicht zufällig in die Zeit des aufkommenden Nationalismus. Die dort ausgestellten Kulturgüter sollten für den schöpferischen Geist des eigenen Volkes stehen.
Welche Artefakte, so mag man sich daher fragen, könnten diese Aufgabe in einem Land wie Tansania übernehmen, dessen Bevölkerung aus mehr als 130 ethnischen Gruppen besteht? Müssten im Nationalmuseum nicht alle gleichberechtigt vertreten sein? Und hieße auf die Rückgabe der Objekte einer dieser Volksgruppen zu beharren nicht, ihren kulturellen Hervorbringungen den Vorzug zu geben? Es ist dies einer der Gründe, weshalb man in den meisten afrikanischen Museen die noch aus der Kolonialzeit stammenden Sammlungen von Artefakten einzelner Ethnien nicht systematisch weitergeführt hat.
Vorbehalte anderer Art beziehen sich auf die meist besonders sorgfältig gearbeiteten und ästhetisch hochwertigen sakralen Objekte, die in europäischen Sammlungen als Prachtstücke afrikanischer Kunst gelten. Sofern sie in einigen Regionen bei religiösen Zeremonien immer noch Verwendung finden, werden sie von Nichtinitiierten ferngehalten und im Geheimen aufbewahrt. Ihre öffentliche Zurschaustellung stellt daher eine Profanierung dar. Afrikanisches Kulturerbe wird durch seine Musealisierung europäisiert.
Widerstände kommen gegenüber der Präsentation von Masken, Zauberfiguren und anderen Kultobjekten aber auch von religiöser Seite. Strenge Muslime und fundamentalistische Christen sehen in ihnen heidnisches Teufelswerk, das man nicht öffentlich zeigen sollte. Ausgestellt werden daher heute in den afrikanischen Nationalmuseen vorrangig archäologische Funde. Aufgrund ihres Alters können sie auch in den Rang von Nationalsymbolen erhoben werden, wie etwa in Zimbabwe der aus Stein gemeißelte Adler aus der alten Ruinenstadt, deren Namen das ehemalige Nordrhodesien heute trägt. Einen weiteren Schwerpunkt stellt die Geschichte des Landes vor und nach der Erlangung der kolonialen Unabhängigkeit dar. Denn die Erinnerung an die europäische Kolonialherrschaft und der erfolgreiche Kampf gegen sie sind immer noch ein Band zwischen den Volksgruppen.
Deutlich ist dies bei den beiden von deutscher Seite mit großem Aufwand betriebenen Restitutionsaktionen dieses Jahres geworden: der Rückgabe der Kapkreuzsäule aus dem Deutschen Historischen Museum in Berlin sowie der Bibel und Peitsche Hendrik Witboois aus dem Stuttgarter Linden-Museum an Namibia. Im ersten Fall handelt es sich um ein Symbol widerrechtlicher kolonialer Landnahme, im zweiten um Erinnerungsstücke an den blutig niedergeschlagenen Aufstand der von Witbooi angeführten Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Alle drei Dinge sind für das Windhoeker Nationalmuseum wie geschaffen, da sich mit ihnen tendenziell alle Bevölkerungsgruppen identifizieren können.
Allerdings zeigt der Protest der Nama gegen die Übergabe von Bibel und Peitsche ihres Widerstandskämpfers an die staatlichen Behörden, dass das Kalkül der Regierung nicht aufging. Die Nama wollen sich den mit den beiden Reliquien symbolisch verbundenen Opferstatus nicht nehmen lassen, für den sie bisher vergeblich hohe Entschädigungssummen von der deutschen Bundesregierung einzufordern versuchten. Doch nicht nur sie, sondern auch die unmittelbaren Nachfahren Hendrik Witboois konkurrieren inzwischen mit dem namibischen Staat um die Erinnerungsstücke.
Wie schwierig es ist, die von verschiedenen Gruppen vorgebrachten Eigentumsansprüche zu prüfen, geht auch aus der bereits vor neun Jahren eingerichteten internationalen Benin-Dialog-Gruppe hervor. In ihr sind alle europäischen Museen vertreten, in denen sich die 1897 von britischen Truppen aus der nigerianischen Stadt Benin geraubten Bronzen und anderen Beutestücke befinden. Die Verhandlungen über eine Rückgabe sind bisher daran gescheitert, dass auf sie neben der nigerianischen Staatsregierung auch der Gouverneur des Bundesstaates Edo und der Palast des Königs von Benin Ansprüche erheben.
Als Vorbild für eine gelungene Restitutionspolitik wird häufig der bereits 1992 von der amerikanischen Bundesregierung verabschiedete Native American Graves and Repatriation Act genannt. Er verpflichtet die Museen dazu, alle in ihrem Besitz befindlichen menschlichen Überreste und Kultgegenstände indigener Kulturen auf deren Verlangen hin an sie zurückzugeben. Doch lässt sich das auf die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten abgestimmte Gesetz nicht einfach auf Afrika übertragen. Bei den afrikanischen Ländern haben wir es mit multiethnischen Staaten zu tun, deren einzelne Bevölkerungsgruppen die politische Balance mühsam auszutarieren haben, um die Stabilität des Gesamtstaats nicht zu gefährden. Die Rückführung des afrikanischen Kulturerbes aus den europäischen Sammlungen kann unter diesen Bedingungen zum Auslöser von Konflikten mit schwer absehbaren Folgen werden. Handelt es sich bei der Rückgabe "unseres Raubgutes", für das politische Aktivisten und postkoloniale Kritiker sich gegenwärtig so stark machen, also gar um ein Danaergeschenk? Man sollte die Weigerung der tansanischen Regierung ernst nehmen, sich moralisch zwar gutgemeinte, im Prinzip aber paternalistische Forderungen nicht zu eigen zu machen.
Der Autor war bis zu seiner Emeritierung 2016 Professor für Kultur- und Völkerkunde am Institut für Ethnologie und Direktor des Frobenius-Instituts an der Universität Frankfurt.

Von Karl-Heinz Kohl aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. November 2019, Feuilleton, Seite 13 . © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Von kritikbereiten Bürgern

Haus der Demokratie: Debatte im Architekturmuseum

Manchmal kommen die interessantesten Beiträge einer Diskussionsveranstaltung aus dem Publikum. Unter der Überschrift "Neue alte Paulskirche" hatten im Deutschen Architekturmuseum drei Spezialisten für Architektur und Demokratie mit Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) über ein künftiges Demokratiezentrum in der Nähe der noch zu sanierenden Paulskirche debattiert. Aus den Reihen der engagierten Zuhörer folgten Fragen und Einwände: "Ein eigenes Demokratiezentrum hat etwas Autoritäres", war zu vernehmen, und: "Wird die Paulskirche damit nicht entwertet?"
Und weiter: Wie wäre es mit dezentralen Orten für eine Demokratiedebatte, die in der Paulskirche als "virtuelles Bild" gebündelt werden könnten? Bei nur 28 Veranstaltungen jährlich könnte man die Paulskirche doch selbst als Demokratiezentrum nutzen statt einen Neubau zu errichten, hieß es. Dafür müsste man weder Bäume auf dem Paulsplatz fällen noch der Stadtkämmerei aufs Dach steigen oder gar die Walter-Kolb-Eiche auf dem Parkplatz neben der Paulskirche fällen.
Als diese Denkanstöße geäußert wurden, hatte Feldmann das Podium der Frankfurter Bürgeruniversität schon verlassen. Eröffnet worden war es von Gastgeber Peter Cachola Schmal, der sich darüber freute, dass die Stadtverordneten die Paulskirche nach dem Leitbild von 1948 sanieren wollen, anstatt den Vorkriegsbau zu rekonstruieren. In seinem Grußwort beschwor Feldmann den Geist Frankfurts als "radikaldemokratischer" Stadt. Diskutiert werden müsse jetzt: "Welche Veranstaltungen wollen wir in der Paulskirche? Wie museal darf es sein? Wo soll das Demokratiezentrum hin?" Der Begriff "Haus der Demokratie", der unlängst bei einer Debatte unter Historikern präferiert worden war, wurde nicht verwendet.
Rainer Forst, politischer Philosoph und Direktor des Kooperationspartners Forschungsverbund "Normative Orders", nannte die Paulskirche Ort historischer "Hoffnungen und Niederlagen". Angesichts der Gefahr autoritärer Aushöhlung der Demokratie kam er zu dem Schluss: "Wir sind Zeitgenossen der 1848er." Für diese sei die Einheit der Nation eine Voraussetzung gewesen, republikanische Verhältnisse zu schaffen. Heute sei der Nationalismus der Feind der Demokratie. Das Ethos der Demokratie müsse lebendig gehalten werden.
Aber wo? Das fragte Forsts Geschäftsführerin Rebecca Schmidt als Moderatorin der Diskussion zwischen der Politikwissenschaftlerin Brigitte Geißel, dem Architekturhistoriker Carsten Ruhl, beide von der Goethe-Uni, sowie Schmal und Feldmann. Fast wichtiger als das Demokratiezentrum schien für Ruhl die Anrede als "Architekturwissenschaftler" zu sein, womit er seinen Kollegen Schmal bestätigte, der moniert hatte, man denke zu wenig ans große Ganze.
Feldmann machte einen Formulierungsvorschlag: "Für sich in Verantwortung für die anderen mit." Er wolle nicht mehr über Steine, Heizung oder Akustik reden, sondern über den politischen Prozess. Kaum war der Oberbürgermeister zum nächsten Termin geeilt, äußerte Schmal, dieser Prozess werde so lange dauern, dass Feldmann das Demokratiezentrum nicht mehr eröffnen könne; vielleicht werde es 2027 fertig.
Brigitte Geißel brachte eine Idee von der universitären Forschungsstelle Demokratische Innovationen mit. Eine Zufallsauswahl von Bürgern solle zwei Wochen lang über das Demokratiezentrum diskutieren und Vorschläge erarbeiten, die dann in einen Bürgerentscheid eingehen sollten. So ein Diskussionsprozess, unbeeinflusst von Lobby-Interessen, sei am wichtigsten. Es sei Bürgerpflicht, die Politik zu beobachten und einzugreifen. "Je kritikbereiter die Bürger, desto besser funktioniert der Staat", weiß Geißel aus neuen Studien. Auch Ruhl fand: "Der Prozess ist wichtiger als gebaute Formen." Aber: "Auch Ideen führen zu Baustellen", wandte Schmal ein und schätzte den Flächenbedarf für ein Demokratiezentrum auf einige tausend Quadratmeter.
c.s.

Von Claudia Schülke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Rhein-Main-Zeitung), Seite 31 vom 13. November 2019. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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