Engagement statt Protest. Joachim Gauck zu Gast beim "Stadtgespräch"

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Februar 2012

Einmal musste das Thema dann doch kurz aufkommen: "Ich hätte mir Sie als Bundespräsidenten gewünscht, Herr Gauck", sagte eine Frau im Publikum zum Schluss des achten "Frankfurter Stadtgesprächs", dessen Leitfrage war, ob die Demokratie in der Krise stecke.

Der Bürgerrechtler und ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde ließ dieses Lob unkommentiert, während er zu vielen anderen Themen im Gespräch mit dem Rechtswissenschaftler Klaus Günther und auch mit dem Publikum im Frankfurter Kunstverein kämpferisch Stellung bezog.

Er halte es für einigermaßen verwegen, sagte Gauck, angesichts der gegenwärtigen deutschen und europäischen Verhältnisse von Anzeichen einer "Postdemokratie" zu sprechen, wie Günther es mit Bezug auf die Occupy-Bewegung und andere nationale und internationale Protestphänomene angedeutet hatte. "Die Verfasstheit unserer Demokratie ist selten besser gewesen, als sie es jetzt ist", hielt Gauck dem entgegen und betonte, dass fünf Sechstel der Menschheit sich nach Verhältnissen wie den hiesigen sehnten.

Gauck nannte es ein "altlinkes Mantra", dass der Kapitalismus zu einer Entfremdung der Gesellschaft führe. Die Entfremdung in den sogenannten sozialistischen Staaten vor 1989 sei viel größer gewesen, wie auch er selbst in der DDR erfahren habe. Zudem plädierte er dafür, stärker zwischen amerikanischen und deutschen Kapitalismusformen zu trennen - immerhin sei Deutschland ein Sozialstaat.

Dass die Occupy-Aktivisten ausgerechnet vor der Europäischen Zentralbank ihr Lager aufgeschlagen hätten, nannte Gauck absurd. Überdies sei ihr Protest wohl eher künstlerisch als politisch geprägt; er erinnere an die Romantik. Günther dagegen war der Meinung, gerade das Zelten der Occupy-Bewegung habe eine politische Bedeutung, weil es symbolisch auf diejenigen aufmerksam mache, die in der Finanzkrise ihr Haus verloren hätten.

Einig waren sich die beiden Diskutanten auf der Veranstaltung des universitären Exzellenzverbundes "Die Herausbildung normativer Ordnungen", dessen Co-Sprecher Günther ist, über die Gefahr, dass es in Deutschland immer mehr passive Konsumenten und teilnahmslose Beobachter gebe. Es bedürfe aber des "Citoyens", der nicht zu faul sei, seine Rolle auszuüben, so Gauck. Dafür sei Engagement viel wichtiger als Protest. wiel.

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