Toleranz tut weh

Rainer Forst über Gerechtigkeit und Duldsamkeit

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. März 2012

Rainer Forst kann sich schön mokieren über die "Viertelkollegen", die ihre Universalkompetenz regelmäßig im Fernsehen zur Schau stellen. "Es ist ein Fehler zu glauben, wenn man sich mit Philosophie befasst, hat man schon die Lösung für die Finanzkrise." Forst, der Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität lehrt, erliegt diesem Irrtum nicht. Der Habermas-Schüler und Leibniz-Preisträger liefert keine fertigen Baupläne für eine bessere Welt. Aber er beschreibt anschaulich und präzise die Regeln, nach denen eine moderne Gesellschaft funktionieren kann.w
Über Gerechtigkeit und Toleranz hat der 1964 geborene Forscher nun in der Historischen Villa Metzler gesprochen. Die Veranstaltung bildete den Auftakt der neuen Reihe "Wissenschaft im Dialog", die von der Villa Metzler, dem Museum für Angewandte Kunst und dieser Zeitung organisiert wird.
Dass Forst kein Mann der simplen Antworten ist, zeigte schon seine Auslegung des Begriffs "Gerechtigkeit": Sie dürfe nicht auf soziale Gleichheit reduziert werden, machte er im Gespräch mit F.A.Z.-Herausgeber Werner D'Inka und Redakteur Michael Hierholzer deutlich. Ebenso falsch sei es, Gerechtigkeit und Freiheit gegeneinander auszuspielen, wie es jüngst die Kritiker von Bundespräsident Joachim Gauck getan hätten. Ihn lobt Forst, dann doch politisch aktuell, für die "schöne, wohltuend kurze Rede" zu seiner Amtseinführung.
Ein wenig mag in der Begeisterung für Gauck die Sehnsucht nach dem antiken Ideal des "Philosophenkönigs" mitschwingen, "der das Gute geschaut hat" und darum gerecht handelt, wie Forst es ausdrückt. Doch heutzutage stünden nicht mehr "in einem Ideenhimmel Weisheiten geschrieben". Was gerecht sei, müsse eine Gesellschaft "im demokratishen Streit ermitteln" - wobei freilich sichergestellt werden müsse, dass ein gleichberechtigter Diskurs auch möglich sei.
Ähnlich vielfältig wie die Auffassungen von Gerechtigkeit sind nach Forsts Worten die Interpretationen von Toleranz. Die einen verstünden darunter die wohlwollende Annahme von Andersartigem, die anderen Gleichgültigkeit. Beides sei falsch, findet Forst: "Tolerant kann nur der sein, der ein Problem hat mit dem, was andere tun" - und es dennoch bis zu einem gewissen Punkt zulasse. "Man kann zum Beispiel als Katholik meinen, der Islam sei die falsche Religion. Aber man muss deswegen nicht Minarette verbieten."
Forst weiß, was er verlangt, wenn er beispielsweise von einem strenggläubigen Christen erwartet, dass er seine persönlichen Überzeugungen nicht zum Maßstab gesellschaftlichen Handelns erhebe. "Toleranz tut weh, wie viele Tugenden." Es könne aber helfen, wenn der religiöse Mensch die Aussagen im Katechismus als Glaubenswahrheiten sehe, die dem wissenschaftlichen Beweis nicht zugänglich seien - und umgekehrt nicht versuche, die Wissenschaft den Prinzipien des Glaubens zu unterwerfen.
Wahrhafte Toleranz zeigt eine Gesellschaft für Forst dann, wenn sie einer Minderheit, deren Überzeugungen ihr fremd sind, dennoch die Möglichkeit gibt, sich im Rahmen der Gesetze frei zu entfalten. Praktisch ausgedrückt: "Selbst wenn 52 Prozent der Bevölkerung Katholiken sind - die Moschee wird gebaut, wenn der Bauantrag in Ordnung ist."
SASCHA ZOSKE

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