Das Jahr 2017 wirft seine Schatten auf die Exzellenz

Endlich wieder einmal forschen dürfen und nicht nur Forschung beantragen: Wie könnte eine Fortsetzung der Exzellenzinitiative denn aussehen?

Von Rainer Forst, Christoph Möllers und Michael Zürn

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. November 2012

Die Diskussion hat schon begonnen: Was soll geschehen, wenn die Exzellenzinitiative 2017 ausläuft? Wie kann das Erreichte gesichert und ausgebaut werden? In welcher Weise kann der Bund die deutsche Forschungs- und Hochschullandschaft angesichts klammer Länderhaushalte und chronischer Unterfinanzierung der Universitäten stärken?

Viele Antworten hierauf spiegeln die spezifischen Interessenlagen wichtiger Spieler im Wissenschaftssystem wider. So fordert der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft die Errichtung einer Max-Planck-Graduiertenuniversität, damit eine deutsche Hochschule unter die Top 10 im Shanghai-Ranking käme. Umgekehrt fordern Universitätspräsidenten gerne die schnelle Eingliederung der außeruniversitären Forschungseinrichtungen in die Universitäten. Wir wollen in diese Diskussion eine weitere Position einbringen, die sich von den gegenwärtig noch vorherrschenden Strategievorschlägen in der deutschen Wissenschaftspolitik unterscheidet.

Unser Vorschlag versucht die Vorteile des Wettbewerbs mit dem zeitlichen Horizont der Wissenschaft in Einklang zu bringen. Wir sind davon überzeugt, dass sich die große Chance bietet, die entstandenen Wissenschaftszentren so auszubauen, dass sie dauerhaft innerhalb der internationalen Wissenschaftslandschaft eine produktive Rolle spielen können. Niemals zuvor ist es in kurzer Zeit gelungen, so viele neue Forschungsthemen aufzugreifen, so viele etablierte und jüngere WissenschaftlerInnen aus dem Ausland an deutsche Universitäten zu holen beziehungsweise sie zum Bleiben zu bewegen. Es besteht kein Grund, diesen Pfad zu verlassen und gänzlich neue Wege zu suchen. Nötig ist aber die Entschleunigung.

In der gegenwärtigen Diskussion herrscht Einigkeit darüber, dass es eine Fortsetzung der Exzellenzinitiative in anderer Gestalt geben sollte. Die Zielvorstellungen unterscheiden sich jedoch noch wesentlich. Unumstritten ist, dass auch der nächste Pakt weiterhin die Leistungsfähigkeit der Forschung in Deutschland stärken muss, aber die Kriterien dafür bleiben zumeist im Dunkeln. Unserer Meinung nach muss eine gute und erfolgversprechende Strategie der Wissenschaftspolitik nach 2017 mindestens vier Kriterien erfüllen.

Erstens Wettbewerb: Ein Post-2017-Programm muss weiterhin wettbewerbliche Elemente beinhalten, um Verkrustungen zu vermeiden und die Zufälligkeiten, die der Exzellenzauswahl auch innewohnten, nicht ein für allemal festzuschreiben. Gleichzeitig sollen neugeschaffene Profilierungen erhalten und den "Leuchttürmen" die Gelegenheit gegeben werden, weiter zu leuchten.

Zweitens Wissenschaftsgerechter Zeithorizont: Nichts behindert den wissenschaftlichen Erfolg mehr als Stop-and-go-Praktiken und die Oktroyierung kurzer Erfolgsfristen. Eine gute Wissenschaftspolitik zeichnet sich dadurch aus, dass sie die wissenschaftsimmanenten Zeithorizonte anerkennt, auch wenn sie der Logik der Politik und ihren Wahlzyklen widerspricht. Wenn es eine Gemeinsamkeit der weltweit besten Universitäten gibt, dann deren Tradition und entsprechende langfristige Entwicklungsstrategien.

Drittens Wissenschaftsgerechte Kriterien: Der politisch induzierte Wettbewerb erzeugte auch negative Effekte, die sich langfristig als problematisch erweisen können. Der Zeitaufwand für die Produktion und Evaluation umfassender Anträge muss wieder sinken. Wenn Wissenschaftler unentwegt Anträge schreiben und evaluieren, bleibt kaum Zeit für wissenschaftliche Neuerungen. Gute Antragsprosa und gute Wissenschaft sind zwei verschiedene Dinge. Es muss in jedem Falle die Überhitzung eines immer stärker auf Drittmitteleinwerbung ausgerichteten Systems verhindert werden.

Viertens Nachhaltigkeit: Die Förderstrategie sollte auch dann finanziell nachhaltig sein, wenn beispielsweise im Jahr 2020 das Schuldenverbot und eine Wirtschaftskrise zusammentreffen.

Die Bundesuniversität und andere Undurchdachtheiten

Viele Einzelvorschläge sind derzeit im Spiel, nicht immer lässt sich eine Gesamtstrategie erkennen. Allerdings kristallisieren sich drei Grundpositionen heraus: die Wiederbelebung der Idee der Bundesuniversität, die Erhöhung der Zuschüsse bei Drittmittelanträgen und die beschleunigte Integration von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen.

Die Idee der Schaffung von Bundesuniversitäten nach dem Modell der ETH Zürich lebt fort. Dabei sollen bis zu drei besonders leistungsstarke Universitäten - wohl aus der Gruppe der jetzigen Exzellenzuniversitäten - in die Hand des Bundes übergehen. Dadurch würden Landeshaushalte entlastet, und der Bund könnte seine Energien bündeln, um diese Universitäten in die "Champions League" zu führen. Gemessen an unseren Kriterien, erweist sich diese Strategie aber als wenig erfolgversprechend. Vorhersehbar kämen die auszusuchenden Universitäten aus Bundesländern, die ohnehin schon mehr für die Wissenschaft tun als andere. Die Entlastung der Landeshaushalte bliebe damit punktuell. Das Modell würde auch kaum eine wettbewerbliche Komponente erhalten, da der Auswahlprozess vorhersehbar Teil eines politischen Aushandlungsprozesses wäre.

Nötig ist als Folge der Exzellenzinitiative nicht eine Zweiklassengesellschaft dieser Art, sondern eine breiter gestreute reversible Differenzierung durch Wettbewerb. Gleichzeitig würden die meisten der international leistungsfähigen und sichtbaren Einrichtungen, die an 39 deutschen Universitäten im Zuge der Exzellenzinitiative mit großem Mitteleinsatz entstanden sind, nach 2017 zunehmend ausgetrocknet.

Ein zweiter Vorschlag fordert, Ressourcen, die Universitäten zur Deckung von Nebenkosten bei erfolgreichen Drittmittelanträgen zusätzlich erhalten, stark zu erhöhen: von heute zwanzig auf siebzig Prozent. Diese Strategie würde sicherlich den Wettbewerb um Drittmittel verschärfen - dies aber in einem unguten Ausmaße. Universitäten wären endgültig allein durch den Einwerbeerfolg funktionstüchtig. Dann hätten nicht nur die Universitätsleitungen und die Wissenschaftsministerien, sondern auch die Landesfinanzministerien einen zusätzlichen Anreiz, Drittmittel einzuwerben. Solche Gelder kämen nämlich dann kostenfrei (ohne indirekten Landeszuschuss) ins Haus und würden aus Sicht der Finanzministerien den Landeshaushalt nicht mehr belasten, sondern in Form zusätzlicher Einkommensteuereinnahmen zusätzlich entlasten. Der Weg in die Abhängigkeit der Universitäten würde damit beschleunigt. Nebenbei würden bei dieser Strategie auch die vorhandenen erfolgreichen Exzellenzinstitutionen vorhersehbar zu Agenturen der Drittmitteleinwerbung umgestaltet.

Ein dritter Vorschlag zielt auf die Integration von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Damit soll eine Besonderheit des deutschen Wissenschaftssystems zum Zwecke der Stärkung der unterfinanzierten Universitäten beendet werden. Dadurch würden gut ausgestattete und häufig auch international sichtbare Forschungsschwerpunkte in die Universitäten geholt und Kräftegleichgewichte in den Universitäten zugunsten exzellenter Forschungseinrichtungen verschoben. Gegen eine solche Grundorientierung der weitergehenden Kooperation von Partnern, die sich im Zuge der Initiative zusammengefunden haben, gibt es als solches wenig zu sagen. Schon im Rahmen der Exzellenzinitiative wuchs an vielen Orten zusammen, was zusammengehört.

Allerdings ist zweierlei zu beachten. Dadurch wird der Fortbestand nur der "Exzellenzleuchttürme" in den Universitäten gesichert, die attraktive außeruniversitäre Partner finden konnten und können. Die Cluster und Graduate Schools, die sich nicht in den Zentren der Wissenschaft befinden, würden dadurch benachteiligt. Daneben dürfen derartige Integrationsprozesse nicht übereilt vollzogen werden. Viele außeruniversitäre Forschungseinrichtungen genießen einen hervorragenden Ruf und leisten ausgezeichnete Arbeit. Ihr Bestand und ihre Arbeitsbedingungen müssen auch im universitären Verbund erhalten werden.

Und umgekehrt sollten die in den Universitäten entstandenen Forschungszentren, insbesondere Cluster, eigenständig und selbstbewusst als eigene, leistungsfähige Institutionen erhalten und ausgestaltet werden. Das Ziel der Initiative war es ja gerade, solche Zentren in den Universitäten zu schaffen, daher sollte ihre Sichtbarkeit nun auch dauerhaft ermöglicht werden. Die Integration gelingt folglich nur, wenn die Außeruniversitären ihre Kooperationsbereitschaft vertiefen und die Universitäten zugleich zeigen, dass sie Exzellenz erhalten und nicht zur Schließung von Finanzlücken ausschlachten wollen. Es ist eine kontrollierte Annäherung und nicht eine überstürzte Integration vonnöten, um zu verhindern, dass vorhandene Qualität auf beiden Seiten dem Reformfetisch geopfert wird.

Wie ist Exzellenzsicherung ohne Dauerwettbewerb möglich?

Vor diesem Hintergrund erscheint uns ein viertes Modell zielführender: eine Fortführung der besten Forschungscluster und Graduiertenschulen und mithin der Erhalt der geschaffenen, besonders leistungsfähigen Zentren samt einer behutsamen, der Sache verpflichteten Annäherung von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen. Konkret hieße das:

Bis zu zwei Dritteln der Exzellenzprojekte würden danach auch nach 2017 weitergefördert; die Mittel dazu kämen aus einer "Folgeinitiative Exzellenzsicherung", die sich wie bisher anteilig aus Bundes- und Landesmitteln finanzierte. Es ginge dann darum, die Besten zu identifizieren und ihnen die notwendige langfristige Perspektive zu geben.

Diese Projekte sollten über zehn Jahre hinweg ein abnehmendes Fördervolumen erhalten, etwa von 80 Prozent der derzeitigen Mittel zu Beginn auf am Ende noch 50 Prozent. In dem Maße, in dem die Förderung abnimmt, wären die Länder aufgefordert, sich zu engagieren. Die freiwerdenden Mittel würden in eine Stiftung fließen, die sich ab 2027 die langfristige Aufgabe vornimmt, nachhaltige Leistungsschwerpunkte in der bundesdeutschen Wissenschaft zu identifizieren und zu fördern.

Die dauerhafte Integration der Exzellenzzentren in den Normalbetrieb der Universitäten erlaubt es den Universitäten, den Nachweis zu erbringen, dass sie bereit sind, interne Differenzierung zu ermöglichen, Schwerpunkte zu setzen und sich mithin offen für die Einbindung außeruniversitärer Einrichtungen zeigen.

Ein Teil der Mittel für den weiteren Aufwuchs der außeruniversitären Einrichtungen sowie für die dritte Säule der Exzellenzinitiative sollte zur Förderung von Kooperations- und Integrationsprojekten etwa in Form von weiteren Graduate Schools oder zur Schaffung von übergreifenden Forschungsverbünden (Stichwort "Wissenschaftscampus") verwendet werden. Das kann im Einzelfall auch weitere Experimente der Art wie jetzt in Berlin mit der Charité beinhalten.

Wir sind also der Überzeugung, dass im Zuge der Exzellenzinitiative eine besondere Chance, aber auch Verpflichtung besteht, das Erreichte fortzusetzen, ohne die Universitäten weiterhin im Dauerzustand des Exzellenzwettbewerbs zu halten. Wir wissen aus der Binnenperspektive, wie viel sich an den Universitäten auch im Zusammenspiel mit außeruniversitären Partnern bewegt hat. Die Chancen, Forschungszentren dauerhaft zu etablieren, darf man nicht verstreichen lassen. Enorme Innovationen waren dadurch möglich - zahlreiche neue Professuren mit neu umrissenen Aufgabenfeldern, neue PostdocProgramme, die begabte und produktive Menschen aus dem Ausland holten, vorausweisende Graduiertenkonzepte und so weiter -, und sie müssen eine Perspektive erhalten, damit nicht der Schwung verlorengeht. Die Zeit für die Eröffnung dieser Perspektiven ist jetzt.

Die Autoren lehren (in alphabetischer Reihenfolge ihrer Namen) Philosophie, bzw. Jurisprudenz und Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt, der Freien und der Humboldt Universität Berlin. Rainer Forst ist Sprecher des Frankfurter Exzellenzclusters "Normative Ordnungen".

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