Atomare Renaissance

Stephen Greenblatt über Lukrez und der Heiden Spaß

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Mai 2013

In Frankfurt hat, im Rahmen der "Kantorowicz-Lectures" an der Goethe-Universität, die den großen Historiker der politischen Staatslehre ehren, gerade Stephen Greenblatt gesprochen. Der kalifornische Literaturwissenschaftler ist durch seine Shakespeare-Deutungen berühmt geworden. In ihnen trug er der Wildheit Rechnung, die Shakespeares Epoche kennzeichnete. Es war eine Zeit der religiösen Tumulte, kolonialer Erfahrungen und politischer Umstürze, eine Zeit der Seefahrt, der Liebespassion und der Geldwirtschaft, einstürzender Königtümer und des beginnenden Einflusses des Populären. In Greenblatts Deutungen kam das alles vor. Seine Shakespeare-Biographie hat ihn weltberühmt gemacht.

Jetzt nahm er Motive aus seinem jüngsten, ebenfalls für ein Weltpublikum geschriebenen Buches über Lukrez auf ("Die Wende". Wie die Renaissance begann, München 2012). Der antike Philosoph schrieb mit "De  natura" um 50 v. Chr. herum eines der heikelsten Bücher der europäischen Ideengeschichte. Denn Lukrez vertrat die Ansicht, außer den Atomen und ihren verwirbelten Kombinationen gebe es gar nichts. Das war schlimmer als der Glaube an falsche Götter, ein vollständiger Unglaube an irgendwelche Götter nämlich.

Greenblatts Frage war, wie es dazu kommen konnte, dass diese Lehre überliefert wurde. Schließlich war das Christentum mit seinen schärfsten Antithesen nicht gerade zimperlich umgegangen, wie zuletzt Winfried Schröder in seiner gar nicht genug zu lobenden Abhandlung über die Wiederkehr der verfemten spätantiken Philosophen gezeigt hat ("Athen und Jerusalem". Die philosophische Kritik am Christentum in Antike und Neuzeit, Stuttgart 2011). Zwar hatte Lukrez keine christlichen Dogmen kritisiert, die er noch gar nicht kennen konnte. Aber wenn stimmte, was er lehrte, musste man sich damit auch gar nicht aufhalten. Die Ansicht John Lockes, dass Glaube nicht erzwungen werden kann und jeder seine eigene Orthodoxie ist, galt fast achthundert Jahre lang nicht und bezog sich nur auf Spielarten innerhalb des Glaubens. Atheisten hingegen galten als sozial gefährlich, denn wer nicht an Gott glaube, hieß es, der halte auch keine Versprechen und keine Verträge. Nach der Entdeckung des vermutlich einzigen Exemplars von "De rerum natura" durch den Humanisten Poggio Bracciolini im Jahr 1417 und dem ersten Druck 1473 habe sich noch lange kein anständiger Europäer die Lehre des Lukrez zu eigen gemacht.

Wieso aber wurde sie überhaupt gedruckt und gelesen? Eine Antwort darauf gab die Übersetzerin der ersten vollständigen englischen Ausgabe, Lucy Hutchinson in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts: Sie wolle aus erster Hand wissen, welche ungeheuerlichen Argumente Lukrez vorbringe. Ähnliche Neugier dürfte auch den Versen gegolten haben, in denen Lukrez seine Partikeltheorie der Liebe vortrug: "Dorthin schießt uns das Blut, von wo wir Hiebe empfangen /. . ./ Wem nun die Pfeile der Liebe Herzenswunden geschossen /. . ./ der geht los auf den Schützen und sucht die Verbindung / Sucht aus dem eigenen Leibe den Saft in den andern zu schleudern." Es gab zu dem Thema lange nichts Besseres. In den Ausgaben wurden natürlich, wie Greenblatt zeigte, andere Stellen als diese und die gottesleugnerischen angestrichen.

Was die Toleranz gegenüber dem eigentlich Intolerablen für Greenblatt jedoch am meisten bestimmt, war die ästhetische Form der lukrezischen Philosophie. Die Schönheit der Verse habe gewissermaßen den Zauber ersetzt, den Lukrez der Welt nahm, indem er sie in Atome auflöste. Genauer: Lukrez unterscheide zwischen Illusion und Schönheit als einem Vergnügen, das nicht auf Lüge beruhe. Deswegen könne er zu Beginn seines Werkes auch zu Venus beten, obwohl seiner Lehre nach einem solchen Gebet gar niemand zuhören würde. "Great Venus! Queene of beautie and of joy", ruft sie Edmund Spenser im Vierten Buch seines Versepos "Faerie Queene" (Die Feenkönigin) 1595 aus derselben Gesinnung heraus an. Diese Göttinnen sind Augenblicksgöttinnen mit irdischen Adressen. Oder, um es mit dem Namenspatron der Vorlesung zu sagen, auch die Götter haben zwei Körper.

So lief Greenblatts Ideengeschichte auf die These hinaus, dass sogar manche Philosophie überliefert wird, nicht weil sie für wahr gilt, sondern weil sie - trotz schwierigen Lateins - Vergnügen bereitet. Die Antike war in der Vorstellung der Renaissance und ihrer Erben eine Welt höherer Vergnügungsfähigkeit. Stephen Greenblatt notierte, dass er in einem Land unterrichte, in dem man alles sein könne, bloß kein Atheist, und in dem auch der universitäre Lesekanon moralisiert sei, was es schwer mache, über Texte toter weißer Männer zu lehren. Man darf seine Umberto-Eco- und Dan-Brown-hafte Detektivgeschichte vom Ursprung der Renaissance aus dem Geist der schönen Gottesleugnung darum auch als den Versuch lesen, für entlegene Epochen und das Vergnügen am Freigeistertum zu werben.

JÜRGEN KAUBE

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