Was tun? Toleranz ist nicht beliebig

Ob im Streit um die gleichgeschlechtliche Ehe oder um islamische Kleidervorschriften – stets ertönt die Forderung nach Toleranz. Dabei droht eine neue Unverbindlichkeit, die niemandem hilft. Eine Klarstellung

Von Rainer Forst

Wir sind nicht die Ersten, die in Gesellschaften leben, welche von tief greifenden Unterschieden in Lebensformen und  Moralvorstellungen gekennzeichnet sind. Unsere Vorfahren etwa laborierten daran, wie man miteinander leben kann, ohne im Handeln des anderen vorrangig das Wirken des Teufels zu sehen. Wenn heute über Fragen der Abtreibung diskutiert wird, ist die Schärfe solcher Konflikte noch immer zu ahnen, aber auch die gleichgeschlechtliche Ehe und das Adoptionsrecht für Homosexuelle, die Beschneidung aus religiösen Gründen, islamische Kleidervorschriften, die Schmähung von Religionsführern oder die Frage, ob die NPD verboten werden soll, deuten auf Konflikte hin, die uns einer Zeitreise gleich zurückkatapultieren in eine Epoche, in der der Begriff der Toleranz geprägt wurde.

Doch was heißt Toleranz? Während die einen ein NPD-Verbot im Sinne der Grenzen demokratischer Toleranz für geboten halten, sehen die anderen dies als intolerant an. Während die einen die Beschneidung tolerieren, halten andere sie für intolerabel. Die einen sind für die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, nicht aber für gleiche Rechte – andere sehen das wiederum als intolerant an.

So ist nicht nur umstritten, wie weit die Toleranz gehen soll; manche der Beispiele werfen auch die Frage auf, ob Toleranz überhaupt etwas Gutes ist – denn sie kann einerseits zu weit gehen, und sie kann andererseits die Verweigerung gleicher Rechte legitimieren. Ist sie gar Zeichen einer asymmetrischen Politik, gemäß Kants Diktum, dass der Name der Toleranz "hochmütig" sei, oder Goethe folgend, der sagte: "Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."?

Hier ist die Philosophie gefragt, die die Aufgabe hat, unseren Begriffshaushalt kritisch zu prüfen. Was genau, so wollen wir zunächst wissen, bedeutet überhaupt der Begriff der Toleranz? Sie bezeichnet eine Haltung, die, analytisch betrachtet, aus drei Komponenten besteht, und hier lässt sich schon eine Reihe von Missverständnissen aufklären – etwa der Irrtum, die Toleranz habe etwas mit urteilsloser Beliebigkeit und Gleichgültigkeit zu tun.

Überlegen wir einmal, wann wir sagen, dass wir etwas tolerieren, etwa die Meinung eines Freundes, den Geruch eines Essens, die Handlungsweise einer Gruppe. Wir sagen das nur, wenn uns an dieser Meinung, dem Geruch oder der Handlung etwas stört. Und in der Tat: Die erste Komponente der Toleranz ist die der Ablehnung. Überzeugungen oder Praktiken, die wir tolerieren, lehnen wir zunächst als falsch oder schlecht ab. Sonst lägen Indifferenz oder Bejahung vor, nicht aber Toleranz.

Es muss eine zweite Komponente hinzukommen, die der Akzeptanz. Sie nennt Gründe, weshalb das, was falsch oder schlecht ist, dennoch geduldet werden sollte. Hier wird also eine Balance aus negativen und positiven Erwägungen hergestellt, denn die Akzeptanzgründe heben die Ablehnungsgründe nicht auf, sie stehen nur neben ihnen und geben im Toleranzfall den Ausschlag. Schließlich ist noch eine dritte Komponente zu bedenken – die der Zurückweisung, also noch mal negative Gründe. Diese markieren die Grenzen der Toleranz. Ersichtlicherweise müssen diese negativen Gründe gravierender und in einem gewissen Sinne objektiver sein als die erstgenannten der Ablehnung, denn sie lassen sich nicht durch Akzeptanzerwägungen übertrumpfen und gelten allgemein.

Die Krux der Toleranz ist es, diese drei Komponenten in die rechte Ordnung zu bringen. Die Herkunft der Gründe kann unterschiedlicher Art sein: Alle drei können religiöse Quellen haben, etwa wenn man eine andere Religion als falsch ablehnt, sie aber im Geiste des Friedens toleriert, bis sie zur Gotteslästerung führt. Die Gründe können aber auch unterschiedlicher Art sein, etwa wenn einer religiösen Ablehnung Gründe der Akzeptanz und der Zurückweisung gegenüberstehen, die sich auf die Menschenrechte berufen, einmal auf das Recht auf Religionsfreiheit und einmal auf die körperliche Unversehrtheit etwa.

Man kann aus dieser Analyse auch schon sehen, dass die Toleranz nicht immer das richtige Rezept gegen die Intoleranz ist. Der Rassismus etwa ist eine weitverbreitete Ursache der Intoleranz. Aber wenn wir als Antwort auf rassistische Übergriffe Toleranz fordern, was tun wir da? Wollen wir "tolerante Rassisten", also Menschen, die Rassisten bleiben, nur nicht ihren Überzeugungen gemäß handeln? Nein, wir sollten eher darauf hinwirken, dass der Rassismus überwunden wird; und das heißt, dass hier schon die Ablehnungsgründe das Problem sind.

In der Analyse fortfahrend, müssen wir verschiedene Konzeptionen der Toleranz unterscheiden, die sich historisch herausgebildet haben. Ich beschränke mich auf zwei. Die erste nenne ich Erlaubnis-Konzeption. Wir finden sie in den klassischen Toleranzgesetzgebungen, etwa im Edikt von Nantes (1598), in dem es heißt: "Um keinen Anlass zu Unruhen und Streitigkeiten zwischen unseren Untertanen bestehen zu lassen, haben wir erlaubt und erlauben wir den Anhängern der sogenannten reformierten Religion, in allen Städten und Ortschaften unseres Königreiches zu leben und zu wohnen, ohne dass dort nach ihnen gesucht wird oder sie bedrückt und belästigt und gezwungen werden, etwas gegen ihr Gewissen zu tun."

Die Toleranz ist demnach eine obrigkeitsstaatliche Haltung und Praxis, die Minderheiten die Erlaubnis gibt, ihrem Glauben gemäß zu leben – und zwar in dem Rahmen, den die Erlaubnis gebende Seite allein festlegt. Alle drei Komponenten – Ablehnung, Akzeptanz und Zurückweisung – sind in der Hand der Obrigkeit, und die Tolerierten sind als Bürger zweiter Klasse markiert und geduldet – und auf den Schutz durch den Monarchen angewiesen. Dies ist die Toleranzvorstellung, die Goethe und Kant in ihrer Kritik vor Augen haben, denn hier heißt toleriert zu sein auch, stigmatisiert zu sein.

In einer langen Geschichte demokratischer Revolutionen setzt sich demgegenüber in der Neuzeit eine andere, horizontale Toleranzvorstellung durch – die Respekt-Konzeption. Der entscheidende Gedanke dabei ist, dass die Toleranz eine Haltung der Bürger zueinander ist, die wissen, dass sie in zentralen Fragen des guten und richtigen Lebens nicht übereinstimmen, dabei aber dennoch akzeptieren, dass die ihnen gemeinsamen Institutionen auf Normen beruhen müssen, die alle als Freie und Gleiche teilen können und die nicht einfach die Wertvorstellungen einer Gruppe festschreiben und zum Gesetz erheben. Die Komponente der Ablehnung verbleibt im Definitionsraum der Einzelnen oder ihrer Gemeinden, aber die Komponenten der Akzeptanz und der Zurückweisung werden in einem Prozess der Legitimation bestimmt, der auf Normen abzielt, die allgemein gerechtfertigt werden.

Wir machen allerdings einen Fehler, wenn wir glauben, wir hätten in unserem demokratischen Zeitalter die erste Konzeption zugunsten der zweiten überwunden. Denn heute finden wir in vielen Streitfällen Vertreter beider Konzeptionen im Widerstreit, und die Erlaubnis-Konzeption kehrt im majoritären
Gewand zurück. Meinen die einen, Minarette und Moscheen seien zu dulden, sofern sie sich in dem Rahmen bewegen, den christliche Mehrheiten festlegen, bestehen die anderen darauf, dass es ein Grundrecht ist, angemessene Gotteshäuser haben zu dürfen. Während die einen meinen, Toleranz
verbiete zwar das Missionieren, fordere aber nicht das Abhängen von Kreuzen oder Kruzifixen aus öffentlichen Klassenzimmern, bestehen die anderen genau darauf im Namen des gleichen Respekts. Sollen gleichgeschlechtliche Partnerschaften nur in einem von der Mehrheit festgelegten Rahmen
"geduldet" werden, oder können sie gleichen Respekt und gleiche Rechte verlangen?

Der Begriff der Toleranz selbst sagt uns nicht, woran wir uns hier zur Orientierung halten sollen. Und viele Werte oder Grundsätze bieten sich hier an – Freiheit und Autonomie auf der einen Seite, soziale Stabilität und Frieden auf der anderen. Je nachdem, wo der Schwerpunkt gesetzt wird, kommt man zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Ich denke demgegenüber, es sollte der Grundsatz der Gerechtigkeit sein, an den wir uns halten. Denn was anderes ist es als eine Frage der Gerechtigkeit, welche Stellung und welche Rechte Minderheiten beziehungsweise bestimmte Gruppen in einer Gesellschaft haben? Hier geht es um eine Gerechtigkeit, die vielen wehtut, weil sie fordert, Hergebrachtes zu überdenken und gegebenenfalls zu verabschieden. Der zentrale Zusammenhang von Gerechtigkeit und Toleranz besteht dabei in folgender Frage: Beruht meine Ablehnung einer Praxis auf Gründen, die nicht nur meine ethische beziehungsweise religiöse Position widerspiegeln, welche andere gerade nicht teilen und auch nicht aus Geboten der Vernunft heraus teilen müssen? Oder besteht sie aus Gründen, die ausreichen, um zu einer allgemein gültigen Zurückweisung überzugehen, also etwa diese Praxis mit Mitteln des Rechts zu unterbinden?

Was muss ich akzeptieren, damit ich diese Frage richtig beantworte? Dies rührt an einen schwierigen erkenntnistheoretischen Punkt, der mit dem Problem der Toleranz verbunden ist, denn oft wird ihr vorgeworfen, sie verlange eine skeptische Infragestellung der eigenen Position. Dem ist aber nicht so.
Man muss in der Toleranzüberlegung nicht die Wahrheit der eigenen Religion etwa bezweifeln, aber man muss wissen, dass religiös-ethische Überzeugungen mit Mitteln der Vernunft weder verifizierbar noch falsifizierbar sind; die Vernunft lässt viele ethische Positionen zu, unter denen sie selbst nicht
entscheiden kann und darf.

In der Haltung der Toleranz nach Maßgabe der Respekt-Konzeption muss ich ferner anerkennen, dass ich anderen, die mit mir unter einem gemeinsamen Normensystem leben, Gründe für solche Normen schulde, die zwischen uns moralisch-politisch teilbar sind und eben nicht aus dem Fundus von Überzeugungen stammen, die ja gerade umstritten sind. Wir nennen diese Fähigkeit, entsprechende Gründe im theoretischen und im praktisch-politischen Gebrauch zu erkennen und diskursiv gemeinsam zu finden, übrigens Vernunft.

***
Rainer Forst ist Professor für Politische Philosophie an der Universität Frankfurt/Main und Co-Sprecher
des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen". Zuletzt erschien von ihm "Kritik der
Rechtfertigungsverhältnisse" (Suhrkamp)

Quelle: Toleranz ist nicht beliebig, ZEIT Philosophie, aus DIE ZEIT #25/2013


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