Die Logik des Marktes und die Logik der Medizin

Die Pharmaforschung zielt meist auf Medikamente, die hohe Gewinne versprechen. Doch was ist mit den Kranken, die nicht zahlungskräftig sind und in armen Ländern leben? Der Philosoph Thomas Pogge macht in seinen Schriften über Weltarmut und Gesundheitsökonomie konkrete Vorschläge. Ein Gespräch.

Herr Pogge, was heißt es, in einer Gesellschaft, in der alles mit allem zusammenhängt, moralisch zu handeln? Überfordert es den Einzelnen beispielsweise nicht, sich um Menschenrechtsverletzungen irgendwo auf der globalisierten Welt zu kümmern?

Auf der Ebene der Interaktion natürlich. Ich kann nicht alle meine Konsumentscheidungen so ausrichten, dass ich damit möglichst leise trete, also in den Entwicklungsländern - aus denen ja in der einen oder anderen Weise sehr vieles kommt, was wir konsumieren - möglichst wenig Schaden anrichte. Der Einfluss, den ich als Einzelner nehmen kann, geht über die Politik, darüber, was eine Regierung in meinem Namen am Verhandlungstisch fordert oder wofür sie sich einsetzt. Und in der Regel setzt sich unsere Regierung in internationalen Verhandlungen für diejenigen Dinge ein, die für unsere Firmen, Industrie und Banken am günstigsten sind. Das wird ihr natürlich von diesen sehr mächtigen Agenten nahegelegt. Sie sollte sich aber auch und ganz besonders für die Gerechtigkeit einsetzen und für das Gemeinwohl der Menschheit. Und sie dazu zu animieren, sind wir als Bürger verpflichtet.

Mit fair gehandeltem Kaffee sind wir moralisch also nicht aus dem Schneider?

Fair gehandelten Kaffee zu kaufen ist schon ein politischer Schritt. Der Gedanke, dass man dadurch Menschenleben rettet, ist allerdings kaum zu halten. In Guatemala wird der Kaffee vielleicht traditionell hergestellt, in Ecuador wird er nach Fair-Trade-Prinzipien hergestellt. Und ich kaufe jetzt Fair-Trade-Kaffee. Da kann es immer noch sein, dass als Konsequenz meiner Kaufentscheidung in Guatemala jemand an Hunger stirbt, weil dort Leute entlassen worden sind, deren Kaffee sich nicht mehr absetzen lässt, weil die Kunden jetzt Fair-Trade-Kaffee kaufen. Wenn Sie glauben, Sie hätten das in der Hand, Sie könnten wissen, welche Konsequenzen Ihre Kaufentscheidungen in der Welt als ganzer haben, ist das eine Illusion. Trotzdem sollte man fair gehandelte Produkte kaufen, weil man dadurch seiner Regierung signalisieren kann, dass wir es ernst meinen - dass wir wirklich bereit sind, uns für die Interessen derer einzusetzen, die systematisch ausgeblendet
werden.

Sind die Menschen überfordert, in einer komplexen Welt moralisch zu handeln?

Wir haben einerseits eine gewisse Grundmoral, die für uns das identifiziert, was uns moralisch wichtig ist. Dass Menschen nicht leiden, dass sie nicht in ihrer Würde verletzt werden. Und dann haben wir eine zunehmend komplexe Welt, in der wir uns zurechtfinden müssen. Wir müssen verstehen, was die Kausalmechanismen sind, durch die Elend und Entwürdigung in die Welt kommen. Aber dafür brauchen wir keine besonders komplizierte Moral. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir auf oft sehr komplizierten Wegen dazu beitragen, dass andere Menschen leiden. Haben die 2015 auslaufenden Millenniumsziele den Armen geholfen? Herausgekommen ist dabei wenig, trotzdem wird jetzt unglaublich gefeiert. Alle sagen, wir haben so viel erreicht. Das sieht auch so aus, wenn man sich die Statistiken ansieht. Dazu ist dreierlei zu sagen. Zum einen, dass dort unglaublich gemauschelt und gemogelt worden ist. Die erschütternste Sache ist vielleicht im letzten Jahr passiert, als die Hungerndenzahlen der FAO komplett umgepolt wurden. Sie haben plötzlich verkündet, einer neuen Methodologie zufolge seien im Jahr 1990 157 Millionen mehr hungrige Menschen da gewesen als vorher angenommen. Die 1990er Zahl wurde stark nach oben gesetzt, die 2010er Zahl wurde um 57 Millionen nach unten korrigiert. Und plötzlich gab es diese abfallende Kurve, die es vorher nicht gegeben hatte.

Natürlich gibt es verschiedene Methoden, wie man Hunger messen kann, aber man kann sich nicht im Jahr 22 einer 25-jährigen Versuchsperiode umorientieren und sagen, nun nehmen wir mal die andere Methode. Daraus müssen wir unbedingt lernen, dass die Messung von Zielen nicht solchen politisch exponierten und abhängigen Institutionen wie der Weltbank oder der FAO übertragen werden darf. Das müssen unabhängige Institute machen, denen ganz klare Parameter vorgegeben werden: Das ist das Ziel, und das ist die Messmethode. Und lasst euch nicht beeinflussen.

Der zweite Punkt ist, dass bei diesen Zielen die relevante Vergleichsgröße die Vergangenheit ist, also 1990. Aber das ist der falsche Maßstab. Man muss sich klarmachen: Wenn die Welt einfach nur weitergewachsen wäre und wenn die Armen proportional an diesem Wachstum teilgenommen hätten, dann hätten sie sich ja auch verbessert, ohne Anstrengung von irgendjemandem. Tatsächlich ist aber der Anteil der Armen am globalen Haushaltseinkommen in der Zeit, in der diese Ziele angeblich verfolgt wurden, stark gesunken. Es ist also eine Illusion, dass wir irgendetwas erreicht hätten. Dem ärmsten Fünftel ginge es heute 28 Prozent besser, wenn ihr Anteil am Welteinkommen auch nur proportional am Wirtschaftswachstum teilgenommen hätte. Im Grunde ist es also eine katastrophale Entwicklung. Man müsste hieraus für die Zielsetzung für das Jahr 2030 lernen, dass man die Ziele relativ zum Wachstum definieren sollte, also zum Beispiel darauf abzielen sollte, dass der Anteil des ärmsten Fünftels am globalen Haushaltseinkommen sich von 0,666 (2008) auf ein Prozent erhöht. Das wäre ein vernünftigeres Ziel.

Der dritte Punkt ist, dass wir die Ziele anders formulieren sollten. Nicht dies und das halbieren, dritteln usw. Das sind noch keine Ziele, das sind Wünsche. Wir sollten kompetente Akteure benennen und ihnen klar vorschreiben, was sie zu tun haben, um das Gewünschte zu erreichen. Und dabei kann man auch ganz konkrete Resultate ins Auge fassen, etwa die Abschaffung der unversteuerten Geheimkonten, auf denen etwa 20 Prozent des Privatvermögens der Menschheit liegen, oder die Eindämmung des Steuerbetrugs. Das sind Sachen, die die reichen Länder ohne weiteres durchsetzen könnten und die sich sehr positiv auf die Einkommensentwicklung der Armen auswirken würden. Da lässt sich nicht so leicht schummeln.

Was bedeutet die zunehmende ökonomische Ungleichheit für die Demokratie in der Welt?

Sie bedeutet, dass die Demokratie auf dem absteigenden Ast ist. Ökonomische Ungleichheit schlägt immer auf das politische System durch. Es ist eigentlich unmöglich, die beiden Systeme so voneinander zu isolieren, dass die Reichen keine größeren Möglichkeiten haben, auf die Politik Einfluss zu nehmen, als die Armen. Einmal, indem man politische Kandidaten unterstützt, von denen man sich etwas verspricht, und zum anderen, weil natürlich die Politik auf die Wirtschaft angewiesen ist. Wenn gerade ein gutes Investitionsklima herrscht, ist das für die Politik eine  gute Sache, es werden Arbeitsplätze geschaffen, man wird wieder gewählt. Umgekehrt, wenn die Wirtschaftsbosse weniger investieren, weil ihnen die Politik nicht passt, können sie der Regierung damit schon eine Lektion erteilen.

Ihr berühmtester Vorschlag, wie das Leiden in der Welt verringert werden könnte, ist der Health Impact Fund. Was ist das?

Der Grundgedanke ist, dem jetzigen Anreizsystem für die Arzneimittelforschung ein zweites hinzuzufügen, ein zweigleisiges System zu fahren statt ein eingleisiges. Im jetzigen System ist die einzige Art, wie an Forschungsund Entwicklungsanstrengungen verdient werden kann, ein Patent, mit dem man dann hohe Aufpreise verlangen kann. Der Health Impact Fund (HIF) funktioniert anders: Dort könnte ein Hersteller sein Medikament freiwillig anmelden und müsste vertraglich zusichern, es weltweit zum niedrigstmöglichen Kostenpreis anzubieten und nach Ablauf von zehn Jahren zum generischen Vertrieb freizugeben. Dafür bekommt er während dieser ersten zehn Jahre eine Prämie, die sich nach den Gesundheitsauswirkungen des Medikaments richtet. Die für dieses zweite Gleis gemeldeten Medikamente würden alle auf ihre Wirkungen untersucht, und jedes Jahr würde dann ein fixer Prämientopf unter diesen Medikamenten verteilt, im Verhältnis zum Gesundheitsgewinn. Wie viel Gewinn man mit einem Medikament macht, hängt also davon ab, welchen konkreten Nutzen es hat. Arme Menschen bekämen so Zugang zu wichtigen neuen Medikamente und es gäbe starke Anreize, neue Medikamente mit größtmöglichen  Gesundheitsauswirkungen zu entwickeln, insbesondere auch Impfstoffe, die unter dem gegenwärtigen System wenig lukrativ sind. Der HIF würde auch stark zur Effizienz beitragen, weil er Verschwendungen durch Werbungs- und Patentierungskosten sowie Deadweight-Verluste, Rechtsstreitigkeiten um geistiges Eigentum, Lobbying und wettbewerbsfeindliche Absprachen erheblich verringern würde.

Und wer füllt den Prämientopf?

Wir denken daran, dass Regierungen ihn anfangs mit mindestens 5 Milliarden Euro pro Jahr finanzieren. Das klingt viel, ist aber nur 0,01 Prozent der Summe aller Bruttonationaleinkommen (BNE) und nur ca. 0,6 Prozent der weltweiten Ausgaben für Arzneimittel. Denkbar wären aber auch internationale Steuern, etwa auf Finanztransaktionen oder Umweltverschmutzung. Kann man die Gesundheitsauswirkungen eines Medikaments denn messen? Gesundheitsauswirkungen misst man in QALYs, Qualitätsbereinigten Lebensjahren (quality-adjusted life years): durch Vergleich mit den Ergebnissen, die mit den Mitteln eingetreten wären, die zwei Jahre vor Einführung des neuen Medikaments verfügbar waren.

Gibt es Reaktionen auf diesen Vorschlag?

Jede Menge, wir haben das breit publik gemacht, im amerikanischen Kongress, in Brüssel, in Pharmafirmen. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Politiker fragen zuerst: Funktioniert das denn? Darauf kann man nur antworten, wir müssen Pilotprojekte machen und mit einem wirklichen Medikament in einem Entwicklungsland vorführen, dass es geht. Wir arbeiten daran, solche Pilotprojekte aufzustellen, in denen wir eine Herstellerfirma überzeugen, ein neues Medikament etwa in einer Provinz Indiens oder einem kleinen Land wie Haiti ganz billig abzugeben und sich dann nach den Gesundheitsauswirkungen bezahlen zu lassen.

Die zweite Sorge ist, dass sich nicht genug finden lassen, die das Projekt unterstützen. Wir haben Nobelpreisträger und ehemalige Premierminister auf unserer Seite. Wir haben auch Unterstützung seitens politischer Parteien, vor allem in Deutschland, wo zum Beispiel die SPD den Health Impact Fund unterstützt. Es ist ohne weiteres denkbar, dass wir nach den nächsten Bundestagswahlen mit deutscher Unterstützung ein Pilotprojekt, etwa in Indien, durchführen könnten - ein Projekt, das vielleicht ein paar Millionen Euro kosten würde und ja selbst schon erhebliche Gesundheitsgewinne im Pilotgebiet erzielen würde. Wenn das gut klappt, könnten Deutschland und Indien vielleicht die treibenden Kräfte sein, die den Health Impact Fund bei einem G20-Gipfel auf die politische Agenda setzen. Der HIF ist, sowohl moralisch als auch ökonomisch, eine so attraktive Idee, dass es nahezu absurd wäre, ihn nicht einzuführen.

Und was sagen die Pharmakonzerne?

Das ist sehr unterschiedlich, sogar innerhalb der einzelnen Konzerne. Allgemein kann man sagen, dass die Forscher die Idee sehr gerne mögen. Die wollen natürlich lieber über eine ernsthafte Krankheit forschen, die arme Leute betrifft, als über Haarwuchsmittel.

Könnte man die Idee hinter dem HIF auf andere Bereiche ausdehnen?

Ja, auf Nahrungsmittel und Saatgut etwa. Da könnte man die Verringerung des Bedarfs an Düngemitteln und Pestiziden honorieren und auch die Erhöhung des Nährstoffgehalts pro Hektar, dadurch würde man Landflächen schonen und die Ernährung verbessern. Ein weiterer Bereich, in den man das übertragen könnte, wären die grünen Technologen. Da gibt es denselben Irrsinn wie bei den Medikamenten. Wir machen uns sehr viel Mühe, eine gute Innovation auf die Beine zu stellen, aber dann belohnen wir den Innovator mit dem Privileg, sie patentgeschützt mit einem hohen Aufpreis zu verkaufen, was zur Folge hat, dass die Innovation nur wenig genutzt wird. Obwohl wir gute grüne Technologien haben, werden in vielen Entwicklungsländern Kraftwerke und Fabriken noch immer nach veralteten Plänen gebaut, weil man sich dort die Lizenzen nicht leisten kann. Wir alle und unsere Nachkommen müssen das ausbaden.

Daran, dass wir die große Mehrheit ärmerer Menschen von Innovationen ausschließen, verdient niemand Geld. Wer würde etwas verlieren, wenn wir es ärmeren Bevölkerungen ermöglichen würden, solche Dinge lizenzfrei herzustellen und zu konsumieren? Das würde uns nichts kosten. Aber es geht halt nicht, solange dieselben Dinge in reichen Ländern zu extrem hohen Preisen verkauft werden. Wir müssen also die reichen Länder davon überzeugen, für die Forschungs- und Entwicklungsarbeit anders zu bezahlen, nämlich über das Steuersystem anstatt durch Aufpreise. Mit dieser Reform könnten wir kostenlos Wohlstand, Gesundheit, Ernährung und Umweltschutz befördern.

Die einschlägigen Publikationen von Thomas Pogge zum Thema sind: "Politics as Usual: What Lies Behind the Pro-Poor-Rhetoric" (Cambridge 2010) sowie "Weltarmut und Menschenrechte" (Berlin 2011). Die Website des HIF ist unter http://healthimpactfund.com/zu finden.

Das Gespräch führte Manuela Lenzen.

Aktuelles

Leibniz-Preis 2019 für Ayelet Shachar

Prof. Dr. Ayelet Shachar, Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen und Principal Investigator des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", ist Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträgerin 2019. Mehr...

Nächste Termine

24. April 2019, 18.15 Uhr

Ringvorlesung "Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz" des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen": Prof. Oliver Marchart: Was ist radikal an radikaler Demokratie? Vorschläge zur Behebung des institutionentheoretischen Defizits radikaler Demokratietheorie. Mehr...

25. April 2019, 19 Uhr

XXII. Frankfurter Stadtgespräch: Das Verbrechen des Holocaust verjährt nicht - Die Aufgaben von Historie und Justiz. PD Dr. Boris Burghardt und Günther Feld im Gespräch mit Prof. Dr. Sybille Steinbacher. Moderation: Rebecca C. Schmidt. Mehr...

26. April 2019, 18 Uhr

Lecture & Film "Die Erfinderin der Formen. Das Kino von Chantal Akerman": An Evening with Babette Mangolte (New York/San Diego). Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Privatsphäre_Wie sind wir geschützt im digitalen Zeitalter?

Marina Weisband
Denkraum: Verfassung_Aber wie?


The Marketization of Citizenship

Prof. Dr. Ayelet Shachar
Third Annual Goethe-Göttingen Critical Exchange "The Contours of Citizenship"

Neueste Volltexte

Kettemann, Matthias; Kleinwächter, Wolfgang; Senges, Max (2018):

The Time is Right for Europe to Take the Lead in Global Internet Governance. Normative Orders Working Paper 02/2018. Mehr...

Kettemann, Matthias (2019):

Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019. Mehr...