Zur Person

Philosophie der Fairness

Ein Amerikaner erforscht die Klimagerechtigkeit

Gerechtigkeit ist ein schönes deutsches Wort und vielbenutzt in der hiesigen Philosophietradition. Auch Darrel Moellendorf spricht es gerne aus, mit einem leichten
amerikanischen Akzent. Es ist lange her, seit sein Urgroßvater nach Amerika ausgewandert ist. Der Urenkel ist nun zurückgekommen nach Deutschland, genauer, nach Frankfurt. Und benutzt in seinen Schriften und Vorträgen auch auf Deutsch den recht amerikanisch-sportiv klingenden Begriff der "Fairness".

Eine Verfahrensgerechtigkeit ist damit gemeint, mit der sich Moellendorf auf John Rawls bezieht. Mit dem Begriff "Fairness" aber operiert Moellendorf auf einem hochaktuellen Feld. Seit gut sieben Jahren beschäftigt er sich mit dem Klimawandel. Nicht als Physiker oder Biologe, sondern als politischer Philosoph.

Dieser Tage hat er genug neues Anschauungsmaterial sammeln können, schließlich tagte in Warschau die Weltklimakonferenz. Und neben allerhand Rückschritten war wieder jene fatale Verbindung spürbar, mit der sich Moellendorf in seinem jüngsten, noch nicht veröffentlichten Buch beschäftigt. Die moralische Herausforderung des Klimawandels besteht für Moellendorf darin, dass sich über Klimaschutz nicht reden lässt, ohne an die Armut auf der Welt zu denken. "Die Risiken des Klimawandels, das sieht man wieder am Taifun auf den Philippinen, treffen meist die armen Länder", so Moellendorf. Wie kann Klimagerechtigkeit aussehen? 2015 soll vereinbart werden, wie man versuchen will, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die Grundlagen dieser Vereinbarungen müssten "fair" sein, so Moellendorf. Wo sie liegen können, zwischen dem Recht auf Entwicklung und der Pflicht der Industriestaaten zur Beschränkung, das will er herausfinden.

Moellendorf forscht an aktuellen Fragen der politischen Philosophie. An der San Diego State University, als Leiter des dortigen Institute for Ethics and Public Affairs, hat der 52 Jahre alte Philosoph sich unter anderem auch mit gerechtem Krieg und mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen beschäftigt. Dabei hat den Forscher auch ein Aufenthalt in Südafrika geprägt, wo er von 1996 bis 2002 an der University of Witwatersrand die Aufarbeitung der Apartheid miterleben konnte.

Ebenso prägend wie Südafrika ist seit seinem Studium für ihn Deutschland: In Heidelberg und Bremen war er, bevor er im vergangenen Jahr an das Forschungskolleg Humanwissenschaften nach Bad Homburg kam, um das Buch zur Klimagerechtigkeit zu schreiben, das im nächsten Jahr erscheinen soll. Dort hat er auch die Kollegen vom Exzellenzcluster "Normative Ordnungen" an der Frankfurter Universität getroffen, die er zum Teil schon seit längerem kannte.

Diese Verbindung bleibt nun bestehen: Moellendorf ist seit diesem Wintersemester Professor für Internationale politische Theorie am Cluster. Vom Sommersemester an will er an der Goethe-Universität auch lehren, in Politikwissenschaften ebenso wie im Fach Philosophie. Mit Frau und Sohn will er in Deutschland bleiben. Dynamisch, lebendig und wissenschaftlich interessant findet er den Cluster, eine Mischung aus Frankfurter Schule und amerikanisch geprägtem Liberalismus, mit dem "Hausgott" Kant. An kleine Unterschiede im akademischen Alltag hat er sich gewöhnt: "Die Fragen sind hier immer viel länger." Moellendorf will sie bald ganz auf Deutsch beantworten können, gelehrt wird aber auf Englisch.

EVA-MARIA MAGEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2013, Nr. 281, S. 44

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