Der Markt ist nicht gerecht. Er belohnt die Mächtigen

Haben alle Spieler auf den Finanzmärkten die gleichen Chancen? Nein. Große Banken werden gerettet, kleine gehen unter. So läuft es oft in der Gesellschaft.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, WIRTSCHAFT, 05.01.2014, Nr. 1 / Seite 24

Von Lisa Herzog

Es ist keine Neuigkeit, dass die dominanten ökonomischen Theorien den Blick auf wichtige wirtschaftliche Phänomene verstellt hat. Müsste man ein einziges ihrer Defizite herauspicken, dann wäre es möglicherweise dieses: Sie hat den Blick dafür verstellt, wie Macht in Märkten funktioniert. Indem sie den Markt "frei" genannt hat, hat sie davon abgelenkt, dass Menschen darin sehr ungleiche Macht und ungleiche Freiheit haben können. Die Bilder von glatten Kurven und harmonischen Anpassungsprozessen lassen einen leicht vergessen, welche Machtstrukturen in ihnen zum Tragen kommen können.

Auch eine ideale liberale Gesellschaft, die ihren Bürgern größtmögliche Freiheit in allen drei Dimensionen - "negative" Freiheit im Sinne von Handlungsspielräumen, "positive" Möglichkeiten zu einem selbstbestimmten Leben und "republikanischen" Bürgerstatus und Mitgestaltungsmöglichkeiten - einräumt, wäre keine Gesellschaft ohne Macht. Macht ist ein Faktor des sozialen Lebens, den man sich zwar in utopischen Phantasien oder Modellen mit "Homines oeconomici" wegwünschen kann, nicht aber, wenn es um real existierende menschliche Gesellschaften geht. Macht ist nicht per se verdammenswert - in vielen Formen allerdings schon, besonders, wenn sie ungleich verteilt ist.

Wie viele sozialwissenschaftliche Begriffe ist auch der der Macht umstritten. Eine erste Annäherung besagt, dass derjenige, der Macht hat, andere dazu bringen kann, etwas zu tun, das sie andernfalls nicht tun würden. Klar ist, dass staatliche Strukturen über Macht verfügen. Ziel der politischen Philosophie war und ist es, diese Macht zu rechtfertigen, aber auch ihre notwendigen Grenzen aufzuzeigen. Macht ist jedoch ein viel weiter gehendes Phänomen. Macht wird nicht nur von staatlichen Organen ausgeübt. Dies ist die Kehrseite davon, dass nicht alles, was im Markt passiert, als "frei" beschrieben werden kann. In Märkten wird ebenfalls Macht ausgeübt, die oft sehr ungleich verteilt ist und die nicht nur die gleiche Freiheit, sondern auch die gleiche Würde aller Menschen ernsthaft gefährden kann.

Die Ausübung von Macht umfasst nicht nur beobachtbares Verhalten. Dies hat insbesondere der amerikanische Soziologe Stephen Lukes herausgearbeitet, der drei Dimensionen von Macht unterscheidet. Die erste Dimension beschäftigt sich mit beobachtbarem Verhalten in Konflikten: Wer spielt welche Rolle bei Entscheidungen? Welche Interessen setzen sich durch? Die zweite Dimension von Macht betrachtet nicht nur, worüber de facto entschieden wird, sondern auch, worüber entschieden werden könnte, aber nicht wird. Es geht um die Macht, die Tagesordnung zu bestimmen und über die Zulassung von Themen zu entscheiden.

Einen ähnlich gelagerten Begriff von Macht prägte die Ökonomin Susan Strange. Sie verwendet den Begriff "strukturelle Macht" für die Macht, die Regeln zu setzen und die Strukturen zu bestimmen, innerhalb derer andere agieren müssen. Lukes führt darüber hinaus eine dritte Form von Macht ein. Hier geht es nicht nur darum, das beobachtbare Verhalten in Konflikten zu analysieren, sondern auch um soziale Gewohnheiten, Verhaltensmuster und Institutionen. Denn auf die Wünsche, Vorstellungen und das Verhalten anderer kann sehr subtil Einfluss genommen werden, sei es durch Manipulation, sei es durch Informationskontrolle und -lenkung (zum Beispiel in den Medien), sei es durch Sozialisierungs- und Nachahmungsprozesse. Dies kann so weit gehen, dass es überhaupt nicht mehr zum Ausbruch von Konflikten kommt. Die Beteiligten merken möglicherweise gar nicht, dass sie eigentlich Grund hätten, sich zu beklagen - sie akzeptieren ihre sozialen Rollen und fügen sich freiwillig in Verhältnisse ein, die eigentlich ihren eigenen Interessen widersprechen. Ein derartiges Verständnis von Macht muss mit Vorsicht angewandt werden, um nicht in die Falle zu laufen, anderen paternalistisch zu unterstellen, dass man ihre "wahren Interessen" besser kenne als sie selbst. Trotzdem ist es wichtig, diese dritte Dimension von Macht ernst zu nehmen. Die zweite und dritte Dimension von Macht sind besonders wichtig, um zu erklären, wieso manche Gruppen aus wichtigen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen bleiben, auch wenn sie formal längst die gleichen Rechte haben. Oft hat dies mit informellen Strukturen zu tun, bei denen die eine Seite besser weiß als die andere, wie das Spiel gespielt wird und was man tun muss, um Vorteile zu erlangen. Ein wichtiges Element dieser dritten Dimension von Macht ist die Herrschaft über Sprache und Ideen: Wer bestimmt, in welchen Begriffen über ein Problem gesprochen wird? Gibt es überhaupt Begriffe, die das Unrecht erklären, das manche Gruppen erfahren? Wer bestimmt, welche Metaphern verwendet werden und welche Wertungen sich dabei einschleichen? Was wird als passende oder unpassende Weise empfunden, ein Thema anzusprechen, und welche Chance haben verschiedene Individuen dementsprechend, ernst genommen zu werden?

Was hat all dies mit der Frage nach einem zeitgemäßen Liberalismus zu tun? Diese Dimensionen von Macht ernst zu nehmen, ist ein wichtiger Schritt dahin, die Chancen, aber auch die Probleme zu sehen, die Märkte für eine freiheitliche Gesellschaft bieten. Traditionelle Modelle des Marktes, die nur auf rationale Individuen und die Verträge blicken, die diese untereinander schließen, bekommen derartige Phänomene kaum in den Blick. In diesem Sinne sind derartige Theorien selbst Ideologien: Sie machen bestimmte Dinge sichtbar und verdecken andere - und nützen dabei den Interessen mancher Gruppen stärker als denen anderer. Typischerweise nutzen sie denen, die in der Lage und willens sind, sich so zu verhalten, wie die Modelle es annehmen - und zum Beispiel sehr flexibel auf Veränderungen im Arbeitsmarkt reagieren, weil sie nicht durch familiäre Pflichten gebunden sind, wie dies auch vom "Homo oeconomicus" angenommen wird. Man sollte aber auch nicht unterschätzen, dass Märkte ein Instrument sein können, das informelle Machtstrukturen aufbrechen kann. Wenn (was keineswegs immer der Fall ist!) die Marktteilnehmer rein auf die angebotene Leistung achten, bekommen auch Individuen oder Gruppen eine Chance, denen gegenüber ansonsten Vorurteile herrschen, die ihnen den Zugang zu gesellschaftlichen Strukturen versperren. Immer wieder war der Markt ein Ort, an dem Frauen, Andersgläubige oder Angehörige ethnischer Minderheiten die Möglichkeit hatten, eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung zu finden. Darin liegt ein emanzipatorisches Potential, das auch Kritiker des Marktes ernst nehmen sollten.

Andererseits können die Ergebnisse von Märkten durch informelle Machtstrukturen massiv verzerrt werden. Dies lässt sich anhand einer gedanklichen Parallele zur Problematik der Kartellbildung klarmachen. Es waren insbesondere die Denker der Freiburger Schule des Ordoliberalismus, die auf ein Defizit der klassischen liberalen Theorien, wie sie sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt hatten, aufmerksam gemacht haben. Diese älteren Theorien gingen davon aus, dass sich in Märkten von selbst, auf natürliche Weise, freier Wettbewerb einstellen würde und der Zugang zu ihnen für Neuankömmlinge, mit neuen Ideen und neuen Produkten, stets offen sein würde. Sie übersahen die Möglichkeit, dass sich stattdessen Machtstrukturen bilden könnten: Kartelle oder Monopole, deren Ziel es nicht ist, möglichst gute Waren zu möglichst niedrigem Preis anzubieten, sondern den Wettbewerb zu verringern oder auszuschalten, um dadurch von den Kunden übermäßige Preise zu verlangen. Die Denker der Freiburger Schule betonten, dass es der Staat ist, der überhaupt erst den Rahmen schaffen kann, innerhalb dessen freier Wettbewerb möglich ist, so dass diese Tendenz zur Kartellbildung verhindert wird. Das wichtigste Instrument dafür ist das Wettbewerbsrecht, das darüber wacht, dass kein Akteur und keine Gruppe von Akteuren zu viel Marktmacht erlangt. Dadurch, dass Kartelle und Monopole verhindert werden, wird ein freier, offener Wettbewerb überhaupt erst geschaffen und aufrechterhalten.

Die Rolle informeller Machtstrukturen im Sinne von Lukes' zweiter und dritter Dimension lässt sich ähnlich verstehen, auch wenn die Prozesse subtiler ablaufen. An vielen Stellen im Markt, an denen eigentlich freier Wettbewerb herrschen sollte, liegen stattdessen "Kartelle" oder "Monopole" durch informelle Machtstrukturen vor - besonders am Arbeitsmarkt. Diese führen dazu, dass manche Bewerber - und, hier ist das besonders relevant, Bewerberinnen - ausgeschlossen werden oder dass ihre Anliegen überhaupt nicht zur Diskussion gestellt werden. Möglicherweise haben sie ihre Exklusion selbst so stark internalisiert, dass sie sich in ihr Schicksal fügen und gar nicht merken, dass sie ungerecht behandelt werden. Das Argument der Ordoliberalen, dass staatliche Aufsichtsbehörden nötig sind, um Monopole und Kartelle zu verhindern, lässt sich analog auf derartige Fälle übertragen, zumindest vom Prinzip her. In der Praxis wirken diese Mechanismen auf komplexere und schwerer beobachtbare Art und Weise, und es können andere liberale Prinzipien und Werte mit ins Spiel kommen, so dass nicht von vornherein klar ist, wie eine liberale Gesellschaft mit diesen Phänomenen konkret umgehen soll. Klar ist jedoch, dass sie für das Ideal einer Gesellschaft, in der alle Individuen gleiche Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben haben, ein Problem darstellen.

Die Beispiele für Phänomene ungleicher Macht in Märkten sind so zahlreich, dass hier nur einige wenige genannt werden können. Die juristische Theorie der Finanzindustrie ("legal theory of finance"), die die in New York lehrende Juristin Katharina Pistor entwickelt hat, beschreibt ein aktuelles Phänomen. Vereinfacht lautet diese Theorie: Die Transaktionen an Finanzmärkten beruhen auf juristischen Verträgen. Diese werden zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen und schreiben fest, welche Geldflüsse in der Zukunft zwischen den Geschäftspartnern stattfinden sollen. Aber die Zukunft ist unsicher, und es kann zu Liquiditätsengpässen kommen. Dann kann es passieren, dass ein striktes Beharren auf der Durchsetzung aller Verträge zur Zahlungsunfähigkeit einzelner Institute und zu Pleitewellen im ganzen Finanzbereich führen kann - vergleichbar einem "Bank Run", nur strukturell komplizierter. In solchen Fällen ist es das kleinere Übel, die Verträge neu auszuhandeln und das Gesetz nicht so starr anzuwenden, wie es eigentlich vorgesehen ist. Allerdings werden dabei nicht alle Akteure im Finanzsystem gleich behandelt. Besonders große, stark vernetzte Player im Zentrum des Systems und diejenigen Zentralbanken, die selbst Währung ausgeben können, sind wichtiger für das Gesamtsystem als andere Akteure, die am Rande stehen. Wenn es zu einer Krise kommt, wird die strikte Einhaltung der Verträge deswegen eher am Rande des Systems eingefordert - während im "Kern" des Systems neu ausgehandelt wird, welche Rechte wie streng durchgesetzt werden, und von politischer Seite Hilfe geleistet wird. Finanzinstitutionen, die dies antizipieren, werden schon alleine deswegen versuchen, möglichst stark zu wachsen, zum Beispiel durch Fusionen und Übernahmen, um im Zweifelsfall zu dem auserwählten Kreis derjenigen zu gehören, die "gerettet" werden. Dass sich hieraus Fragen nach Gerechtigkeit ergeben, dürfte offensichtlich sein. Antworten auf sie zu finden, ist nicht einfach, denn wir stecken seit Jahrzehnten in einem hierarchisch organisierten Finanzsystem, und selbst wenn eine Alternative in Sicht wäre, wäre die Frage, wie man dorthin gelangen könnte. Derartige Fragen aber wurden von der Mainstream-Ökonomie jahrelang überhaupt nicht gestellt, weil das unterschiedliche Gewicht und damit die ungleiche Macht von Finanzakteuren in ihren Modellen nicht vorkam.

Lisa Herzog arbeitet als Postdoc am Institut für Sozialforschung und am Exzellenzcluster "Normative Ordnungen" in Frankfurt und forscht über "moralische Akteure am Finanzmarkt".

Lisa Herzogs Buch "Freiheit gehört nicht nur den Reichen", dem wir diesen Vorabdruck entnehmen,erscheint am 21. Januar im Beck-Verlag und kostet 14,95 Euro

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