"Spielverderber der Erinnerung". Vortrag des Historikers Fahrmeir zum Uni-Jubiläum

höv. HOFHEIM. Ein Historiker kann leicht zum "professionellen Spielverderber" werden, wenn es um die Erinnerung an die Vergangenheit geht. Der das sagt, ist selbst Historiker, Andreas Fahrmeir, an der Frankfurter Goethe-Universität Professor für Neuere Geschichte. Historiker und Jubiläumsfeiern, das sei eine "gefährliche Kombination", sagte der Dozent am Montagabend bei einem Vortragsabend der Universität in Hofheim; die Hochschule feiert in diesem Jahr ihr Bestehen seit 100 Jahren. Denn ein Geschichtswissenschaftler stelle das Ereignis, dessen gedacht werden solle, vielleicht viel komplexer dar und weniger einzigartig und zukunftsweisend, als es zu einer Jubiläumsfeier passe. Außerdem gehöre zum Erinnern als Kehrseite das Vergessen. Die öffentliche Erinnerung orientiere sich am Sichtbaren, etwa an Altstädten oder anderen Baudenkmälern. Die Geschichtswissenschaft aber kümmere sich um das nicht mehr Sichtbare.
Fahrmeir zitierte den Philologen und Philosophen Friedrich Nietzsche, der für seine Epoche, die Gründerzeit, ein Übermaß an Erinnerung festgestellt habe. Denn damals seien Bauten in historischem Stil errichtet worden. Im 19. Jahrhundert seien zudem Baudenkmäler freigelegt und hervorgehoben worden, indem man die umgebende Bebauung abgerissen habe. Eine Stadt verändere sich ständig, durch Neubauvorhaben, auch für Straßen und Schienen. Dabei stelle sich immer wieder die Frage, was erhaltenswert sei. Wichtiger als diese Frage sei allerdings, dass überhaupt darüber diskutiert werde, was wichtig für die Erinnerung sei, so der Schluss des Historikers.
Das gelte für die Geschichte einer Universität genauso wie für die Vergangenheit einer Stadt. Denn die Geschichte gehöre niemandem, deshalb könne über sie gestritten werden. Die Erinnerung könne sich an berühmten Personen orientieren, die Großes geleistet hätten, und sie als Vorbilder darstellen. Auf der anderen Seite könne sich die Geschichtsschreibung etwa mit der Rolle der Hochschule in der Zeit des Nationalsozialismus kritisch auseinandersetzen. Dafür müsse der Geschichtsschreiber sich von seinem Gegenstand distanzieren.
Was die Frankfurter Universität angehe, sei immer über die richtige Erinnerung gestritten worden, zwischen der Hochschule und der Stadtgesellschaft, aber auch innerhalb der Universität zwischen den Generationen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.4.2014, Jan Schiefenhövel
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv"

Aktuelles

„Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" - Vortrag von Jürgen Habermas am 19. Juni 2019

Zum Presseservice: Hier...

Weitere Informationen zum Vortrag „Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" von Jürgen Habermas am 19. Juni 2019 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main finden Sie hier...

Ringvorlesung „Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz“

Unter der fachlichen Leitung von Prof. Martin Saar und PD Dr. Thomas Biebricher findet im Sommersemester 2019 die Ringvorlesung „Demokratie in der Krise? Bruch, Regression und Resilienz“ statt. Mehr...

Nächste Termine

24. Juni 2019

Fachbereichstag Gesellschaftswissenschaften. Mehr...

24. Juni 2019, 17.15 Uhr

Ringvorlesung "Contemporary Approaches to Feminist Philosophy": Serene J. Khader:„Transnational and Decolonial Feminisms and the Normativity Question“. Mehr...

25. Juni 2019, 19 Uhr

Vorlesungsreihe "Fragile Kooperationen: Produktionskrisen des Kinos": Prof. Dr. Christiane Voss (Bauhaus-Universität Weimar): Komik der Krise. Kooperation à la Hollywood. Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Noch einmal: Moralität und Sittlichkeit

Jürgen Habermas
Öffentlicher Vortrag an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Das Humboldt Forum und die Ethnologie

Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl, Johann Michael Möller, Prof. Gereon Sievernich, Dr. Gisela Völger. Moderation: Dr. Eva Charlotte Raabe
Podiumsgespräch

Neueste Volltexte

Kettemann, Matthias; Kleinwächter, Wolfgang; Senges, Max (2018):

The Time is Right for Europe to Take the Lead in Global Internet Governance. Normative Orders Working Paper 02/2018. Mehr...

Kettemann, Matthias (2019):

Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019. Mehr...