So wird man Chef

Historiker untersuchen Personalentscheidungen

zos. FRANKFURT. Schon bevor er die Wahl gewann, wurde Ambrosius zum Oberhirten von Mailand berufen, und zwar im wörtlichen Sinn - wenn die Legende stimmt. Als der künftige Kirchenvater, von Hause aus Politiker, in der Basilika eine Rede hielt, rief ein Kind "Ambrosius Bischof!" Angesichts dieses göttlichen Zeichens war die folgende Abstimmung nur noch Formsache. Das theologische Wissen für das neue Amt soll sich Ambrosius nachträglich angeeignet haben, wie Hartmut Leppin erzählt.
Ob nun, sagen wir, der bisherige Bischof von Limburg seinen Posten einer rationaleren Auswahl verdankte als der spätere Heilige anno 374 nach Christus, ist nicht Gegenstand der Studien des Historikers Leppin. Wohl aber interessiert den Professor der Goethe-Universität grundsätzlich, wie Personalentscheidungen in der Kirche getroffen wurden und werden. Die Neugier, ob es allgemeingültige Prinzipien gibt, die einer Person zu einem Amt verhelfen, und die Frage, welche Konflikte sich damit verbinden, hat Leppin mit drei weiteren Lehrstuhlinhabern aus seinem Fachbereich zusammengeführt. Mit dem Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe sowie den Experten für Neuere und Neueste Geschichte, Andreas Fahrmeir und Christoph Cornelißen, gründete er eine Forschergruppe. An dem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für drei Jahre mit 1,1 Millionen Euro gefördert wird, sind auch Kollegen aus Mainz und Padua beteiligt.
Beginnend in der Spätantike und endend im 20. Jahrhundert, werden die Wissenschaftler Vorgänge betrachten, die Menschen in gesellschaftliche Schlüsselpositionen befördert haben. Solche Entscheidungen können auf viele Arten fallen: durch Wahl, Auslosung oder Wettbewerbe jeder Art, aber auch durch "Auskungeln" in kleinem Kreis. Die Frankfurter Forscher konzentrieren sich dabei auf Prozesse in Kirche, Wirtschaft und Verwaltung; weniger spannend erscheint ihnen die Nachwuchsrekrutierung in Adelskreisen: "Da fallen Personalentscheidungen im Ehebett", stellt Plumpe trocken fest.
Der Laie mag glauben, dass Führungskräfte heute öfter nach den Regeln des Verstandes ausgewählt werden als vor 2000 Jahren. Doch da sind sich Leppin und Plumpe nicht so sicher. "Ich bin sehr skeptisch, dass es einen solchen Fortschritt gibt", sagt der Wirtschaftshistoriker. "Die Verteilung von rationalen und irrationalen Elementen dürfte nicht viel anders sein als in früherer Zeit."
Andererseits hält Plumpe die Rolle von undurchsichtigen Netzwerken etwa im Management für überschätzt. Aus seiner Erfahrung könne er "nicht wirklich bestätigen", dass es für die Postenvergabe sehr bedeutsam sei, wer mit wem Golf spiele. Allenfalls auf der letzten Auswahlebene, wenn es mehrere Anwärter mit gleicher Qualifikation gebe, könnten soziale Faktoren wichtig werden.
Im öffentlichen Dienst wiederum hat man sich bisweilen um besonders rationale Ausleseverfahren bemüht, um dann doch wieder davon abzulassen. So wurden in Großbritannien die im 19. Jahrhundert eingeführten Examina laut Fahrmeir wieder abgeschafft, weil dadurch andere wichtige Eigenschaften wie Teamfähigkeit nicht geprüft worden seien. Wie Behörden in jüngerer Zeit zu neuen Mitarbeitern kamen, untersucht sein Kollege Cornelißen: Er befasst sich mit dem Aufbau der Verwaltung in Thüringen Anfang der neunziger Jahre. Die tatkräftige Unterstützung aus Hessen habe dort auch personelle Folgen gehabt: Einige Beamte aus dem Nachbarland hätten in Thüringen einen "phänomenalen Aufstieg" hingelegt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.4.2014, Sascha Zoske
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