Die Königstochter vom Nachbarkontinent

Weitsicht tut not: Die Römerberggespräche wenden sich gegen alte Ressentiments und neuen Nationalismus

Europa war eine Migrantin. Ihr Schlepper war Zeus. Der Göttervater hatte sich in die phönizische Königstochter verliebt und trug sie auf seinem Stiernacken über das Meer nach Kreta. Das erzählt der Gründungsmythos des Abendlandes, das seine Kultur dem Nahen Osten verdankt. Aber war die schöne Europa auch weitsichtig? Im Chagallsaal des Schauspiels Frankfurt übersetzte HR-Redakteur Alf Mentzer als Moderator der Frankfurter Römerberggespräche den Namen der Gründungsmutter: "euris", weit, "opsis", das Sehen. Über das "Weitsichtige Europa" wollte Aris Fioretos, schwedischer Schriftsteller griechischer und österreichischer Herkunft, mit ihm sprechen. Weitsichtig sein, das bedeutet für Fioretos: "Über den Tellerrand sehen und eine vernünftige Kultur der Spannungen aushalten."
Als "Intervention" verstand sich die erste Runde der diesjährigen Römerberggespräche. Auf dem Programm standen "Ausgrenzung und Eindämmung", der Untertitel lautete "Alte Ressentiments, neuer Nationalismus in Europa". Den furiosen, aber auch polemischen Auftakt setzte der Migrationsforscher Klaus Jürgen Bade mit einem Vortrag über "Identität, Kulturangst und negative Integration in der Einwanderungsgesellschaft". Als neues deutsches "Hystericum" konstatierte er nach dem "Waldsterben" nun eine "German Kulturangst", als gäbe es die nicht auch in England und anderen europäischen Staaten. Trotz des "Gejammers auf hohem Niveau" und der "miserablen politischen Rahmenbedingungen" verlaufe die Integration der Einwanderer aber relativ erfolgreich. Dennoch müsse die Spannung zwischen Kulturpragmatikern und Kulturpessimisten ernst genommen werden.
Bade stellte fest, dass die Deutschen zur "Spitzengruppe der modernen Kreuzritter" gehörten. Die islamfeindliche Publizistik habe dazu einiges beigetragen. Scharf ging er mit der CSU ins Gericht, als er auf das "Schandwort" vom "Sozialtourismus" und die Armutseinwanderung aus Rumänien und Bulgarien zu sprechen kam. Die Statistik weise die Rumänen als die Einwanderer mit der höchsten Erwerbsquote unter allen Einwanderern in Deutschland aus, ihre Arbeitslosenquote liege genauso unter jener der Deutschen wie die Quote der Sozialhilfeabhängigen. Im Übrigen seien früher auch Deutsche als Armutswanderer in andere Länder gegangen.
Auf die "Differenzerfahrung" berief sich neben Fioretos auch die Kulturanthropologin Susanne Schröter in ihrem Vortrag über "Toleranz als Novum". Sie sprach über die Abgrenzungsmythen diverser Völker, die sich selbst als Menschen titulieren, ihre Nachbarn aber als defizitär bezeichneten. Sie halte es für legitim, wenn Marokkaner in Wiesbaden nur untereinander heirateten, um sich in der eigenen Gruppe aufgehoben zu fühlen: "Parallelgesellschaften haben ihre Existenzberechtigung, wenn eine Brückenbildung möglich ist in der Kommune." Zudem berief sie sich auf den Frankfurter Philosophen Rainer Forst,der Toleranz als Konfliktbegriff definiere. Schröter plädierte für ein "Zusammenleben im Dissens", eine "Erduldung des Anderen".
Da meldete sich eine Altmigrantin aus dem Gallus zu Wort und fragte nach den Grenzen der Toleranz angesichts der Gewaltbereitschaft junger Migranten in ihrer Nachbarschaft. Bade sprach sich für eine offene Diskussion über die Schattenseiten der Migration aus, etwa die Paralleljustiz. Schröter sah die Grenzen dort, "wo das Strafrecht greifen muss". Kulturalisierte Entschuldigungen wie unlängst im Fall des Mordes an einer Schwangeren in Wiesbaden dürfe es für die Justiz nicht geben. Andere Zuhörer klagten Grenzen auch für die Umgangsformen ein. Bade verwies auf das Grundgesetz: "Es muss gnadenlos durchgesetzt werden, auch für Benimmregeln."
Für die Hilfsbereitschaft Frankfurter Bürger bedankte sich die Pfarrerin Sabine Fröhlich, die 22 Flüchtlingen aus Afrika in der Gutleutkirche Asyl gewährt hat: "Das ist keine Sozialromantik, sondern Knochenarbeit." Mit ihr und dem Migrantenanwalt Reinhard Marx sprach Mentzer über die Praxis der Asylpolitik, die Marx sogleich als "Misere" bezeichnete. Nur drei ihrer Schützlinge im Kirchenasyl dürften sich frei in Europa bewegen, ergänzte Fröhlich, die anderen müssten gemäß europäischem Flüchtlingsrecht zurück nach Italien, wo sie angelandet waren. Italien aber sei wie Griechenland völlig überfordert und biete keine Perspektive. Marx hat nach eigenen Worten gelernt, Lügengeschichten der Asylsuchenden zu durchschauen und dennoch offen zu bleiben. "Menschen auf der Flucht sind nicht automatisch gute Menschen", wissen beide. Aber sie dürften auch nicht gedemütigt werden, etwa durch die Verweigerung der Arbeitserlaubnis.
CLAUDIA SCHÜLKE

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.4.2014, Claudia Schülke
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