Historiker Clark vergleicht Ukraine-Krise zu 1914

Interview: Monika Hillemacher, dpa

Wie Schlafwandler verhielten sich viele Politiker und Institutionen vor dem Ersten Weltkrieg - sagt der renommierte Historiker Christopher Clark. Und sieht zumindest gewisse Parallelen in der Ukraine-Krise.

Frankfurt/Main (dpa) – In seinem aufsehenerregenden Bestseller über den Ersten Weltkrieg vergleicht der Historiker Christopher Clark die Akteure von 1914 mit Schlafwandlern. Clark sieht zudem zumindest gewisse Parallelen zwischen damals und heute. Zu Teilen der Außenpolitik der Europäischen Kommission in der Ukraine-Krise sagt der australische Professor im Interview der Nachrichtenagentur dpa: «Es fehlten klare Verantwortlichkeiten. Es konnte plötzlich eine Eigendynamik entstehen. Das hat schon etwas Schlafwandlerisches.»

Frage: Was motiviert einen australischen Historiker, sich intensiv mit dem Ersten Weltkrieg zu beschäftigen? Australien war weit weg vom Geschehen.

Antwort: Weit weg ist es für einen Australier überhaupt nicht. Die Australier haben ebenfalls teilgenommen an diesem Krieg. Die politische Elite und die Soldaten sind aus freien Stücken in den Krieg gezogen. Australische Soldaten waren in Mesopotamien, in Flandern an der Westfront. Es war ein Krieg, an dem Australien erstmalig als Nationalstaat teilgenommen hat. Und dieser Krieg ist bis heute absolut zentral im nationalen Gedächtnis verankert.

Frage: Wann haben Sie sich erstmals damit auseinandergesetzt?

Antwort: Der Weg zu meiner Schule führte an einem Denkmal für Gefallene des Ersten Weltkriegs vorbei. Die Opferfigur sah aus wie der gekreuzigte Christus, mit ausgebreiteten Armen, gebrochen quasi. Das war für mich als Kind sehr eindrucksvoll. Mein Großonkel Jim war im Krieg. Obwohl meine Mutter immer gesagt hat, man dürfe ihn nicht fragen, er spreche nicht gerne über den Krieg, hat er mir davon erzählt. Vielleicht, weil ich mit sieben Jahren so jung war.

Frage: Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat gesagt, in der Ukraine-Krise drohten die Akteure auf allen Seiten zu schlafwandeln.

Teilen Sie die Ansicht?

Antwort: Ich hatte das gehört von Helmut Schmidt. Im ersten Moment dachte ich: nein. Der Ton heute ist ein anderer. Politiker wie Frank Walter Steinmeier und Angela Merkel oder das Weiße Hause äußern sich immer sehr differenziert und abwägend. Es gibt keine rhetorische Eskalation. Insofern gibt es auch keine Gemeinsamkeit mit der hektischen Situation vor dem Ersten Weltkrieg. Daher sehe ich auf dieser Seite keine Parallele. Aber vielleicht meinte Helmut Schmidt das anders.

Frage: Was meinen Sie?

Antwort: Die Politik der EU in Bezug auf die Ukraine-Krise war zu einem gewissen Teil von Alleingängen geprägt. Ein Beispiel in diesem Kontext ist die ENP (Europäische Nachbarschaftspolitik), die zum Auswärtigen Dienst der EU gehört und sich massiv in die inneren Angelegenheiten der Ukraine eingemischt hat. Indem sie die Ukraine vor die Wahl stellte, sich entweder für Russland oder die EU zu entscheiden, schuf die ENP eigenmächtig Verpflichtungen, die von der EU als Gesamtsystem nicht gedeckt waren. Die ENP hat damit eine eigene Politik gemacht. Ohne Kontrolle von oben. Es fehlten klare Verantwortlichkeiten. Es konnte plötzlich eine Eigendynamik entstehen.

Das hat schon etwas Schlafwandlerisches.

Frage: Was können moderne Akteure aus der Geschichte von 1914 lernen?

Antwort: 1914 dient uns als Warnung, wie riskant es wird, wenn zwischen den politischen Akteuren das Gespräch versiegt. Die Kanäle der Kommunikation müssen immer offen bleiben. So schwer es auch ist.

Man darf sich nicht vom Augenblick bestimmen lassen. Die Lektion von

1914 heißt: Das Argument, «wir haben keine Zeit mehr» ist ein schlechtes Argument. Mit Blick auf die Ukraine nach dem Wahlsieg Petro Poroschenkos haben sich die schnellen Forderungen nach massiven Sanktionen bereits jetzt als verfrüht erwiesen. Und 1914 zeigt, wie wichtig es ist, sich in die Perspektive des Anderen zu versetzen und dies in das künftige, eigene Handeln einzubauen. Selbstbezogenheit, einfach ausblenden, was der andere denkt, führt jedenfalls in die falsche Richtung.

ZUR PERSON: Der Australier Christopher Clark (54) lehrt als Professor Neuere Europäische Geschichte an der Universität im englischen Cambridge. Er ist derzeit zu Besuch beim Exzellenzcluster «Die Herausbildung normativer Ordnungen» und dem neu gegründeten Historischen Kolleg am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt.

Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Pressee-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de

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