Zur Person. Raus aus der Sackgasse. Warum eine Philosophin die Uni Frankfurt verlässt

Dass Anja Karnein der Goethe-Uni bald den Rücken kehrt, liegt nicht an den Arbeitsbedingungen. Die seien "phantastisch"; der Exzellenzcluster "Normative Ordnungen", für den sie tätig ist, habe ein sehr hohes Niveau, lobt die Philosophin. Die Gründe, warum sie für sich in Frankfurt, ja in Deutschland derzeit keine Zukunft sieht, sind andere. Nach neun Jahren Postdoc-Tätigkeit war Karnein in eine Karriere-Sackgasse geraten - aus der sie jetzt hinausgefunden hat: Von August an wird sie als Professorin an der Binghamton University im Staat New York forschen und lehren, zusammen mit ihrem Mann, der ebenfalls Philosoph ist.
 
Wie er hatte Karnein in Frankfurt keine feste Stelle. "Das weckt schon Existenzangst", sagt die 36 Jahre alte Wissenschaftlerin. Wie gerufen kam da die "Dual Career"-Chance in den Vereinigten Staaten. Solche Doppelberufungen von Lebenspartnern wollen eigentlich auch deutsche Unis öfter ermöglichen. Doch auf die Frage, ob eine solche Option für sie hierzulande in Sicht gewesen sei, schüttelt Karnein energisch den Kopf. "Wenn es ein akzeptables Angebot gegeben hätte, wären wir vielleicht hier geblieben."
 
Nun werden solche Paar-Berufungen von manchen um die wissenschaftliche Qualität fürchtenden Beobachtern kritisch gesehen. Schwer tun sich deutsche Hochschulen auch mit dem "Tenure Track", der begabte Nachwuchskräfte an ihrer eigenen Uni zur Professur führen soll. Denn Hausberufungen sind hier immer noch schwierig, wenn nicht gar verboten. Wer das deutsche Wissenschaftssystem so, wie es ist, gut findet, mag Karneins Weggang für natürlich und nicht weiter beklagenswert halten. Ein Verlust für die Uni Frankfurt ist er aber auf jeden Fall, weil sich die Forscherin mit gesellschaftspolitischen Themen befasst, die hochaktuell sind.
 
Basierend auf ihrer Doktorarbeit an der Brandeis University in Massachusetts hat Karnein ein Buch über die Theorie des ungeborenen Lebens geschrieben. Sie setzt sich darin mit der Frage auseinander, wann ein Embryo als "zukünftige Person" zu betrachten ist und welche Schutzansprüche er hat. Auch die Folgen der Reproduktionsmedizin sind Teil ihrer Überlegungen. Karnein lehnt die Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht generell ab; das Verfahren erscheint ihr legitim, wenn es etwa zur Diagnose von Krankheiten diene. Selbst wenn sich taube Eltern nach einem solchen Test bewusst für ein gehörloses Kind entschieden, sei das vertretbar. Problematisch werde es aber, wenn man in die genetische Struktur eines Embryos eingreife. Was die Auswahl werdenden Lebens per PID in ihren Augen akzeptabel macht, fasst Karnein in einem Bild zusammen: "Ich suche mir den Nachbarn aus, mit dem ich zusammenlebe, aber ich maße mir nicht an, seine Nase zu verändern, wenn sie mir nicht passt."
 
Damit nimmt Karnein eine Zwischenstellung zwischen liberalen Eugenikern und christlichen Lebensschützern ein. Vor Angriffen von Fundamentalisten in ihrer künftigen Wahlheimat fürchtet sie sich kaum. "Die lesen uns gar nicht", habe ihr ein Kollege einmal gesagt. Das wird vermutlich auch für das Buch zur Generationengerechtigkeit beim Klimaschutz gelten, das Karnein bald schreiben will. Womöglich wird sie auch hier Anknüpfungspunkte im Werk von Jürgen Habermas finden, von dem sie sich schon in ihren Arbeiten zur Bioethik inspirieren ließ. Dass es sie und ihren Mann eines Tages wieder an Habermas' alte Frankfurter Wirkungsstätte zieht, schließt Karnein nicht aus: "Wenn sich hier tolle Möglichkeiten auftun, kommen wir vielleicht zurück."
 
SASCHA ZOSKE

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Juli 2014, Sascha Zoske. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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