Wohlstand der Nationen Auch die Muslime hatten ihren Adam Smith: Ibn Khaldun erklärte schon im 15. Jahrhundert den Aufstieg und Fall der Völker.

Von Bertram Schefold
 
Die Erklärungen, die Ibn Khaldun für das Schwanken von Wohlstand und Macht entwirft, lassen sich als lange Wellen wirtschaftlicher Entwicklung auffassen. Die werden allerdings nicht durch autonome Schwankungen der Innovationstätigkeit verursacht, wie das die moderne Theorie sagt. Sondern sie hängen von Aufstieg und Verfall gesellschaftlicher und staatlicher Ordnung ab. Nach einer bestimmten Entwicklungslogik zeigt er, was Weltreiche zusammenhält und was sie sprengt. Der Leser wird bittere Parallelen zu Verfallsprozessen der Gegenwart erkennen.
 
Trotz konservativer Implikationen herrscht eine liberale Tendenz vor: Er ist für niedrige Steuern, er begründet sie mit dem religiösen Gesetz. Aber vor allem mit der aus ihnen folgenden Stärke der wirtschaftlichen Dynamik, und er benennt die Vorbedingungen unternehmerischer Tätigkeit: also Rechtssicherheit, geordnetes Geldwesen, Einfachheit und Unbestechlichkeit der Regenten.
 
Der innere Zerfall der islamisch-arabischen Einheitsmacht hatte lange vor Ibn Khalduns historischer Forschung begonnen und liegt seinem Geschichtsbewusstsein zugrunde. Das Reich der ersten Kalifen und der Omaijaden erstreckte sich von Spanien bis nach Indien und Mittelasien. Unter der nachfolgenden Dynastie der Abbasiden begannen sich die zentrifugalen Kräfte geltend zu machen. Der Mongolensturm auf Bagdad (1258) setzte ihr das Ende. Im 14. Jahrhundert bedrohte das zweite Großreich der Mongolen eine in sich zersplitterte arabische Welt.
 
Ibn Khaldun (1332-1406) war in Tunis in eine Familie geboren worden, die in Andalusien durch Mitglieder in wichtigen Ämtern Einfluss besessen hatte. Er verband mit staunenswerter Tatkraft und Beständigkeit eine hohe wissenschaftliche Gelehrsamkeit mit einer angesehenen, aber auch anstrengenden und sogar gefahrvollen staatlichen Laufbahn als Richter und Beamter an den drei Höfen des Maghreb, am Hof von Granada und in Kairo. Er war akademischer Lehrer und Oberrichter und diskutierte in diplomatischer Mission mit dem gefürchteten Timur, der auf sein Grabmal in Samarkand die einzigartige Inschrift setzen lassen sollte: "Wenn ich noch lebte, würdest du vor mir zittern."
 
Ausgangspunkt von Kahlduns Forschungen ist das Leben der Nomaden. Sie sind tugendhafter und tapferer als die Städter; naturgemäß müssen ihnen die Blutsbande wichtiger sein, und so entsteht unter ihnen eine ausgeprägte Solidarität ("asabiya"). Diese Solidarität erlaubt es den führenden Familien eines Stammes, von einer eroberten Stadt Besitz zu ergreifen; sie ermöglicht ihnen als Herrschern den Aufstieg und die Erweiterung ihrer Macht, aber die reicher gewordenen späteren Generationen lösen sich unter dem Einfluss eines luxuriöseren Lebens von der Stammessolidarität ab. Die ein einfaches Leben gewohnten jungen Dynasten erheben nur wenige, nämlich die vom Koran vorgesehenen Steuern. Später vervielfachen sich die finanziellen Ansprüche. Die noch dem Nomadentum verhaftete Dynastie bedrückt die Untertanen wenig, diese arbeiten freudig, während die Verfeinerung der herrschenden Schicht zu steigenden Auflagen, zu höheren Abgaben auf Handelswaren beispielsweise, und zu anderen Bedrückungen führt, die den Besitz des Untertans unsicher machen.
 
Zu den Übergriffen gehören Verzerrungen des Preisgefüges, eine ungerechte Handhabung von Privilegien und Monopolen und schließlich die Finanzierung von Söldnern, wenn sich tyrannisch gewordene Herrscher nicht mehr auf den Stamm verlassen können. Im Aufschwung fördert die wirtschaftliche Macht des Herrschers den Wohlstand mehr als sie ihn schädigt, denn das Reich ist selbst ein Markt. Im Niedergang folgen Willkürmaßnahmen wie Zwangsarbeit und staatliche Lenkung des Handels, die den Erwerb entmutigen, bis der Staat so sehr geschwächt ist, dass ein neuer Stamm die Eroberung wagen kann und sich der Kreislauf wiederholt.
 
Die Logik dieser Vorgänge wird mit einer erstaunlichen Vielzahl von Beispielen erläutert und insbesondere mit Vergleichen zwischen großen und kleinen Städten. In den Ersteren ist wegen der Arbeitsteilung das Lebensnotwendige billiger, der Luxus aber teurer. Es werden dort mehr indirekte Steuern erhoben, so dass die Preise steigen und die arme Bevölkerung sich die Kosten der Niederlassung nur schwer leisten kann.
 
Die Beobachtungen verbinden sich mit scharfsinnigen ökonomischen Erklärungen. Bei den notwendigen Gütern können die Preise die Produktionskosten kaum übersteigen; die anders geartete Nachfrage ermöglicht den spezialisierten Handwerkern ein besseres Leben.
 
Die Misswirtschaft, die mit dem Luxus einhergeht, führt zum religiösen Verderb. Auch die kulturelle Entfaltung ist an das wirtschaftliche Auf und Ab gebunden, denn die edlen Gewerbe wie die Medizin, die Buchkunst und die Musik müssen im Umgang mit den Mächtigen ausgeübt werden. Die Wissensvermittlung ist städtisch, und das Wissen sammelt sich in den berühmten Zentren wie Bagdad und Cordoba. Während der Reichtum schwankt, akkumuliert er sich in den Bibliotheken. Die Gewinne der Kultur bedeuten freilich keinen säkularen Fortschritt, weil die Verbesserungen nicht alle Gebiete ergreifen und jedenfalls der religiöse Ernst nicht zurückgewonnen wird, der Mohammeds Zeitalter kennzeichnete.
 
Nach langem Vergessen ist Ibn Khaldun nicht nur berühmt, sondern geradezu Mode geworden. Wer nach ihm im Internet sucht, kann sich vor Verweisen kaum retten. Seinen Namen tragen alle möglichen Institute. In der islamischen Welt wird er als Begründer der Nationalökonomie gefeiert, wie bei uns Adam Smith. Selbst als Pionier der Umweltökonomie wird er genannt, weil er beobachtete, wie mit steigender Bevölkerungsdichte Schmutz und Krankheiten in den Städten zunehmen.
 
Der Autor ist Wirtschaftsprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Juli 2014, Bertram Schefold. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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