Schluss mit dem Übermenschen-Klischee. Nietzsche und einer seiner Bewunderer: James Conant revidiert das Bild des Philosophen als elitärer Antidemokrat

Chicago 1924: Zwei junge Männer aus gutem Haus töten einen vierzehnjährigen Teenager mit dem Vorsatz, das perfekte Verbrechen zu begehen. Das Plädoyer ihres Verteidigers Clarence Darrow gilt als eine der eloquentesten Reden gegen die Todesstrafe, die je in einem amerikanischen Gerichtssaal gehalten wurden. James Conant, Philosophieprofessor an der heutigen Universität von Chicago, interessiert sich für dieses Plädoyer indes aus einem ganz anderen Grund. Denn im Zentrum von Darrows Verteidigungsrede steht die Anklage eines Philosophen - die minderjährigen Mörder seien von der Philosophie Friedrich Nietzsches in die Irre geleitet worden.
 
Nietzsches Idee des Übermenschen, für den die gewöhnlichen Gesetze und Gebote nicht gelten, sei von den jungen Leuten beim Wort genommen worden. Nietzsche aber müsse wie ein Dichter gelesen werden, nicht wie einer, dessen Philosophie für das Leben Geltung beanspruchen kann. Es ist dies, wie Conant feststellt, nicht das einzige, aber ein besonders wirkmächtiges Klischee, das bis heute über Nietzsche im Umlauf ist.
 
Im ersten Teil seines Buchs tritt Conant deshalb an, Nietzsche gegen den Vorwurf eines zwar unterhaltsamen, aber zutiefst amoralischen Elitismus zu verteidigen. Seine Gegner sind dabei nicht bloß diejenigen, die Nietzsche als einen durchgeknallten Herrenmenschen zitieren, sondern auch diejenigen, die ihm zuschreiben, die Organisation der Gesellschaft einzig an der Förderung herausragender Kulturleistungen ausrichten zu wollen. Den wenigen dazu fähigen Ausnahmemenschen soll sich der Rest in den Dienst stellen.
 
Das Bild von Nietzsche als Prototyp eines so verstandenen "Perfektionismus" wurde vor allem von dem prominenten amerikanischen politischen Philosophen John Rawls geprägt; zwangsläufig erhält Nietzsche damit bei Rawls und den von ihm beeinflussten Diskussionen die Rolle eines direkten Gegenspielers aufgeklärter, liberaler Demokratien. Dass dies eine Fehlbesetzung ist, zeigt Conant überraschenderweise an Nietzsches Verhältnis zu Ralph Waldo Emerson. Denn dieser, der anders als Nietzsche mit einer Philosophie der Demokratie verbunden wird, ist von jenem nicht nur ein Leben lang gelesen worden, vielmehr finden sich Emersonsche Formulierungen an signifikanten Stellen ausgerechnet derjenigen Schrift, die gern für den Nachweis von Nietzsches Elitismus angeführt wird: "Schopenhauer als Erzieher".
 
Dass der Einfluss Emersons auf Nietzsche in diesem Text unausgewiesen geblieben ist, muss, wie Conant argumentiert, als Symptom für die damalige Nähe von Nietzsches Denken zu Emerson genommen werden. Tatsächlich bemerkt Nietzsche einmal, er dürfe Emerson nicht loben, weil der ihm zu nahe stehe. Auf dieser Spur gewinnt Conant ein ganz anderes Bild des nietzscheanischen Perfektionismus. Nietzsche entpuppt sich Schritt für Schritt als ein Denker der exemplarischen Rolle, die "große Menschen" im Leben der Einzelnen spielen können. Nicht als Ausnahmemenschen, die wir auf Sockel stellen, um sie auf Distanz zu halten, sondern im Sinne eines ebenso beunruhigenden wie belebenden Stachels, den sie uns ins eigene Selbstverhältnis setzen, indem sie uns zu Höherem provozieren.
 
Entscheidend für ein solches Verständnis des Perfektionismus ist, dass die "großen Menschen" gerade nicht als von uns substanziell verschieden gedacht werden - wie im Klischee des Übermenschen -, sondern im Gegenteil Möglichkeiten unserer selbst verkörpern. Damit rückt Nietzsche in ein ganz anderes Verhältnis zur Demokratie. Wie Emerson oder John Stuart Mill erscheint er jetzt als Verteidiger einer Gesellschaft, in der "das Streben nach einem aristokratischen Ideal der Vortrefflichkeit das Geburtsrecht jeden Bürgers ist". Nach diesem Ideal zu streben heißt, wie Emerson (und Nietzsche mit ihm) sagt, von den "großen Menschen" den "richtigen Gebrauch" zu machen, einen Gebrauch nämlich, der ihre Größe schließlich abschafft.
 
Der zweite Teil von Conants Verteidigung Nietzsches schwenkt von der praktischen zur theoretischen Philosophie. Er richtet sich gegen das vor allem durch Arthur Danto verbreitete Klischee von Nietzsche als einem "erkenntnistheoretischen Relativisten" und "metaphysischen Anti-Realisten". Nietzsche soll demnach einer Auffassung den Weg bereitet haben, der zufolge wir uns erstens auf keinen Gegenstand ohne Rücksicht auf die Perspektive beziehen können, in der er uns gegeben ist, so dass wir zweitens über sein Ansichsein nichts mehr sagen können. Weshalb uns, wie Danto zusammenfasst, drittens nicht viel mehr bleiben soll, "als auf unserer Perspektive zu beharren und sie nach Möglichkeit anderen aufzudrängen".
 
Conant verteidigt Nietzsche, indem er auf dessen Denkweg hinweist: Der späte Nietzsche erscheint darin überlegen, dass er den irreführenden Gegensatz zwischen dem Ding an sich und der perspektivischen Erscheinung zugunsten einer "resolut diesseitigen Objektivitätsauffassung" hinter sich lasse statt Objektivität mit der Unabhängigkeit von Perspektiven überhaupt gleichzusetzen, wird sie beim späten Nietzsche aus dem Vergleich der Perspektiven gewonnen: Unsere verschiedenen Perspektiven sind dann nicht mehr Kerker unserer niemals zur Objektivität der Welt vordringenden Subjektivität, sondern Werkzeuge, um Erkenntnisse über sie zu gewinnen.
 
So unterschiedlich die beiden Plädoyers ausfallen, sie sollen doch, wie Conant im Nachwort erläutert, als Erläuterungen eines einzigen philosophischen Projekts verstanden werden können - und zwar dann, wenn man dem Interesse Nietzsches für die Wandelbarkeit nicht bloß einzelner Personen, sondern ganzer Lebensformen Rechnung trägt. Wie man sich die Durchführung dieses Projekts genau vorzustellen habe, entfaltet das knappe Nachwort nicht. Aber Conants Buch präsentiert uns einen Nietzsche, den es jenseits der Klischees, die sich in der philosophischen Rezeptionsgeschichte verfestigten, mit Blick auf diesen und andere Fragen neu zu lesen lohnt.
 
JULIANE REBENTISCH
 
James Conant: "Friedrich Nietzsche". Perfektionismus und Perspektivismus.
Konstanz University Press, Konstanz 2014. 391 S., geb., 44,90 [Euro].


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. August 2014, Juliane Rebentisch. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv".



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