Unternehmerische Gier in neuer Form Ist gute Stimmung im Betrieb ein Kniff, die Rendite zu treiben? Eine Diskussion in Frankfurt

HAAV. FRANKFURT. "Gier ist out, Gefühle sind in." Mit diesem Satz leitet Moderatorin Caroline Schmidt die Diskussion ein. Ihre Gesprächspartner erklären dem Publikum zwei Stunden lang, warum der Satz nichts Gutes verheißt. Es ist ein aufklärerischer Abend.

Das Exzellenzcluster der Goethe-Universität hatte am Donnerstag zu einem Gespräch ins Historische Museum am Römerberg geladen. Etwa 200 Besucher hörten sich an, was die Historikerin Ute Frevert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und der Frankfurter Soziologe Sighard Neckel zum Gefühlshaushalt in der Wirtschaftswelt zu sagen hatten. Frevert beschäftigt sich seit Jahren mit der Bedeutung von Emotionen für historische Ereignisse. Neckel hat während der Finanzkrise Börsenspekulanten unter anderem in Frankfurt zu ihrem Gefühlshaushalt befragt. Frevert wie auch Neckel halten die neue, weiche Seite der modernen Arbeitswelt schlicht für eine Mogelpackung. Neckel spricht von einer "Pflicht zur Selbstverwirklichung" und dekonstruiert damit das Marketing-Bild von Großkonzernen, allen voran Google. Frevert ist überzeugt, dass Werte wie Authentizität und Teamarbeit zu einem Standard geworden seien, den sich jeder Mitarbeiter antrainieren müsse, ob ihm das passe oder nicht. Gefühle bei der Arbeit werden nach Ansicht beider Wissenschaftler nicht mehr erlebt, sondern abgerufen. Und wenn sie einmal nicht dem Ideal des Vorgesetzten entsprächen, müssten sie optimiert werden.

Hinter der Maske der Empathie verbirgt sich für Neckel und Frevert deshalb die unternehmerische Gier. Das beste Beispiel ist für sie der Bestseller "Emotionale Intelligenz" des amerikanischen Psychologen Daniel Goleman aus den neunziger Jahren. Danach ist laut Frevert die Losung ausgegeben worden, dass man mit einem empathischen Management den eigenen Profit verdreifachen könne. Dadurch habe sich das Konzept zum Leistungsprinzip pervertiert. Wo es früher hieß "Jetzt reiß dich mal zusammen", bekomme man heute zu hören: "Jetzt geh mal aus dir raus."

Dass die Selbstverwirklichung auf Befehl nicht immer klappt, liegt für die Forscher auf der Hand. Für sie zeigt sich der postmoderne Druck in der großen Nachfrage nach Psychotherapien und Antidepressiva. Viele Arbeitnehmer seien heute verunsichert, ob ihre angebliche Authentizität gekünstelt sei. Bei Therapeuten fragten sie dann oft: "Sind die positiven Gefühle, die ich habe, meine wirklichen?"

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. September 2014, HAAV. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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