Offen für Rechtslehren aus aller Welt

Das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte hat nicht nur ein neues Haus, sondern auch neue Arbeitsgebiete. Jetzt wird es 50 Jahre alt.

Von Eva-Maria Magel

 FRANKFURT. Die kleine Spielerei macht Thomas Duve Spaß. Steil nach oben weisen die Linien des Diagramms. Es zeigt an, wie oft die Begriffe "global law" und "transnational law" seit 1930 in Buchtiteln vorgekommen sind. Allerdings braucht Duve, seit 2009 Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt, nicht unbedingt eine Internetgraphik, um zu erklären, wie wichtig es für sein Fachgebiet ist, transnationales Recht zu erforschen. Die Zeitläufte, geprägt durch Globalisierung und digitale Revolution, sprechen für sich.
 
Dass allerdings ausgerechnet ein rechtshistorischer Blick Perspektiven eröffnen könnte, mag zunächst befremden. Zumal Rechtsgeschichte, vor hundert Jahren noch unabdingbarer Bestandteil der Juristenausbildung, heute eher ungeliebtes Anhängsel ist und von vielen am liebsten ganz den Historikern zugeschlagen würde. "Ich glaube an die dezidiert juristische Dimension der Rechtsgeschichte", sagt der 1967 geborene Duve, der die Herausforderungen und Stärken des Fachs in seiner Brückenfunktion sieht.
 
Als das Frankfurter Institut 1964 gegründet wurde, war es gewissermaßen Avantgarde. Gründungsdirektor Helmut Coing hatte Schwerpunkte auf die nicht-nationale Rechtsgeschichte und die Rechtspolitik gesetzt. Vor 50 Jahren, so erinnern sich seine Nachfolger zum Jubiläum, gab es auch die Hoffnung, Europa als Rechtsgemeinschaft neu aufzubauen. Und einen politischen Gestaltungswillen Coings, der mit nur sieben Mitarbeitern in ein paar Räumen im Westend begonnen hatte.
 
Duve hält nichts davon, Politikberatung zu betreiben. "Ich hätte große Bedenken, die Rechtsgeschichte so in den Dienst zu stellen", sagt er, "es geht darum, einen Raum des Nachdenkens über Recht zu eröffnen, in vielen Bezügen. Wir müssen die Grundlagen neu diskutieren."
 
Wie alle Max-Planck-Institute baut auch das für europäische Rechtsgeschichte auf der Berufung eines in seinem Fach besonders profilierten Direktors auf - bei seinem Ausscheiden kann es auch wieder geschlossen werden. Mit Duve aber ist immerhin schon der sechste Direktor benannt. Jeder hat der Forschung seinen Stempel aufgedrückt, auch wenn der Wandel oft Zeit in Anspruch nimmt. Noch heute etwa sitzt ein Mitarbeiter an Coings "Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte". Mit Duves Vorgänger Michael Stolleis zogen unter anderem das öffentliche Recht und das Völkerrecht in die Forschung ein. Mit Duve, der zuvor in Buenos Aires Professor für Rechtsgeschichte war und einen weiteren Schwerpunkt im Kirchenrecht hatte, kam vor fünf Jahren der Blick auf Lateinamerika hinzu, der Einfluss des europäischen Rechts auf die indigenen Gesellschaften dort und umgekehrt.
 
Um Rechtstheorie, Grundlagen der europäischen Konstitutionalisierung und Fragen nach der Rolle des Staates sowie nach anderen Rechtskulturen zu betrachten, arbeiten Duve und seine Kollegen unter anderem mit dem Exzellenzcluster "Herausbildung normativer Ordnungen" zusammen. Das ist jetzt noch einfacher geworden: Seit 2013 hat das MPI ein eigenes Haus nahe dem Cluster-Gebäude, einen Neubau auf dem Campus Westend, dessen Architektur den Institutsgeist spiegeln soll. Um ein Gärtchen gruppieren sich die Büroetagen für 100 Mitarbeiter, eine großzügige Bibliothek und Appartements für Gäste. Offen und doch konzentriert, zeitgenössisch, aber dem "Schlüssel zur Vergangenheit" verpflichtet, wie Duve sagt, sieht sich das MPI 50 Jahre nach seiner Gründung.
 
Weltweit gilt es als einzigartige Einrichtung. Es gebe wohl kaum einen renommierten Rechtshistoriker, der nicht hier zu Gast gewesen sei, sagt Stolleis, der selbst ein prominenter Vertreter seines Fachs ist. Die persönlichen Begegnungen auch mit dem Nachwuchs seien das "Salz" in der Forschung, so Stolleis - obwohl ein eigener Saal für Videokonferenzen eingerichtet wurde, der rege genutzt wird. Aber mit dem Gespräch ist es wie mit den Büchern: Freier Zugang schafft Potential. Und so ist nicht nur der Emeritus begeistert von der neuen Bibliothek, die ihresgleichen suche und zu deren Bestand er selbst viel beigetragen hat. Sie umfasst 420 000 Titel, rund ein Viertel der Fläche ist für den Freihandbestand reserviert. Platz ist für 180 000 Einheiten mehr. Die hauseigenen Publikationen füllen Regale im charmanten Lesesalon. Die Bibliothek kann auch extern genutzt werden, und zum Jubiläum wird auch die Tradition der öffentlichen Abendvorträge wiederbelebt. Bald könnte es auch eine Antrittsvorlesung geben: Wie Stolleis einst mit der früh verstorbenen Marie Theres Fögen soll auch Duve mit einem weiteren Direktor eine Doppelspitze bilden. Die Suche zog sich hin. Nun aber sei ein Ruf ergangen, sagt Duve. Der Neuberufene werde den angloamerikanischen Raum abdecken. Die nächste Erweiterung der Rechtsgeschichte steht bevor.
 
Am 15. Oktober um 18 Uhr wird die Reihe der öffentlichen "Frankfurter Rechtshistorischen Abendgespräche" mit einem Vortrag von Andreas Wirsching wieder eröffnet. Zuvor feiert das Institut sein fünfzigjähriges Bestehen. Informationen im Internet unter www.rg.mpg.de.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Oktober 2014, Eva-Maria Magel. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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