Auskünfte zur Lage der Gerechtigkeit

Von Eva-Maria Magel

Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 6. Januar 2009

FRANKFURT. Was meinen wir, wenn wir finden, Reichtum sei auf der Welt ungerecht verteilt? Wie definieren wir überhaupt "Gerechtigkeit"? Was bedeutet es, sich über Ungerechtigkeit zu empören? Höchst unterschiedliche und sehr aktuelle Fragen, die sich unter dem weit gefassten Begriff "Herausbildung normativer Ordnungen" auch mit historischen Perspektiven zusammenfassen lassen.

Ein Verbund von mehr als 100 Geisteswissenschaftlern wird sich an der Universität Frankfurt mindestens noch vier Jahre lang mit den normativen Ordnungen beschäftigen, an einzelnen Problemen ebenso arbeiten wie an übergreifenden Fragestellungen. Während die einen über die "neue Weltordnung" am Beispiel des Wandels in Asien forschen, denken andere darüber nach, was die bindende Kraft von Normen ausmacht. Dass ausgerechnet Paul Klees Gemälde "Hauptweg und Nebenwege" die Präsentation von Klaus Günther, Professor am Institut für Kriminalwissenschaften und Rechtsphilosophie und einer der beiden Sprecher des Exzellenzclusters "Herausbildung normativer Ordnungen", zierte, war wohl doppelt symbolisch gemeint. Günther stellte jüngst den Verbund und recht freimütig auch den mühevollen, monatelangen Weg der Antragstellung vor.

Knapp 33 Millionen Euro aus der Exzellenzinitiative, 6,5 Millionen Euro jedes Jahr, stehen für die Philosophen, Politologen, Juristen, Soziologen, Theologen, Ökonomen, Ethnologen und Historiker zur Verfügung, die sich mit 25 Projektgruppen an dem Großvorhaben beteiligen. Nun soll auf dem Campus Westend mit dem Bau eines 8,9 Millionen Euro teuren eigenen Zentrums begonnen werden - auch im zusätzlichen Wettbewerb um Infrastrukturmittel waren die Frankfurter erfolgreich. Allerdings werden sie, wenn das neue Haus steht, schon den Antrag auf weitere fünf Jahre Förderung schreiben müssen, und noch weiß niemand, wie der Wettbewerb um die Fördergelder in der zweiten Runde ablaufen wird. Aber die ersten, stets auf zwei bis zweieinhalb Jahre angelegten Teilprojekte entstehen seit Frühjahr 2008. Fast alle befassen sich mit Brüchen: "Wir sind an Umbruchsituationen interessiert, weil wir den Eindruck haben, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben", sagt Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie, der zweite Sprecher des Clusters. Das Großprojekt ermögliche es, "hochinteressante junge Forscher" nach Frankfurt zu ziehen und gleich neun neue Professorenkollegen. Sechs sind mittlerweile in Frankfurt angekommen, Ökonomen, Ethnologen, Juristen etwa, darunter vier Frauen. Anders als bei den Naturwissenschaften, die das meiste Geld für Geräte verbrauchen, gehen bei den Geisteswissenschaften fast alle Mittel in Personal. So hatte der Cluster laut Günther nach der Bewilligung im Herbst 2007 geradezu Mühe, die erste Tranche von 400 000 Euro bis Jahresende zu verbrauchen - so schnell finden sich weder Professoren noch Jungforscher. Mittlerweile gibt es vier interdisziplinäre Nachwuchsgruppen, die ersten Tagungen haben stattgefunden. Gerade diese ließen sich innerhalb des Clusters schneller organisieren und mit mehr Zeit für fruchtbare Diskussionen, so Forst - und er erhofft sich natürlich einige gute Publikationen dieser prominent besetzten internationalen Treffen.

Ein erster Versuch, Geld für den Cluster zu bekommen, scheiterte 2005/06 in der Vorrunde des Exzellenzwettbewerbs. Mit neuem Team und neuem Thema ist Ende 2007 das Frankfurter Großprojekt bewilligt worden - als eines von nur fünf geisteswissenschaftlichen unter den 37 Vorhaben. Nicht nur, was die extreme Spannweite des Themas anlangt, bildet es eine Ausnahme: Mit 24 sogenannten Principal Investigators ist es knapp unter der Höchstgrenze von 25 angesiedelt. Und einige Disziplinen mehr hätten noch unter das große Dach gepasst. Wenn Philosophen über Normativität, Juristen über Ordnungen und Historiker über deren Entstehung nachdenken, so könnte sich zum Beispiel mancher Literaturwissenschaftler vorstellen, unter der Rubrik "Rechtfertigungsnarrative" mitzutun - aber dafür soll in zusätzlichen, punktuellen Kooperationen Zeit und Raum sein, so Forst.

Im Frankfurter Cluster wird, wie es allenthalben üblich und von der Exzellenzinitiative gefordert ist, interdisziplinär geforscht, doch spricht Forst auch von einem "Mut zu den einzelnen Disziplinen". Was an der Ausrichtung der vier Forschungsfelder liegt, von "Konzeptionen von Normativität" bis "Rechtsnormen zwischen Nationen", an denen die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte und die Technische Universität Darmstadt beteiligt sind. Kooperationen gibt es auch mit dem Frobenius-Institut und dem Institut für Sozialforschung. Eine deutliche "Frankfurter Handschrift", Anklang an die einstige "Frankfurter Schule", in deren Nachfolge sich zahlreiche der beteiligten Wissenschaftler sehen, bedingt auch der interne Standpunkt, von dem aus die Umbrüche betrachtet werden: Welche Konflikte, Krisen, Prozesse spielen eine Rolle bei der Herausbildung von Normen?

Dafür eine "gemeinsame Sprache" der Disziplinen gefunden zu haben, nennen Günther und Forst als grundlegende, große Leistung nach dem ersten Jahr ihres Clusters. Nur auf dieser Basis könne über Frieden, Demokratie oder Gerechtigkeit geforscht werden - schließlich sollen die Ergebnisse bei der Bearbeitung aktueller Konflikte genutzt werden können. Der Austausch, der auch im neuen Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg stattfinden wird, solle aber nicht "von wenigen exzellenten Gästen vor einem kleinen Kreis" stattfinden, so Forst. Gastprofessoren, Ringvorlesungen und eine große Vorlesungsreihe sollen die Studenten von dem Cluster profitieren lassen. Als Erster soll dieses Jahr der amerikanische Philosoph Charles Larmore nach Frankfurt kommen.

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