Wie Godot auf der Insel vor Schengen- Frankfurter Positionen: Uraufführung von Hannes Seidls und Daniel Kötters "Recht"

Wie sollte es denn aussehen, ein Recht, das für alle gleich gut und gültig sein kann? Gibt es nicht. Lieber lesen die sechs Juristen, kurz bevor endgültig die Frist verstreicht, unter einer wehenden Weide wieder und wieder von vorn ihr Abschluss-Kommuniqué vor, das ein bisschen klingt wie das einer Schülermitverwaltung: "Der Auftrag, der uns erteilt worden ist, ist unmöglich zu erfüllen. Recht kann nie schuldlos oder perfekt sein." Und dann kommen ein paar Vorschläge.

Die sind dann doch verblüffend schlicht. Nun gut, 24 Stunden sind kurz. Es ist auch nicht sicher, dass die fidele Truppe, die da mit zwei gutmütigen Schafen und zwei spielenden Kindern Camping macht, um sich großen Fragen zu stellen, die Sache im Dienst der Kunst so ganz ernst nimmt. Ein Film zeigt sie uns, genau zwischen Deutschland, Frankreich, Luxemburg, inmitten der Mosel, auf einem Inselchen vor Schengen. Dem Gründungsort des grenzenlosen Europas. Und dann stecken die Wissenschaftler und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen am Ende diese fünf bekritzelten Zettel aus einem karierten Ringblock in eine rote Mappe. Für den ominösen "Messenger". "Wie Godot", sagt eine der Expertinnen mal. Leider bleibt es bei einer gefälligen Mischung aus einer Prise Beckett, etwas Kafka und viel von Johnny Cashs "This side of the law", das abends am Lagerfeuer gesungen wird, wenn "Ökonomien des Handelns: Recht", ein Film mit Livemusik, vorbei ist.

Der Filmemacher Daniel Kötter und der Komponist Hannes Seidl machen seit einiger Zeit gemeinsam "Musiktheater" über Arbeit, Freizeit und auch über "Ökonomien des Handelns", so der Titel ihrer Trilogie. Die rote Mappe kennt, wer vor gut einem Jahr beim ersten Teil, "Kredit", im Frankfurter Mousonturm war. Damals war sie eine Geheimakte, die von Bankenturm zu Bankenturm kursierte in einem Stummfilm über die "Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwarten" und die Krise der Weltfinanzen. Immerhin vermochte die live dazu gespielte Musik plausibel vom klassischen Credo zum atonalen Kredit zu führen. Im zweiten Teil geht es darum, dass Recht, Gerechtigkeit und Ordnung nicht dasselbe sind und wie ein Recht sein könnte, mit oder ohne Grenzen.

Nicht dass sich darüber nicht schon allerhand gescheite Leute Gedanken gemacht hätten, das Exzellenzcluster "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität etwa wird sogar als Koproduzent genannt und hat eine sonntägliche Podiumsdiskussion beigesteuert. Bevor 2016 der dritte Teil, "Liebe", ebenfalls im Mousonturm gezeigt wird, hat dieser im Rahmen der "Frankfurter Positionen" den zweiten, "Recht", zur Uraufführung gebracht. Schließlich sind Grenzen und Ausgeschlossensein Thema des diesjährigen Festivals.

Kötter und Seidl haben die internationalen Rechtsfachleute für einen Tag und eine Nacht auf die Insel vor Schengen geladen, um eine potentielle neue Rechtsordnung für die Welt zu entwerfen. Mit dabei: acht Musiker des Ensembles Nadar, deren zeitgenössische Musik ebenso lässig gen Pop abdriftet wie ins beherzt Dissonante. Alle wurden gefilmt, in einer Video-Wackelästhetik, die sich künstlerisch und konspirativ zugleich gibt - nicht nur das ähnelt dem ersten Teil der Trilogie. Diesen Film sieht das Publikum, live spielt Nadar zum Teil, was sie auch damals, an jenem Sommertag des Jahres 2014, beim Camping spielten, sie sprechen als Radioansagen verkleidete historische und literarische Texte, machen alle Geräusche mit Utensilien von der Blechbüchse bis zur Drohne. "Recht" will das Regeln des Rechts und die Regeln der Musik zeigen und konfrontieren. Die Musik aber überlagert streckenweise gar den oft sehr lustigen, weil direkten Blick der Dokumentarkamera auf die wackeren Juristen im legeren Künstlercamp, verwischt, was in der Gruppendynamik selbst den Wunsch nach Recht und Ordnung spiegelt, und übertönt gedankliche Bögen, statt den Transfer zu ermöglichen. Wie bei "Kredit" gibt es allerhand Gedankenfutter, das man mitnehmen kann. Das Vergnügen, das bei "Kredit" noch das tatsächlich musiktheatralische Ineinandergreifen von Konzept, Film, Musik und Geräusch bot, will bei "Recht" aber nicht eintreten. Abgesehen von dem zugrundeliegenden Symposion. Denn das, im Wortsinn, haben Kötter und Seidl wirklich gegeben. Die Experten knabbern und grillen, trinken und reden, singen und denken. Das muss mit Recht Spaß gemacht haben.

EVA-MARIA MAGEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2015, Eva-Maria Magel, © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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