Klimawandel ist nicht gerecht. Eine Diskussion und eine Fotoausstellung im Forschungskolleg Humanwissenschaften beschäftigen sich mit sozialen Folgen der Erderwärmung

bie. BAD HOMBURG. Die Porträtierten schauen selbstbewusst in die Kamera. Perfekt ausgeleuchtet und leicht von unten aufgenommen, sind die Bilder eindeutig als Arrangement zu erkennen. Eigentlich sind es jedoch Momentaufnahmen des Klimawandels, die das Schweizer Fotografen- und Künstlerpaar Mathias Braschler und Monika Fischer in acht Monaten rund um den Globus aufgenommen hat.

16 Länder haben die beiden bereist und akribisch Name und Alter der Dargestellten festgehalten. Damit betonen sie deren Individualität, und doch stehen die fotografierten Menschen exemplarisch für die Folgen der klimatischen Veränderungen: Der australische Milchbauer, der keine Weide für seine Tiere mehr findet, der malische Fischer, dem kein Wasser mehr unter dem Bootskiel steht, oder die Familie aus Kiribati, das langsam im steigenden Meeresspiegel versinkt. Eindrücklich auch die Geschichte hinter der "Tigerwitwe" Hosnaara Khatin und ihrem Sohn Chassan aus Bangladesch: Weil die Böden versalzen, müssen die Menschen in immer entlegenere Gebiete ausweichen. Dabei geraten sie in Konflikt mit dort lebenden Tieren. Ein Tiger hat Khatins Mann erst wenige Tage vor der Aufnahme getötet.

Eine Ausstellung mit 31 Aufnahmen von Braschler und Fischer ist unter dem Titel "The Human Face of Climate Change" bis zum 15. Mai im Forschungskolleg Humanwissenschaften, Am Wingertsberg 4, zu sehen. Sie wird morgen um 16.30 Uhr eröffnet und bildet den Rahmen für eine öffentliche Podiumsdiskussion am nächsten Montag um 19 Uhr. Über das Thema "Klimawandel und Gerechtigkeit" werden drei hochkarätige Wissenschaftler diskutieren. Der Amerikaner Darrel Moellendorf ist Professor für Internationale Politische Theorie und Philosophie in Frankfurt. Konrad Ott lehrt an der Kieler Christian-Albrechts-Universität Philosophie und Ethik der Umwelt und gehörte acht Jahre lang dem Rat von Sachverständigen für Umweltfragen an. Der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Hermann Ott, mit Konrad Ott nicht verwandt, ist Klimawissenschaftler am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Mit dem Klimaschutz stellten sich brisante Fragen nach der Verteilung der Lasten, sagt Julia Schultz, die den Diskussionsabend moderiert. Solange dies nicht geklärt sei, werde es kein international verbindliches Klimaschutzabkommen geben.

Veranstaltet wird die Diskussion vom Forschungskolleg Humanwissenschaften und dem Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" der Goethe-Universität. Die Stadt Bad Homburg und die Stadtwerke sind als Unterstützer dabei. Das habe man gern gemacht, sagte Oberbürgermeister Michael Korwisi (Die Grünen). Bei allen praktischen Schritten an Ort und Stelle, etwa dem Kampf gegen die Feinstaubbelastung oder die Unterstützung von Energiesparvorhaben privater Bauherren, seien auch Veränderungen im Kopf der Menschen nötig.

Es gehöre zum Selbstverständnis des Exzellenzclusters, die wissenschaftlichen Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen, sagte dessen Mitarbeiterin Linde Storm. Wie die Verzahnung in der Praxis aussehen kann, machte Ingrid Rudolph als Geschäftsführerin des Forschungskollegs deutlich. Sie erzählte, Moellendorf habe sein vor kurzem erschienenes Buch über die moralische Herausforderung des Klimawandels bei einem Forschungsaufenthalt im Kolleg oberhalb des Bad Homburger Kurparks fertiggestellt. Dort ist die Fotoausstellung montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr zugänglich.

Um eine formlose Anmeldung zur Vernissage und dem Vortrag wird unter der Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! gebeten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Februar 2015, Bernhard Bieber © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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