Gastbeitrag. Zerstörte Romantik

Die 16-jährige Samra K. posiert in militärischer Kleidung und schwarz verhülltem Kopf vor zwei maskierten Bewaffneten. Auf ihrem Stirnband ist die Schahada zu lesen, das islamische Glaubensbekenntnis. Auf anderen Bildern, die der "Islamische Staat" (IS) des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi veröffentlicht, kann man Frauen sehen, die Panzerfäuste und Raketenwerfer zusammensetzen oder schwer bewaffnet durchs Gelände marschieren. Stets sind sie in bodenlange weite Gewänder gehüllt, tragen Handschuhe und bedecken das Haupt. Nur ein winziger Schlitz im Gesichtsschleier erlaubt eine beschränkte Sicht.

Die Bekleidung ist alles anderes als praktisch und die dargestellten kriegerischen Aktivitäten erscheinen vollkommen absurd. In der Tat stellen sie eine rein mediale Inszenierung dar, denn Frauen sind im "Islamischen Staat" per definitionem von Kampfhandlungen ausgeschlossen. Das strenge Regelwerk des IS sieht vor, dass sie sich nicht mit Gefechten, sondern mit Hausarbeit und der Versorgung der Familie befassen sollen. Nur Männer können Verdienste im Krieg erwerben und als Märtyrer einen privilegierten Zugang zum Paradies und seinen himmlischen Jungfrauen erlangen. Für Frauen ist der Weg ins Paradies davon abhängig, ob sie ihrem Mann gegenüber gehorsam sind.

Diese und andere Vorstellungen der normativen Gender-Ordnung des IS lassen sich in einem Manifest nachlesen, das im Januar 2015 von den berüchtigten Khansaa-Brigaden veröffentlicht wurde. Es handelt sich um eine weibliche Sittenpolizei, die auf der Straße kontrolliert, ob Frauen die islamistischen Verhüllungsvorschriften befolgen. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit ohne Begleitung ihres Ehemannes bewegen, sind grundsätzlich verdächtig. "Bleib in deinem Haus", zitieren die Autorinnen des Manifestes die Sure 33:33 des Korans.

Dieses Programm wird von ausländischen Dschihadistinnen offenbar widerspruchslos befolgt. "Wir bleiben zu Hause, kochen, schauen auf die Kinder und sorgen für das Wohl unserer Ehemänner", schrieb die 20-jährige Aqsa Mahmood aus Schottland, die sich jetzt Umm Layth nennt.

Etwa 11 Prozent aller deutschen Syrienreisenden sind Frauen, in Frankreich sollen es sogar mehr als 20 Prozent sein. Die jungen Frauen geben ein in jeder Hinsicht widersprüchliches Bild ab. Zum einen sind sie Abenteurerinnen, die ihrer Sehnsucht nach fremden Welten mit einer Unerschrockenheit folgen, die ihresgleichen sucht. Die jungen Unterstützerinnen des IS sind Rebellinnen, die eine feste Idee von der Zukunft haben und diese in die Tat umzusetzen suchen, selbst wenn der Preis hoch ist. Sie sind getrieben von der Vorstellung, an einer menschheitsgeschichtlichen Wende mitzuwirken und willens, dafür auch das eigene Leben zu riskieren. Die geposteten Bilder der tapferen Kriegerinnen, die dem Kalifat militärisch beistehen, symbolisieren diese Vision.

Die Kämpferinnenromantik findet jedoch spätestens in Syrien ein Ende - aus den Rebellinnen werden Hausfrauen. Ausländerinnen werden zügig verheiratet. Wie Ehen unter diesen Bedingungen zustande kommen, wissen wir unter anderem aus dem Blog von "Paradiesvogel", die nach ihrer Ankunft in Syrien zunächst in einem Junggesellinnenheim wohnte. Zwei Monate nach ihrer Ankunft wurde eine Heirat arrangiert. Der Ehemann einer Freundin fand einen Kämpfer, der bereit war, sie zur Frau zu nehmen, ohne sie je gesehen zu haben. Nach vier Tagen verließ der Ehemann die frisch verliebte Gattin mit den Worten "Der Dschihad ist meine erste Frau, du bist meine zweite. Ich hoffe, du verstehst das."

Auf den Blogs und in den Einträgen von Facebook, Tumblr und Twitter verklären junge Frauen die Ehe an der Seite eines Mudschahid, eines Kämpfers für das Kalifat. "Die Liebe des Dschihad", posten sie, "bis das Märtyrertum uns scheidet." Was tatsächlich passiert, wenn der Ehemann stirbt, dürfte jenseits aller idealisierten Vorstellungen liegen. Junge Frauen werden als Zweit-, Dritt- oder Viertfrauen an andere Kämpfer weitergegeben, in Verhältnisse, die beileibe nicht romantisch sind.

Nach islamischem Recht kann der Mann die Ehefrau körperlich misshandeln, wenn er mit ihren Dienstleistungen nicht zufrieden ist, und sich problemlos wieder scheiden lassen, um sie einem neuen Mann zu überlassen. In Tunesien bezeichnet man den Dschihad al-nikah, den Heiratsdschihad, aus diesem Grund längst als Form der Prostitution. Einheimische Frauen können die Intervention ihrer Herkunftsfamilie herbeiführen, doch Ausländerinnen sind ihren Ehemännern und den patriarchalischen Machtverhältnissen schutzlos ausgeliefert. Die Gewalt in den Ehen der fremden Kämpfer sei exorbitant, erzählte jüngst eine syrische IS-Aussteigerin bei CNN, und viele Frauen landeten schwer verletzt in den örtlichen Krankenhäusern.

Wenn der Glanz des Dschihad verblasst, sehen sich die einstigen Rebellinnen mit der bitteren Einsicht konfrontiert, dass sie nicht mehr sind als rechtlose Opfer in einer brutalisierten Männerwelt.

Susanne Schröter ist Professorin für Ethnologie und leitet das Frankfurter Forschungszentrum globaler Islam.

Frankfurter Rundschau, 7. März 2015, Susanne Schröter © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.


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