Den Clustern entweicht die Luft. Die Exzellenzinitiative soll von befristeten Formen zu dauerhaften Gebilden führen. Jetzt steuert sie planlos in die nächste Runde. Den Projekten droht Lähmung. Die Zeit drängt.

Die Exzellenzinitiative hat nach weithin geteilter Meinung Schwung in die Universitäten gebracht. Deshalb geht sie 2018 in eine weitere, dritte Runde, mit gleichen Mitteln, aber nicht mehr unter gleichem Namen und in veränderter, bisher unklarer Form. So beschlossen es Bund und Länder im Herbst. Derzeit wird jedoch viel getan, diesen Schwung wieder abzubremsen und die Exzellenzstrukturen einzufrieren. Der Zeitplan ist erkennbar schief. Läuft alles wie vorgesehen, wird die Evaluationskommission unter dem Schweizer Physiker Dieter Imboden im Januar 2016 ihre Ergebnisse vorlegen. Mitte des Jahres würde über neue Förderformen entschieden, dem folgten Bewerbungen und Begutachtungen, der Beschluss fiele voraussichtlich erst im Frühsommer 2017, wenige Monate vor Auslaufen der aktuellen Runde im Oktober - viel zu spät. Die umworbenen internationalen Spitzenkräfte werden mit ihren Vertragsentscheidungen nicht so lange warten. Verhandlungen mit Wissenschaftlern und Drittmittelgebern führen die Universitäten schon jetzt aus der unbequemen Position unklarer Aussichten und immer kürzerer Laufzeiten. Den laufenden Projekten droht Lähmung.

Die Universitäten müssten diese Unsicherheit aushalten, hieß es von Seiten der Politik. Nach einem Bericht des "Tagesspiegel" ergriff jedoch die Imboden-Kommission jüngst selbst die Initiative und kündigte einen Vorbericht für Mitte des Jahres an. Auch Universitätsrektoren berichten von Beschleunigungssignalen aus der Kommission. Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz dementiert allerdings energisch, ebenso Dieter Imboden selbst. Den Universitäten bleibt in dieser Situation nichts anderes, als sich in hypothetischen Planungen einzurichten. Anträge werden vorbereitet, um sie gegebenenfalls schnell präsent zu haben. Dass auf diese Weise wenig Sinnvolles, aber viel unproduktive Arbeit entsteht, versteht sich von selbst. An der TU Dresden arbeiteten in der letzten Runde fünfhundert Wissenschaftler zwei Jahre lang an dem erfolgreichen Zukunftskonzept. In der nächsten Runde müssten ihnen, falls das Format weiter existiert, wenige Monate reichen.

Von einer dramatisch zugespitzten Lage spricht der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz, besonders für die fünf erst in der letzten Exzellenzrunde hinzugekommenen Universitäten, die ihre Zukunftskonzepte möglicherweise nach fünf Jahren wieder einpacken dürfen, ohne Bleibendes zu hinterlassen. Fünf Jahre sind für den Aufbau stabiler Strukturen viel zu kurz. Sichtbar wird das an der Humboldt-Universität an dem 2011 ins Leben gerufenen Zentrum für Lebenswissenschaften, an dem erst jetzt, so Olbertz, die Berufung der Schlüsselprofessuren anstehe. Wenn die Forschung anlaufen soll, ist die Förderung möglicherweise schon wieder abgelaufen. Die fünf betroffenen Universitäten forderten in einem offenen Brief an das Bundesbildungsministerium eine erweiterte Förderperspektive, warten aber noch, trotz positiver Signale, auf eine verbindliche Antwort.

Ein Umfeld für riskante Ideen

Die Reaktionen der Universitäten sind ambivalent. Einerseits hebt man hervor, alle Planungen so getroffen zu haben, dass Projekte nach Auslauf der Exzellenzrunde von deren Mitteln unabhängig sind. An der Exzellenzuniversität Tübingen etwa sollen alle im Exzellenzrahmen eingestellten Professoren auf frei werdende Landesstellen wechseln. Im zweiten Satz wird nachgeschoben, dass die gerade erst aufgebauten Strukturen von den Exzellenzgeldern existentiell abhängig seien. Entschiede sich die Universität zum Erhalt aus eigenen Mitteln, würde an anderer Stelle gespart. Die Länder halten sich mit Finanzierungszusagen zurück, um den Bund nicht frühzeitig aus der Verantwortung zu entlassen. Dass die Länder die Projekte nicht in gleichem Umfang weiterfördern, gilt als sicher.

Das Problem der zeitlichen Befristung bei gleichzeitigem Willen zu strukturbildenden Effekten zeigt sich am besten bei den Exzellenzclustern. Das Tübinger Exzellenzcluster für integrative Neurowissenschaften (CIN), das mit jährlich knapp sechs Millionen Euro aus den Exzellenztöpfen gefördert wird, hat mit den Geldern eine ganze Reihe neuer Arbeitsgruppen eingerichtet. Das Land hat versprochen, die Finanzierung bei positiver Evaluierung zu 25 Prozent fortzusetzen. Was zu wenig wäre, um, wie vorgesehen, fünfzig Prozent der Nachwuchsgruppenleiter dauerhaft zu beschäftigen. Fielen die Exzellenzgelder weg, bekämen die Wissenschaftler zwar Verträge, aber keine oder völlig unzureichend ausgestattete Labore, befürchtet Cluster-Sprecher Hans-Peter Thier, Professor für kognitive Neurologie.

Was das Cluster im Sinn des Exzellenzkonzepts an internationalen Kooperationen und außeruniversitären Verbindungen aufgebaut hat, stünde wieder zum Disposition. Die wichtige Brücke zur Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, mit dem das Cluster ein Kernspintomographiezentrum betreibt, bräche laut Thier wieder ein. Verloren ginge auch der Anschluss an die Hochleistungsmikroskopie, in der sich in den Neurowissenschaften derzeit eine regelrechte Revolution abspielt. Die teuren, wartungsintensiven Geräte lassen sich aber von keinem einzelnen Institut betreiben. Internationalität und Interdisziplinarität sind nicht in jedem Fall ein Popanz zur Beruhigung der Geldgeber, in manchem Fall führen sie zu dichtverwachsenen Formen.

In den Worten des Physikers Jochen Feldmann, Sprecher des Exzellenzclusters Nano Initiative an der LMU München, erscheint das Custer auf ganz selbstverständliche Weise als dauerhaftes Gebilde. Auch die Münchner Nano Initiative pflegt Kooperationen mit Nanozentren in Asien und den Vereinigten Staaten, die bereits heute Schaden nähmen. Industrielle Kooperationen seien bei einer sicheren Laufzeit von zweieinhalb Jahren kaum noch zu vermitteln. Neue Doktoranden könne man bei einer Restlaufzeit von 2,5 Jahren schon gar nicht mehr fördern. Gravierend wäre für Feldmann vor allem der Verlust der einzigartigen Dynamik des Clusters als Ideengenerator. Außerhalb dieses Rahmens, in dem auch spontane, riskante Ideen gefördert werden, würden viele Projekte gar nicht entstehen.

Institutionelle Pioniere

Im Fall der Geisteswissenschaften, die keine teuren Infrastrukturen hinterlassen, stellt sich die Frage leichter, warum befristete Projekte nach zehn Jahren nicht wieder in den Fachdisziplinen aufgehen sollten. Der Sprecher des Frankfurter Exzellenzclusters für Normative Ordnungen, der Rechtsphilosophieprofessor Klaus Günther, verweist auf die notwendige Zeit beim Wachstum eines so integrativen Gebildes wie des Frankfurter Clusters, das heute von der Bankenregulierung über den religiösen Toleranzdiskurs bis zu Fragen des geistigen Eigentums in fast allen laufenden Debatten auskunftsfähig ist. Es sind aber vor allem institutionelle Kriterien, aus denen Günther das dauerhafte Existenzrecht des Clusters ableitet: seine Pionierrolle bei der Einführung von Dual-Career-Modellen und beim Abbau institutioneller Hierarchien, ablesbar an den vorher nur schwer denkbaren Kooperationen mit den Max-Planck-Instituten für Völkerrecht und Rechtsgeschichte.

Das Frankfurter Bild gleicht dem Münchner und Tübinger. Vertragsverhandlungen werden schwieriger. Forscher orientieren sich anders. "Wichtig wäre uns eine Perspektive, mit der man arbeiten kann", sagt Günther, "Wir befürchten, dass eine Weile nichts geschieht und dann in kürzester Zeit Anträge geschrieben werden müssen."

Dass bald etwas geschehen müsse, forderte auch DFG-Präsident Peter Strohschneider in seiner Neujahrsansprache, die eine Art Auftakt zur Debatte über das Schicksal der Exzellenzinitiative war. Strohschneiders Vorschlag, die Exzellenzcluster in der nächsten Runde zu Exzellenzzentren auszubauen und dabei die Kooperationen mit der außeruniversitären Forschung zu nutzen, liegt in der Nähe anderer Überlegungen zu Profiluniversitäten oder ganzer Forschungsregionen. Dazu muss der in der Wissenschaft wenig beliebte Vorschlag der Bildungspolitiker vom Tisch, den Wettbewerb in die Breite zu tragen. Massenexzellenz trägt den Widerspruch schon im Namen und gilt als Einfallstor für politisches Proporzdenken in das bisher vorbildlich an wissenschaftlichen Kriterien ausgerichtete Verfahren. Allgemein begrüßt werden längere Laufzeiten. Weniger Anträge, Gutachten, Leistungsberichte können für die Konzentration auf die Forschung nur vorteilhaft sein. Der Dresdner Rektor Hans Müller-Steinhagen empfiehlt für die nächste Runde auch kleinere Budgets zur Organisationssteuerung. Es ist ein Verdienst der Exzellenzinitiative, den schweren Tanker Universität wendiger gemacht zu haben. Momentan fehlt es ihm weniger an Reformideen als an einer verlässlichen Kursvorgabe.

THOMAS THIEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. März 2015, Thomas Thiel © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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