Und was soll jetzt aus dem Bösen werden? Leben in einer Welt ohne göttlichen Schöpfungsplan: Ein Handbuch zum Thema Religion und Säkularisierung

Ist die säkulare Moderne nichts als ein Plagiat jüdischer und christlicher Weltbilder und Weltordnungsideen? Dies zu unterstellen, warf Hans Blumenberg den Säkularisierungstheoretikern seiner Zeit vor. Standhaft hielt er ihnen seine These von der Originalität - und deshalb Legitimität - der Neuzeit entgegen, deren Genese er eben nicht als Transformation religiöser beziehungsweise theologischer Begriffe, Überzeugungen und Praktiken in säkulare beschrieb, sondern als einen Vorgang der Vernichtung religiöser Illusionen in einem Akt menschlicher Selbstbehauptung. Der Wille, sich keinem göttlichen Schöpfungsplan mehr zu unterwerfen, setzte die Menschen zwar auch im säkularen Zeitalter nicht in den Stand, die ganz großen Fragen (nach dem Sinn des Lebens und Leidens) abzuschaffen. Abgeschafft aber wurden die Antworten.

Und so steht die säkulare Moderne zu Beginn des einundzwanzigstenn Jahrhunderts etwas ratlos vor dem Erbe der Religionen, das dann doch nicht auf dem Schrottplatz der Geschichte gelandet ist. Dass die Frage nach ,Religion und Säkularisierung' vielmehr weiter aktuell und die Suche nach Antworten ungebrochen kontrovers ist, zeigt das von den katholischen Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt und Annette Pitschmann herausgegebene interdisziplinäre Handbuch mit dem gleichlautenden Titel.

Der Band berücksichtigt theologische und philosophische Perspektiven ebenso wie soziologische, politik- und kulturwissenschaftliche. Im breiten Fächerreigen vermissen wird man die Geschichtswissenschaft, die weitgehend der Geschichtsphilosophie und ihren Spekulationen den Platz überlassen muss.

"Konzepte", "Kategorien", "Konflikte" - so sind die drei Teile überschrieben, die das Gerüst des Bandes bilden. Unter dem ersten der drei ,K' findet man erwartungsgemäß die in der Debatte weithin bekannten Namen, wie Durkheim und Weber, Habermas, Luhmann, Berger, Luckmann, Casanova. Doch wird man erfreulicherweise auch einigen weniger umfänglich rezipierten Autoren begegnen - wie zum Beispiel dem eingangs erwähnten Hans Blumenberg. Dessen Projekt, die Eigenständigkeit der Moderne nachzuweisen, wird von Michael Moxter nicht nur ausführlich referiert, sondern auch ideengeschichtlich kontextualisiert. Für den kanadischen Sozialphilosophen Charles Taylor, dem Michael Kühnlein ein Kapitel widmet, ist Blumenberg ein Paradebeispiel für jene Religionshistoriographie, die das sakuläre Zeitalter schlicht als Ergebnis einer "Subtraktion" des Religiösen aus der Geschichte der Menschen auffasst. Ob Taylor mit dieser Einschätzung richtigliegt, wird man diskutieren können. Taylor selbst liefert jedenfalls eine andere Erzählung: Indem er den epochalen Wandel, den das säkulare Zeitalter einleitet, als einen Wandel der Erfahrungsbedingungen des Glaubens ebenso wie des Nichtglaubens beschreibt, erzählt er die Geschichte der Säkularisierung jenseits der Alternative von Fortschritt und Verfall.

In die Riege der ,Väter' der Debatte (Weber, Durkheim) wird auch Ernst Troeltsch eingereiht. Seine Rekonstruktion der religionsgeschichtlichen Bedeutung des Christentums und besonders des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt und die Dynamik der europäischen ,Kultursynthese' wird hier aber nicht in den Kontext seiner "Fachmenschenfreundschaft" mit Weber gestellt. Joerg Dierken ordnet Troeltschs Entwurf vielmehr in einen ideengeschichtlichen Zusammenhang mit Hegels geschichtsphilosophischem Verständnis von Säkularisierung als Verwirklichung des Christlichen im Weltlichen sowie mit Karl Löwiths Deutung des modernen Fortschrittsgedankens als säkularisierter Gestalt christlicher Eschatologie ein. Erfreulich ist auch die Aufnahme der religionstheoretischen Überlegungen der amerikanischen Pragmatisten William James und John Dewey, die (wie Annette Pitschmann nachzeichnet) argumentieren, dass die Religion "nicht trotz, sondern genau aufgrund der Voraussetzungen der Moderne Bestand haben kann". Auch einige Gegenwartsanalytiker finden Berücksichtigung, so Martin Riesebrodts These von der Rückkehr der Religionen und Detlef Pollacks empirisch fundiertes Festhalten am Säkularisierungsparadigma (Julien Winandy).

Von den insgesamt vierzehn "Konzepten" geht es weiter zu den "Kategorien". Siebzehn Einträge haben die Autoren in diesem zweiten Teil des Bandes versammelt. Manche Stichworte erwartete man, andere überraschen und öffnen ungewohnte Perspektiven auf das Thema: Was wird im säkularen Zeitalter aus dem ,Bösen'? Welches Schicksal ereilt das ,Heilige'? Auch ,Fortschritt', ,Moderne', ,Freiheit', ,Öffentlichkeit' (nicht allerdings Privatheit), ,Religiosität' (nicht aber Religion) werden erläutert. Die Beiträge liest man durchgängig mit Gewinn, doch hinterlässt dieser Teil den Eindruck einer gewissen Willkür in der Auswahl der Kategorien, die teils (wie etwa ,Toleranz' und ,Rationalität') auf unterschiedlichen Ebenen liegen und ganz verschieden mit dem Titelthema verknüpft sind.

Im dritten Teil des Bandes (zu "Konflikten") taucht gleich zweimal das Titelstichwort Säkularisierung wieder auf: In dem Eintrag "Säkularisierung und Weltgesellschaft" stellt Michael Reder die Religionen als globale Akteure par excellence dar, die der Globalisierung nicht nur ausgeliefert sind, sondern diese ihrerseits aktiv gestalten. Karsten Schmidt dekonstruiert in seinem Beitrag "Säkularisierung und die Weltreligionen" beide Begriffe, indem er zeigt, wie eng sie eingewoben sind in die mit dem Christentum tief verwachsene europäische Geschichte. Als historische (und neuerdings teils wieder aufbrechende) Konfliktfelder ersten Ranges kommen "Glauben und Wissen" und "Religion und Wissenschaft" in den Blick. Mit den Einträgen "Religion und Menschenrechte" sowie "Religion und säkularer Rechtsstaat" werden schließlich zwei gegenwärtig höchst virulente Konfliktfelder vermessen; die Erörterung bleibt hier allerdings sehr im Grundsätzlichen.

Der Band bietet einen guten und breiten Überblick über die Debatten und Fragen, die sich im Spannungsfeld von Religion und Säkularisierung nicht erst der Gründergeneration der Religionssoziologie gestellt haben. Das säkulare Zeitalter, in dem wir - seit wann eigentlich? - leben, hat diesen Fragen ihre Dringlichkeit nicht genommen und keine Antworten geben können, die alle zu überzeugen vermöchten. Das aber gehörte auch nicht zu seinen Versprechungen.

ASTRID REUTER

"Religion und Säkularisierung". Ein interdisziplinäres Handbuch. Hrsg. von Thomas M. Schmidt und Annette Pitschmann. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2014. 380 S., geb., 59,95 [Euro].

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. April 2015, Astrid Reuter © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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