Vom Burnout und so. Neue Vortragsreihe heißt Offenbach Goethe Lectures

Von Madeleine Reckmann

Wer sich erschöpft fühlt und nahe am Burnout, dem sei der erste Vortrag der neuen Vortragsreihe Goethe Lectures Offenbach angeraten. Vielleicht kommt er dort zu der Erkenntnis, dass es sich bei der Seelenpein nicht um ein individuelles Unwohlsein oder eine Fehlleistung handelt, sondern um ein gesellschaftliches Phänomen.

Natürlich ist der Vortrag - wie die gesamte Reihe auch - auch für die sich gesund und wohl fühlende Bürgerschaft offen. Die Reihe wurde von dem Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" an der Goethe-Universität Frankfurt mit der Stadt Offenbach konzipiert und hat zum Ziel, den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft mit Fokus auf die Rhein-Main-Region voranzutreiben. Das Exzellenzcluster ist ein Forschungsverbund von Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaftlern, das die weltweiten gesellschaftlichen Umbrüche untersucht.

"Wir brauchen den Wissenstransfer, die öffentliche Teilhabe und Diskussion", erklärt Rebecca Caroline Schmidt, Geschäftsführerin des Exzellenzclusters. Dafür treten die Professoren aus ihrem Elfenbeinturm heraus und vor ein breites Publikum hin. In Offenbach präsentiere der Cluster seine Formate gerne, weil es ein besonders interessanter Standort sei. Die Vorreiter-Vorlesung im Sommer 2013 von Klaus Günther, Co-Sprecher des Exzellenzclusters und Professor der Rechtstheorie, hatte den Saal im Klingspor-Museum mit rund 80 Besuchern bereits gut gefüllt. "Über 70 Prozent der Mitarbeiter in der Offenbacher Kreativwirtschaft haben einen universitären Abschluss", sagt Wirtschaftsförderer Jürgen Amberger. Die meisten, 27 Prozent, hätten ihren Abschluss in Frankfurt gemacht. "Wir nutzen die Vernetzung, um an wichtige Themen heranzuführen." Wobei Schmidt und Günther davon ausgehen, dass etliche Frankfurter die Reise nach Offenbach antreten. Für dieses Jahr sind vier Vorlesungen vorgesehen. Die Reihe soll 2016 fortgeführt werden.

Soziologieprofessor Sighard Neckel, der das Thema Burnout behandelt, sprach für seine Forschungen mit vielen statushöheren Männern zwischen 40 und 50 Jahren aus dem Frankfurter Bankensektor und beobachtete bei ihnen oft Zusammenbrüche. Seiner Auffassung nach sind die Erschöpfungszustände auf die Veränderungen in der Berufswelt zurückzuführen. "Die Berufstätigen sehen sich ständigen Bewährungsproben ausgesetzt", sagt er, weil die Arbeitsverträge befristet sei und der Konkurrenzdruck aufgrund der elektronischen Vergleichsmöglichkeiten zunehme. Sogar das Privatleben sei von "Effizienzorientierung" und "Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung" bestimmt. Gastgeber Stefan Soltek, Leiter des Klingspor-Museums, kündigt an, jeweils ein Stück aus der Schriftkunstsammlung mit Bezug zum Thema zu zeigen. Zum Pressetermin hatte er einen Holzschnitt von Frans Masereel parat von einem Sitzenden, der den Kopf verzweifelt in die Hände stützt. Kunst ist eben immer ein geeignetes Mittel, um aus der Effizienzspirale herauszutreten.

Kasten:
DAS PROGRAMM
Am Donnerstag, 21. Mai, spricht der Soziologieprofessor Sighard Neckel über "Burnout. Das
gesellschaftliche Leid der Erschöpfung".    
Am Dienstag, 23. Juni, widmet sich der Rechtswissenschaftler Matthias Kettemann dem Thema "Wer hat die Macht im Internet?"
Am 12. Oktober geht es um die Schriftentstehung in Ägypten und Mesopotamien. Annette Imhausen, Professorin für Wissenschaftsgeschichte, spricht.
Am 26. November behandelt der Wirtschaftswissenschaftler Manuel Wörsdörfer das Thema: "Banken und Menschenrechte - Zwischen Anspruch und Wirklichkeit."
Die Vorlesungen finden im Klingspor-Museum, Herrnstraße 80, in Offenbach, statt und beginnen
jeweils um 19 Uhr. Alle Vorträge sind kostenfrei. mre

Frankfurter Rundschau, 15. Mai 2015, Madeleine Reckmann © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.


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