Sterben für unsere Werte. Auftakt der Frankfurter Hausgespräche im Goethehaus

Der christliche Begriff des Märtyrers ist in Verruf geraten, seit sich muslimische Selbstmordattentäter mit ihm schmücken. Dabei war der traditionelle "Blutzeuge" stets nur bereit, selbst für seinen Glauben und seine Werte in den Tod zu gehen. Sind wir heute dazu fähig, mit Leib und Leben für unser Grundgesetz einzustehen und für das Gründungsnarrativ unserer Gesellschaft das Ende der eigenen Existenz in Kauf zu nehmen? Dieser Frage sah sich der Besucher im Frankfurter Goethehaus ausgesetzt, in dem die europäischen Werte hinterfragt wurden. Kaum hatte Hausherrin Anne Bohnenkamp-Renken die Auftaktdiskussion der diesjährigen Frankfurter Hausgespräche zum Publikum hin geöffnet, da lenkte Joachim Valentin, Leiter des Hauses am Dom und Mitveranstalter der Reihe, die Aufmerksamkeit auf jene "Werte, für die es sich zu sterben lohnt".

Sterben? Für Europas Werte? Ist Europa das wert? Ein ziemlich großspuriges Thema haben sich die vier Frankfurter Häuser, zu denen auch das Literaturhaus und das Holzhausenschlösschen sowie als fünfte im Bunde die Stiftung Polytechnische Gesellschaft zählen, mit ihrem diesjährigen Leitwort "Europas Werte - Europas Wert" vorgenommen. Mit Marcus Willaschek, Philosoph an der Frankfurter Goethe-Universität, saß ein Kantianer und Verfechter des moralischen Imperativs auf dem Podium. Neben ihm brach Susanne Schröter, Ethnologin und Kollegin im Forschungsverbund "Normative Ordnungen", eine Lanze für die Werte nichteuropäischer Kulturen. Der Komparatist Daniel Weidner, stellvertretender Direktor des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin, dümpelte vor allem im Abstrakten, wo Schröter meist konkret auf den Punkt kam und Willaschek differenzierte.

Was sind Werte? "Moralische Werte sind das, was gut ist", definierte der Philosoph. Später wurde der Kanon erweitert durch den ästhetischen Wert (was schön ist) und den ökonomischen Wert (was nützlich ist). "Aber wer definiert, was wertvoll ist?", fragte Schröter ketzerisch dazwischen. "Für wen gelten die Werte? Wer kann sie sich leisten?" Der politische Hegemon? Die Eliten? Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hätten europäische Werte in Iran hoch im Kurs gestanden. Seit der autokratischen Herrschaft des Schahs jedoch hätten sich die Iraner von westlichen Werten wie Toleranz und Bürgerrechten "vergiftet" gefühlt. Frauenrechte seien auch bei uns noch nicht alt, erinnerte sich Bohnenkamp-Renken. "Und wie sind Werte und Rechte miteinander verschränkt?", wollte Schröter wissen.

Was ist überhaupt ein Grundwert? Weidner: "die Freiheit". Und ein Menschenrecht? Weidner: "die Unverletzlichkeit der Person". Bohnenkamp war als Moderatorin nicht zu beneiden. Aber es gelang ihr immer wieder, das begriffliche Knäuel zu entwirren und neue Fährten zu legen. Etwa mit der Frage, wie sich universelle Werte zu partikularen verhalten. Willaschek sieht "Schnittmengen". Ohne einen solchen gemeinsamen Nenner gäbe es auch keine Basis für die Weltliteratur und ihre Übersetzungen, sagte Bohnenkamp, verwies aber auf Herder und Humboldt, denen bewusst gewesen sei, wie viel beim Übersetzen verlorengehe. Gibt es eine Schnittmenge auch mit der Türkei, fragte sich Weidner: "Europa redet mit zwei Zungen, einer säkularen und einer christlichen."

Da hat die Türkei schlechte Karten. Aber die Frage nach den Werteverhältnissen stelle sich auch im Inneren Europas, sagte Bohnenkamp, und verwies auf die muslimischen Neubürger. "Ein kleinster gemeinsamer Nenner reicht nicht für eine politische Gemeinschaft", entgegnete Willaschek. Dafür seien eine große Schnittmenge und Rückhalt in der Bevölkerung nötig. Schröter forderte neben Toleranz auch Respekt vor anderen Kulturen, Weidner appellierte an unser historisches Gedächtnis. Aber Valentin wollte die europäischen Werte nicht kulturhistorisch relativieren lassen: "Was soll in Europa gelten, nachdem die Werte der Aufklärung durch den Kolonialismus desavouiert worden sind?" Unverzichtbare Werte und europäische Doppelmoral blieben ungeklärt.

CLAUDIA SCHÜLKE

Das zweite Frankfurter Hausgespräch beginnt heute um 19.30 Uhr. Im Frankfurter Literaturhaus diskutieren der Publizist Mark Terkessidis und die "Spiegel"-Redakteurin Melanie Amann über "Eine Theorie der Kollaboration".


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Mai 2015, Claudia Schülke © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.


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