Sieg für die "Quants"

Braucht die Volkswirtschaftslehre mehr Mathematik oder mehr Politik? An der Goethe-Universität ist der Richtungsstreit längst entschieden. Diskutiert werden darf trotzdem.

von Sascha Zoske

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Februar 2010

Hier die "Armchairs", da die "Quants": So etikettiert Jan Pieter Krahnen die Parteien im Richtungsstreit der Volkswirtschaftslehre. Die Sesselsitzer, das sind für den Frankfurter Finanzprofessor Theoretiker, die ihre Ansichten zum Wesen der Wirtschaft ex cathedra verkünden, ohne sie mit Daten aus dem wahren Leben zu untermauern. Ihnen stellt er die quantitativ arbeitenden Forscher gegenüber, die Warenströme und Geldflüsse mit mathematisch-statistischen Methoden analysieren.

Als Experte für das Kreditwesen gehört Krahnen eigentlich zu den Betriebswirten. Das hindert ihn aber nicht daran, sich auch zur Lage der Volkswirtschaftslehre (VWL) zu äußern, zumal die Grenzen zwischen beiden Disziplinen mehr und mehr verschwimmen. Anlass, Position zu beziehen, gab ihm eine Erklärung von 83 VWL-Professoren, die im vergangenen Jahr in dieser Zeitung erschienen war - vor dem Hintergrund von Plänen der Universität Köln, ihre Lehrstühle für Wirtschaftspolitik umzuwidmen. Ohne dieses Vorhaben ausdrücklich zu erwähnen, warnten die Unterzeichner des Aufrufs davor, die wirtschaftspolitische Lehre von den Universitäten zu verdrängen. Über der Begeisterung für logisch stringente Theorien, wie sie derzeit en vogue seien, dürften Forscher nicht die gesellschaftlichen Realitäten aus den Augen verlieren, die ökonomisches Handeln bestimmten.

Auf diese Erklärung reagierten 188 Wissenschaftler, darunter auch Krahnen, im "Handelsblatt" mit einem Gegenaufruf. "Baut die VWL nach internationalen Standards um!", lautete ihre Parole: Die deutsche Volkswirtschaftslehre könne nur dann Anschluss an die Weltspitze halten, wenn sie die hierzulande übliche Trennung von Wirtschaftspolitik und Wirtschaftstheorie aufhebe.

Krahnen will seine Unterstützung für jene Stellungnahme keinesfalls so interpretiert wissen, dass er es für unwissenschaftlich oder unzeitgemäß halte, sich mit Wirtschaftspolitik zu beschäftigen. Aussagen hierzu müssten aber auf Daten basieren - alles andere sei eben "Armchair"-Ökonomie.

Auch Rainer Klump bittet darum, ihn nicht misszuverstehen. Der Vizepräsident der Goethe-Universität und frühere Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften hat sich seinerzeit dem Aufruf in der F.A.Z. angeschlossen. Das heiße nicht, dass er etwas gegen rechnende Volkswirte habe: "Die Statistik ist ein wichtiges Rüstzeug, und ich selbst verwende auch mathematische Methoden." Er wolle aber seine Kollegen davon abhalten, sich aus der Diskussion mit Geistes- und Sozialwissenschaften zurückzuziehen. Der Dialog mit diesen Disziplinen sei zum Beispiel für die Analyse der Finanzkrise unverzichtbar. Hier könne man aus der Geschichte lernen; große ökonomische Erschütterungen habe es schließlich schon früher gegeben. Ebenso wie den Blick in die Historie brauche die VWL Sensibilität für das Soziale, meint Klump. "Die Kernfrage ist doch: Sieht sich die Ökonomie nur als Wissenschaft der Effizienz, oder will sie sich auch mit dem Thema Gerechtigkeit beschäftigen?"

Dies ist das Maximum an Zuspitzung, das sich Klump entlocken lässt. In Fundamentalopposition zu den "Quantitativen" in seinem Fachbereich will er sich nicht begeben. Was wohl auch daran liegt, dass der Richtungsstreit in der VWL an der Frankfurter Universität im Grunde längst entschieden ist. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hat sich dort nach Krahnens Eindruck der methodische Ansatz durchgesetzt, und die starke Orientierung auf die finanzbezogene Forschung drängt Disziplinen wie Wirtschaftspolitik und -geschichte weiter an den Rand. Nicht aber ins Abseits, wie Klump meint: Er verweist auf seinen eigenen Lehrstuhl, die neue Messe-Frankfurt-Stiftungsprofessur für Internationale Wirtschaftspolitik, und Kollegen wie den renommierten Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe - der allerdings zum Fachbereich Geschichtswissenschaften gehört.

Die Frankfurter Studenten jedenfalls würden sich gern noch gründlicher mit den Beziehungen zwischen Ökonomie und Gesellschaft befassen, wenn man Fachschaftssprecher Marco Keidel glauben darf. Er findet es bedauerlich, dass es am Fachbereich immer weniger qualitativ orientierte Professuren gebe: "Empirie ist wichtig, aber sie ist nicht alles." VWL-Professor Klump wie auch Dekan Alfons Weichenrieder beteuern, dem Wunsch nach mehr wirtschaftspolitischer Lehre entsprechen zu wollen. Man sei sich im Fachbereich weitgehend einig, dass dieser Gegenstand ins Curriculum des Bachelorstudiums gehöre, sagt Klump.

Einschätzungen dazu, wie viel Wirtschaftspolitik die VWL an der Goethe-Universität braucht, mag sich auch mancher Teilnehmer der Podiumsdiskussion am vergangenen Freitag erhofft haben. Der Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", an dem auch Klump als Forscher beteiligt ist, hatte zum Disput über "Normen in der Volkswirtschaftslehre - Normen des volkswirtschaftlichen Curriculums" eingeladen. Doch um Lehrinhalte ging es dabei kaum. Vielmehr nutzten die Initiatoren der beiden Zeitungsaufrufe die Gelegenheit, um klarzustellen, was sie seinerzeit zum Ausdruck bringen wollten - und was nicht.

Roland Vaubel, Professor für Politische Ökonomie an der Universität Mannheim, machte deutlich, dass die Verfasser der F.A.Z.-Erklärung nichts gegen Mathematik und Statistik hätten. Es sei ja gerade die "mühsame Kleinarbeit" empirischer Forscher, die gegenüber den "kunstvollen logischen Ableitungen" der Modell-Ökonomen ins Hintertreffen zu geraten drohe. Für die "Handelsblatt"-Fraktion nahm im Gegenzug Rüdiger Bachmann in Anspruch, ihre Anhänger wehrten sich nicht gegen die Beschäftigung mit Wirtschafts- oder Normengeschichte. Ebenso wenig lehne man es ab, sich mit Gerechtigkeitsfragen auseinanderzusetzen, sagte der Professor der University of Michigan. Es sei aber auch von Wissenschaftlern dieser Fachrichtungen zu erwarten, dass sie die "Sprache der Mathematik und Ökonometrie" beherrschten.

Dem widersprach Nils Goldschmidt nicht. Der VWL-Professor an der Universität der Bundeswehr hält allerdings noch eine andere kommunikative Fähigkeit für unerlässlich. "Wirtschaftspolitik ist Gesellschaftspolitik", meint der frühere Mitarbeiter am Freiburger Walter-Eucken-Institut. Eine Ökonomik, die für die Gesellschaft relevant sein wolle, müsse daher "die Sprache der Gesellschaft sprechen". Es dürfe kein Student die Universität verlassen, der nicht gelernt habe, Wirtschaftsthemen allgemeinverständlich zu vermitteln, so Goldschmidt. Ob ein Bachelorstudium den angehenden Ökonomen genug Raum lässt, diese Fertigkeit zu erwerben, wurde nicht erörtert.

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