Wo bleibt die Relevanz?

Die deutschen Ökonomen streiten weiter über ihr Fach

von Philip Plickert

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Februar 2010

Im Streit der deutschen Volkswirte sind harte Worte gefallen - bis hin zur wüsten Beschimpfung als "Steinzeitökonom" für jene, die gegen die Verdrängung von Lehrstühlen für Wirtschaftspolitik protestierten. Nun aber scheint der erbitterte "Methodenstreit" in ein höflich-kritisches Gespräch zu münden - obwohl sich die Wortführer der Debatte erstmals nach einem Jahr zu einem direkten Duell an der Goethe-Universität in Frankfurt getroffen haben. In der Sache bleiben die Lager aber hart.

Will man dem Gegner sagen, er forsche im realitätsfernen Elfenbeinturm und scheue die praktischen wirtschaftspolitischen Fragen, so diagnostiziert man ein "Prinzipal-Agenten-Problem": Die Öffentlichkeit ist der Prinzipal (Auftraggeber), die Wissenschaftler sind eigentlich ihre Agenten (Auftragnehmer) - doch sie machen etwas ganz anderes, als die Öffentlichkeit gerne hätte. Auf diese Formel bringt Roland Vaubel, Professor in Mannheim, seine Kritik an der Ökonomenzunft. Sie sei auf Abwege geraten, weil die Anreize verzerrt seien in Richtung formal-logischer Spielereien, die sich in den Wissenschaftsjournalen gut verkaufen ließen, doch zur Lösung konkreter Probleme wenig beitragen. So steht es in dem Aufruf "Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten" von 83 deutschen VWL-Professoren, den Vaubel mit verfasst hat.

Im Hintergrund stand auch die Debatte über eine Neubesetzung von Lehrstühlen an der Universität zu Köln. Dem ersten Aufruf folgte bald ein Gegenaufruf "Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!", initiiert von den in Amerika tätigen Ökonomen Harald Uhlig und Rüdiger Bachmann, den 188 Professoren und Assistenten unterzeichneten. Die alte Trennung in Lehrstühle für Wirtschaftstheorie und -politik sei überholt. Schnell kam die Warnung vor einem "deutschen Sonderweg" auf.

Die Wogen gingen hoch her - und die Diskussion an der Goethe-Universität, bei der Vaubel und Bachmann erstmals direkt aufeinandertrafen, hätte auch in ein wüstes Streitgespräch ausarten können. Doch beide Seiten waren um verbale Abrüstung bemüht. Vaubel trug mit ruhiger Stimme seine Kritik vor. Bachmann widersprach zwar, zuletzt konnte er aber "gar keinen Dissens in der Zielsetzung" mehr erkennen. Er wolle keineswegs formal-logische Stringenz auf Kosten von Relevanz. Allerdings müsse der Nachwuchs stärker technisch ausgebildet werden.

Der Kölner Ökonom Carl-Christian von Weizsäcker betonte, wie die Globalisierung die VWL verändert habe. "Es gibt eine immer stärkere wissenschaftliche Arbeitsteilung und eine immer stärkere Spezialisierung in der Forschung." Abgesehen von "ganz großen Geistern", könne niemand mehr allgemein über Wirtschaftspolitik forschen. "Und es gibt mehr Lehrstühle als große Geister", fügte Weizsäcker hinzu. Früher habe es an den deutschen Universitäten zu oft provinziellen Protektionismus gegeben, wo die Schüler eines bekannten Professors und nicht die Besten berufen wurden.
"Diese Zeit der Ordinarien-Universität ist doch schon lange vorbei", widersprach Bert Rürup, der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats. "Hätte es diesen ganzen Ökonomenstreit gebraucht?" Die Unterschiede seien doch nur graduell, meinte Rürup. Wie Vaubel sieht er aber auch eine problematische Verzerrung der Anreize für junge Forscher: "Man muss drei Aufsätze in die großen amerikanischen Journale unterbringen, damit man eine Professur bekommt, aber manche Themen, spezifisch deutsche wirtschaftspolitische Fragen, kommen in diesen Journalen nicht vor." Etwa eine detaillierte Untersuchung über das deutsche Gesundheitssystem und die kassenärztlichen Vereinigungen würde dort nie veröffentlicht.

Das stimme wohl, gab Nicola Fuchs-Schündeln zu, die von Harvard nach Frankfurt gewechselt ist. Solche Themen würden nur in deutschen Fachzeitschriften behandelt, und Publikationen dort seien "nicht karriereförderlich". Sie widersprach jedoch dem Eindruck, dass amerikanische Ökonomen bloß stark in der Theorie seien, aber keine praktische Wirtschaftspolitik betrieben. "Sozialwissenschaftler mit Leib und Seele möchten natürlich in die politische Debatte eingreifen", betonte sie. Notwendig sei dafür auch die Kenntnis der konkreten Institutionen. Der Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn hatte einen Mangel an Institutionenwissen beklagt. Mehr den gesellschaftlichen Kontext zu beachten, forderte Nils Goldschmidt, der an der Universität der Bundeswehr in München lehrt und als junger Vertreter der Ordnungsökonomik gilt. Die VWL solle die Ökonomie nicht isoliert betrachten. "Unsere Frage sollte doch sein: Wie kann die Wirtschaftsordnung gestaltet sein, dass sie ihren Mitgliedern ein gutes Leben ermöglicht." Er wünsche sich dazu mehr Wettbewerb der Forschungsmethoden.

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