Immerhin sehr, sehr schlimm

Das war die Wirtschaftskrise: Eine Podiumsdiskussion

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. März 2010

"Man muss den Kapitalismus abschaffen!", ruft ein Mann im Publikum. Ein anderer: "Ackermann hat die Hypo Real Estate wie eine Marionette ausgenutzt!" "Der Euro ist schuld", weiß ein Dritter. Die Zuhörer der Podiumsdiskussion im Frankfurter Kunstverein sind aufgebracht, Moderator Peter Siller freut sich über die lebhafte Beteiligung.

Siller ist Geschäftsführer des Exzellenzclusters "Normative Ordnungen" an der Goethe-Universität. Der Forschungsverbund, der sich mit der Entstehung von Normen befasst, hat die Diskussion an diesem Donnerstagabend organisiert. Das erste von vier "Stadtgesprächen" befasst sich mit der Wirtschaftskrise und den Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind. Neben Siller auf dem Podium sitzen der Grünen-Bundestagsabgeordnete und frühere Stadtkämmerer Tom Koenigs sowie Reinhard Schmidt, Professor für Internationales Banken- und Finanzwesen an der Goethe-Universität.

Siller will wissen, ob die Krise denn nicht viel weniger dramatisch ausgefallen sei, als alle gemeint hätten. Schmidt hebt die Augenbrauen. Früher sei ein Wachstumsrückgang von 0,3 Prozent Spitzenthema in den "Tagesthemen" gewesen. Die Krise habe einen Absturz um ganze fünf Prozent gebracht. Es sei vielleicht nicht "sehr, sehr, sehr schlimm" gekommen. Aber doch immerhin "sehr, sehr schlimm". Dann geht es um die Buchstabenfrage. Beschreibt die Konjunkturkurve ein V - tiefer Einbruch, schneller Aufstieg -, ein W, bei dem ein zweiter Absturz bevorsteht, oder gar ein L, bei dem die Wirtschaft im Keller bleibt? Schmidt antwortet diplomatisch und hoffnungsvoll: Es werde wohl ein U. Eine langsame, aber stetige Erholung.

Den Politiker Koenigs interessiert anderes: Wer waren die Verantwortlichen, wie lässt sich eine Wiederholung verhindern, wer muss für alles aufkommen? Am schlimmsten ist für Koenigs, dass sich die soziale Schere durch die Krise weiter geöffnet habe, national wie global. Man habe die "Golden Hour", die Gelegenheit zu einem Lastenausgleich in Deutschland und der Welt, nicht zu nutzen verstanden. Für eine demokratische Gesellschaft entstünden hier massive Schwierigkeiten.

Der Abgeordnete erinnert daran, dass die Finanzkrise nur eines von drei Problemen sei, die die gesamte Menschheit beträfen: Klimawandel und Hunger kämen noch dazu. Koenigs runzelt oft die Stirn, zeigt sich besorgt, betroffen, aber auch streitbar. Das Publikum klatscht.

Bevor die Diskussion für Beiträge aus dem Publikum geöffnet wird und die lauten Zwischenrufe das Niveau deutlich nach unten ziehen, geht es noch um Derivate, um Subprime-Darlehen, um Aufsicht, Transparenz, Binnen- und Außenschulden, um teilweise sehr komplexe Finanzfragen. Schmidt manövriert mit größter Selbstverständlichkeit und, für den Laien, sehr nüchtern und unpolitisch durch dieses Terrain. Siller und Koenigs lauschen ebenso gespannt wie das Publikum. Viele Fragen bleiben nach der zweistündigen Sitzung offen, der Beifall am Ende aber zeugt davon, dass nicht nur Moderator Siller den Abend gelungen fand.

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