Erhebt euch, Mitbestimmer aller Länder! Empörung über den Kapitalismus genügt nicht, die Gesellschaft braucht wieder einen Sinn für die richtige Richtung: Axel Honneth weiß, wo man sich munitioniert - beim Sozialismus.

Von Jürgen Kaube

Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth möchte die Idee des Sozialismus wiederbeatmen. Das scheint verwegen. Sind doch einerseits ziemliche viele Schulden auf die Utopie einer Gesellschaft gemacht worden, in der alle Anstrengungen auf soziale Gleichheit zielten. Ob man den Ruin des Sowjetimperiums und der verbundenen Experimente in Staaten der Dritten Welt dabei auf ihre mangelnde ökonomische Leistungsfähigkeit zurückführt, oder auf eine um Menschenrechte unbekümmerte politische Gewaltausübung, ist sekundär. Die Attraktivität des begleitenden Vokabulars von Volksherrschaft und einer an echten Bedürfnissen orientierten Produktion hat in jedem Fall gelitten.

Anderseits hat auch die Sozialdemokratie, die in vielen Spielarten den Sozialismus als Idee pflegte, längst von ihm Abschied genommen. Vom um 1975 einsetzenden Kater eines vulgären Keynesianismus durch Staatsexpansion und Umverteilung hat sie sich noch nicht erholt. Unter anderem deshalb nicht, weil Ausgabenexpansion und Umverteilung auch unter angeblich neoliberalen Umständen stattfanden, Staatsquoten und Verschuldung nach wie vor historisch hoch sind, aber die erwarteten Gleichheitseffekte sich nicht eingestellt haben. Heute beschränkt sich die Linke darauf, gegen angeblich zu geringe Überleitungsquoten von Arbeiterkindern auf die Universität zu protestieren und den eigenen Hartz-IV-Programmen die Forderung nach Mindestlöhnen nachzuschieben. Die Attraktivität dieser Politik für die Entrechteten kann an den Wahlerfolgen der SPD abgelesen werden.

Handelt es sich bei Axel Honneths Versuch also nur um ein spätes akademisches Kratzen an der generationellen Wunde jener, die ihre Jugend - Honneth ist Jahrgang 1949 - mit zweitklassiger Gesellschaftstheorie verschwendet haben und danach eine politische Erwartung nach der anderen kassieren mussten? Honneths Begründung dafür, an klassischen Texten sozialistischer Autoren von Louis Blanc über Proudhon bis zu Marx noch einmal zu prüfen, was an ihnen brauchbar ist, sieht vom Sozialismus im zwanzigsten Jahrhundert und überhaupt von sozialen Tatsachen weitgehend ab. Sie lautet: Den heute über den Kapitalismus und seine Ungerechtigkeiten "empörten Massen" mangele es an einer Vorstellung, welches Gesellschaftsmodell wünschenswert sei. Dem Unbehagen in der Gegenwart fehle es an einem "Zufluss" utopischen Denkens und "normativem Richtungssinn".

Der Sozialismus ist für Honneth also ein moralisches Argument, das massenhafte Empörung - unklar, wen er damit meint: Blockupy, Pegida, die Leser von Piketty, Syriza, Ukip? - benötige, um eine sich alternativlos gebende Wirklichkeit zu kritisieren. Damit einher geht die Vorstellung, dass es von der Qualität eines philosophischen Textes abhängt, was aus dem Sozialismus wird. Sozialistisch und richtig dachte für Honneth, wer von 1830 an der Industriegesellschaft und ihrer politischen Verfassung vorhielt, bürgerliche Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz einseitig gegenüber "Brüderlichkeit" als dem dritten Fahnenruf der Französischen Revolution zu begünstigen. Denn wahre Freiheit setze Brüderlichkeit voraus, sei "soziale Freiheit". Das klingt fast wie "soziale Marktwirtschaft".

Doch die kritische Theorie will nicht Ludwig Erhard oder Émile Durkheim wiederhaben, es geht ihr um mehr als die politische Einhegung ökonomischer Rücksichtslosigkeit. Honneth möchte demonstrieren, dass Freiheit die Anerkennung wechselseitiger Bedürftigkeit und gemeinsamer Zwecke aller Menschen impliziert. Zwanglos würde sich für Sozialisten "die individuelle Verwirklichung eines vernünftigen Zwecks innerhalb des gesellschaftlichen Ganzen nur dann vollziehen, wenn sie auf die Zustimmung aller anderen träfe und durch deren komplementäres Zutun überhaupt erst zur Vollendung käme". Freiheit ist Kooperation.

Das ist schön gesagt, es hängt nur viel an dem Wort "vernünftig" und der Frage, wer feststellt, welche Zwecke dieses Kriterium erfüllen. Die Antwort aus dem Hause Habermas, vernünftig sei, was auf aller Zustimmung trifft, muss, wenn die Geschwisterlichkeit nicht auf kleine Gemeinschaften eingeschränkt bleiben soll, mit langen Einladungslisten zu endlosen Diskussionen in Vernunftfeststellungsverfahren rechnen. Und mit dem aus der Geschichte des Sozialismus kommenden Verdacht, dass letztlich die Seminarleiter die meiste Vernunft sich selbst zutrauen.

Sozialistisch und falsch dachte für Honneth, wer das Argument, Freiheit sei Kooperation, auf die Organisation der industriellen Arbeit einschränkte und den Gegensatz von Markt und Plan absolut setzte. Falsch auch, wer den Sozialismus ausschließlich im Interesse einer oppositionellen Schicht liegen sah. Und falsch schließlich, wer sich versprach, er gehe aus den Krisen der kapitalistischen Ökonomie notwendig hervor. Ökonomismus, Klassenbewusstsein, Geschichtsphilosophie sind für Honneth heute von gestern.

Doch welche Gesellschaftstheorie, welche Akteure und welchen sozialen Hebel für den Sozialismus setzt er an den derart leergeräumten Stellen ein? Seltsamerweise findet Honneth, dass die Prognosen von Marx heute "haargenau" zuzutreffen scheinen: ein aussichtsloses Industrie- und Dienstleistungsproletariat, keine sozial geschützte längerfristige Beschäftigung, hohe Kapitalrenten, wachsende Einkommensungleichheit, Ökonomisierung des öffentlichen Sektors. Zwar hatte Marx eigentlich den Fall der Profitraten vorhergesagt, zwar wächst die Ungleichheit mehr in einzelnen Ländern als im Weltmaßstab, zwar ging der angeblichen Ökonomisierung von Krankenhäusern, Universitäten oder Verwaltungen ihr historisch beispielloser Ausbau voraus, weswegen sich fragen lässt, ob denn nur das Einsparen und nicht auch das Ausgeben einen Sektor ökonomisiert. Aber Honneth findet eben Soziologie, Ökonomie und Geschichte weniger wichtig als normative Schlüssigkeit, die Gesellschaftsbeschreibung gibt ihm Piketty in den Fußnoten.

Normativ findet Honneth, dass Kapitalerträge, also Zinsen und Profite, insbesondere spekulativ erworbene, keine Legitimation haben. Auch Erbschaften nicht. Und er schlägt vor, die Institution des Marktes von derlei unnützen Geschenken an Eigentümer zu lösen. Warum ausgerechnet Währungen oder Firmenanteile nicht gehandelt werden sollen, wäre genauso ein eigenes Thema wie Honneths implizite Behauptung, in der Einkommenshöhe liege kein Leistungsanreiz. Aber auch das würde wieder zu kontroversen Fachfragen in Disziplinen führen, für die er sich nur begrenzt interessiert, weil er sonst wüsste, wie lange und variantenreich sie dort schon diskutiert werden.

Was die Akteure eines künftigen Sozialismus angeht, so findet Honneth, dass nicht kollektive Bewegungen, sondern sozialpolitische Fortschritte die Träger der normativen Ansprüche sein sollten. Nicht aus der Lage der arbeitenden Klasse, sondern aus der erreichten Mitbestimmung oder dem Mindestlohn soll sich ergeben, was der nächste Fortschritt ist. Wer an dieser Stelle doch auf einer Adresse der Vernunftfeststellung besteht, bekommt zur Antwort: alle Bürger, insofern sie sich am politischen Prozess im Sinne Honneths beteiligen, was unter gegebenen Umständen auf sozialstaatlich motivierte Wähler, Politiker auf der Linken und entsprechende Interessenverbände hinausläuft. Es bleibt nur die Frage, womit sich all das den Namen einer Utopie oder auch nur einer Idee verdienen will.

Axel Honneth: "Die Idee des Sozialismus". Versuch einer Aktualisierung.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 168 S., geb., 22,95 [Euro].


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2015, Jürgen Kaube, © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv".


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